Der Fleischhändler und die zwei Metzger sind Freunde. Gute Freunde. Das einzige Problem ist, dass die Staatsanwaltschaft von dieser Art von Freundschaft nichts versteht. Deswegen sitzen die drei vor dem Frankfurter Amtsgericht. Der Vorwurf: Korruption.
Franz-Josef W., 63, sieht aus wie ein Schauspieler, der in einem Dieter-Wedel-Film einen Fleischgroßhändler spielt. Der massige Mann mit den listigen Augen ist dick im Geschäft. Er hat so eine Art Monopol auf belgisches Schweinefleisch, das nach Deutschland exportiert wird. Er ist belgischer Repräsentant einer großen deutschen Supermarkt-Kette. Er hat Geld. Er hat Fleisch.
Die Metzger brauchen Fleisch. Eigentlich sind sie gar keine richtigen Metzger mehr. Sie arbeiteten für eine große regionale Metzgerei, die die Supermarktkette mit eigenen Wursttheken bestückt. Sie hantierten als Fleischeinkäufer mit dreistelligen Millionenbeträgen. Sie kauften gerne bei Franz-Josef W. Weil, sagt Olaf K., 58 Jahre alter Metzger und hörbarer Hesse, „belgisches Fleisch e bissi billischer wie deutsches“ sei.
„Die Schinke laufe net“
Olaf K. und sein damaliger Chef Christoph B. haben im Lauf der Jahre so manches Geschenk vom Fleischhändler erhalten: Er zahlte ihnen Urlaube, Kreuzfahrten, Konzertkarten. Über die Qualität der Geschenke mag man streiten. Olaf K. etwa durfte im belgischen Oostende für lau übernachten. Und auf ein Howard-Carpendale-Konzert nach Köln. Und bei der Kreuzfahrt, erinnert sich Olaf K., „handelte es sich um ein Schiff der Costa-Linie“.
Die beiden Metzger haben dem Fleischhändler nie Vergünstigungen gewährt. Wie auch – er hatte ja keine Mitbewerber. Preisverhandlungen gab es auch. Olaf K. schildert sie so: „In der Sparschelzeit hab isch ihm gesacht: Du musst sehe, dass du Schinke beibringst. Wenn’s net so lief, hab isch gesacht: Die Situation is annersda, die Schinke laufe net.“ Beide Metzger, davon ist selbst die Staatsanwaltschaft überzeugt, waren immer bemüht, für ihre Metzgerei den besten Preis auszuhandeln – deren Geschäftsführung übrigens über die Vergünstigungen nicht informiert war.
Aber Korruption ist das trotzdem, wenn auch nicht auf höchstem Niveau. Und ohne große Geheimniskrämerei. „Macht euch ein paar schöne Tage“, hatte der Fleischhändler ihnen damals gesagt, „ich muss ja meinen Status bei euch sichern.“ Ihm sei schon klar gewesen, was der Fleischhändler von ihm gewollt habe, sagt Olaf K. Nämlich Aufträge. Aber die habe er ja sowieso gekriegt. Mangels Alternative.
Angeklagte stehen vor den Trümmern ihrer Existenz
Das Wort Freundschaft fällt oft in diesem Prozess. Wenn es denn reine Freundschaft war, fragt die Staatsanwältin, warum hätten denn dann die Metzger den Fleischhändler nie in den Urlaub eingeladen? „Weil ich der finanziell Stärkste von uns bin“, sagt der Fleischhändler. „da gibt es gar nichts zu diskutieren.“
„Das hat der Bundespräsident doch auch gemacht“, sagt der Anwalt des Metzgers. Aber der Bundespräsident ist ja auch nicht mehr im Amt. Die Metzger auch nicht. Olaf K.s ehemaliger Chef ist mittlerweile im Ruhestand. Olaf K. selbst wurde rausgeworfen, nachdem die Amigo-Connection aufgeflogen war. Er steht vor den Trümmern seiner beruflichen Existenz, ist mittlerweile in psychiatrischer Behandlung, seine Frau ist krank, die Rente noch Jahre entfernt. Er bereue es heute sehr, die Geschenke angenommen zu haben, sagt er, und das sei noch milde ausgedrückt.
Das Verfahren gegen Olaf K.s Chef wird im Laufe der Verhandlung eingestellt, er muss 5500 Euro Geldbuße zahlen. Ihm kommt zugute, dass der Fleischhändler ihm manche Vergünstigungen hat zukommen lassen, als er schon längst pensioniert war. Alte Freundschaft eben. Der Fleischhändler selbst, das macht sein Anwalt deutlich, werde „eine Verurteilung nicht hinnehmen“ und notfalls bis in die letzte Instanz gehen. Dazu hat er die Mittel.
Übrig bleibt Olaf K., der Metzger, der zum Fleischkaufmann wurde. Der jeden Freitag „die amtlische Notierung, was des Schwein nächste Woche kostet“, studierte. Der mit Millionensummen arbeitete, sich für ein paar tausend Euro korrumpieren ließ, der das alles noch nicht einmal als Korruption wahrgenommen hat und der heute alles verloren hat – egal, wie diese Verhandlung ausgeht.
Er werde künftig nicht einmal einen Kugelschreiber verschenken, sagt der Fleischhändler. Unrechtsbewusstsein zeigt er nicht. Es sei keine Korruption gewesen, sagt sein Anwalt, höchstens eine ganz kleine. „Zugegeben: Die ganze Geschichte hat ein bisschen Geschmack. Aber schlechter Geschmack ist nicht strafbar“, sagt der Anwalt. Da nicken die Metzger. Da sind sie vom Fach.