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Behr macht kurzen Prozess: Das Geld der Anderen

Justizia ist wachsam.
Justizia ist wachsam.
Foto: FR/Rutkowski

Nein, das Robin-Hood-System hat Ronald S. nicht ganz durchschaut. Obwohl er vieles richtig gemacht hat. Er nahm es von den Reichen. Er gab es den - mehr oder weniger - Armen. Aber jetzt findet sich der ehemalige Finanzmensch - Gruppenleiter Private Banking bei der Commerzbank - nicht in einem Heldenepos, sondern auf der Anklagebank des Frankfurter Landgerichts wieder.

In insgesamt 27 Fällen soll S. Kundengeld unterschlagen haben, der angerichtete Schaden soll 400.000 Euro betragen, schätzt die Staatsanwaltschaft. Dabei hat er das Geld kaum für sich selbst, sondern für seine Untergebenen ausgegeben. S. spendierte verdienten Mitarbeitern schon mal einen Parkplatz, auch wenn der denen aufgrund der strengen Bankenhierarchie gar nicht zustand. Er organisierte Musikbands für Kunden-Events, weil er einen Zauberer und eine Kinder-Schminkecke als Begleitung für den Sonntagsbrunch im Commerzbank-Tower zu popelig fand.

Er schmiss mit dem unterschlagenen Geld eine interne Weihnachtsfeier für seine knapp 30 Untergebenen. Es sei 2003 so ein gutes Geschäftsjahr gewesen, und die Commerzbank habe geknausert und keinen Feieretat zur Verfügung gestellt, während die Banker ringsum die Sektkorken knallen und den Nikolaus einen guten Mann sein ließen. "Ich musste doch irgendwas machen, damit die Leute bei der Bank blieben", sagt S. Der 49-jährige wirkt wie ein ganzer solider Finanzmensch. War er wohl auch. Bis ihn seine Karriere in eine Position brachte, der er einfach nicht mehr gewachsen war. In der es so unappetitliche Sachen wie quartalsmäßige "Performance-Gespräche" gab, in der und seine Kollegen von der Chefetage in "Durchschnitts-Leister, Grenz-Leister und Top-Leister" einteilte.

Die Mühle der Gier

S., allenfalls Durchschnitt, geriet in die Mühle der Gier. Auf der einen Seite die geldgierige Bank, auf der anderen die geldgierigen Kunden. S. kaschiert Fehlspekulationen, indem er Geld von einem aufs andere Konto verschiebt. Er will seinen "Status aufrechterhalten", seine Abteilung in ein "besonders gutes Licht" rücken. Dafür gibt er Geld aus, das er nicht hat. Im Gegensatz zur Familie F. Denn S. ist persönlicher Betreuer der schwerreichen Industriellenfamilie aus dem Badischen, die ihre Bonität der Erfindung eines heute noch bekannten Allesklebers und eines namhaften Mundwassers verdankt. Und die beweist, das Geld nicht glücklich macht.

Die Mutter schwerkranke Alkoholikerin, auf Anweisung der zerstrittenen Familie mit Psychopharmaka ruhiggestellt wird. Die eine Tochter manisch depressiv, von der Familie entweder in der geschlossenen Psychiatrie oder irgendwo in der riesigen Villa der F´s "versteckt", wie S. sagt. Er hat eine Generalvollmacht für das Konto der beiden. Die F´s haben so viel Geld, dass S´s Betrügereien gar nicht auffallen. Niemand fällt dem Banker S., der mittlerweile völlig dem Alkohol verfallen ist, in die Arme. Erst als die Commerzbank die Sauferei ihres leitenden Angestellten zuviel wird und sie ihm einen neuen Chef vor die Nase setzen, fliegt der Schwindel auf. Der Prozess ist auf mehrere Verhandlungstage angesetzt.

S., der angeboten hat, den Schaden im Rahmen seiner Möglichkeiten gutzumachen, wird möglicherweise mit einer eher milden Bewährungsstrafe davonkommen. Aber er steht vor den Trümmern seiner Existenz. Der Job ist weg, ein neuer nicht in Sicht, die Gesundheit ist ruiniert, die Psyche im Eimer. Er habe mehrfach versucht, sich umzubringen, sagt S. Er muss nun "von echtem Ersparten" leben. Und das wird immer weniger. Und warum das alles? "Ich hatte Angst, dass ich irgendwann nicht mehr die Nummer Eins sein würde", sagt S.

Autor:  Stefan Behr
Datum:  11 | 3 | 2010
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