Derzeit könnte sich der Eindruck einstellen, die Bildung hat schon schlechtere Zeiten erlebt. So lautet die Kernbotschaft dieser Woche, dass der Erhöhung des Bafög praktisch nichts mehr im Weg steht. Die Vorwoche stand dagegen wohl unter der Überschrift: „Bachelor-Absolventen geht es besser als gedacht.“ So zumindest übertitelten Bundesbildungsministerium (BMBF) und Hochschulrektorenkonferenz (HRK) eine gemeinsame Pressemitteilung.
Futter für die frohe Botschaft hatte eine neue Studie des Internationalen Zentrums für Hochschulforschung (Incher) der Uni Kassel geliefert. Sie sollte mittels Befragung von insgesamt knapp 70.000 Akademikern ans Licht bringen, wie es vor allem den Absolventen der neuen Studiengänge Bachelor und Master auf dem Arbeitsmarkt geht und wie sie ihr Studium rückblickend bewerten.
Ergebnis: Erfreulich wenige (vier Prozent der Uni-Bachelor und sechs Prozent der FH-Bachelor), die 2007 oder 2008 ihren Abschluss gemacht hatten, standen eineinhalb Jahre später ohne Job da. Sie schneiden damit offenbar nicht schlechter ab als ihre Kommilitonen mit Diplom oder Magister. „Dass es keinen Arbeitsmarkt für die neuen Abschlüsse gibt, wie oft behauptet wird, ist schlicht falsch“, so Studienleiter Harald Schomburg zur Frankfurter Rundschau.
Auch die Befürchtung, „dass die neuen Studiengänge die Mobilität untergraben“, stimme nicht. Vielmehr zeige die Studie, dass in den neuen Studiengängen deutlich mehr Akademiker in spe eine Zeit lang im Ausland studieren. Wer einen genaueren Blick in die Untersuchung wirft, wird stutzig: Denn so rosig die Kasseler ebenso wie HRK und BMBF die Lebenswirklichkeit der neuen Absolventen-Generation malen, sieht die nicht aus. Kritikwürdiges findet sich in der Studie allemal.
Wer etwa feststellen will, dass die neuen Absolventen mobiler geworden sind, muss schon genauer nachlesen: Mehr Auslandserfahrung sammeln allein die Bachelor- und Master-Studierenden an den Fachhochschulen: Sie liegen mit 27 beziehungsweise 22 Prozent vor den traditionell Studierenden (20 Prozent). An den Unis muss man die Auslandserfahrung von Bachelor- (28 Prozent) und Master-Kandidaten (35 Prozent) schon zusammenzählen, um auf ein höheres Ergebnis der Diplom- und Magister-Vertreter zu kommen (37 Prozent).
Schomburg findet diese Lesart falsch: „Man kann den kürzeren Bachelor nicht mit dem alten Diplom-Studiengang vergleichen und die gleiche Auslandserfahrung erwarten“, argumentiert er. Möglicherweise. Nur kann man dann auch nicht wie in der jüngst veröffentlichten Pressemitteilung behaupten: „BA-Studierende an deutschen Unis sind keineswegs seltener mobil“, wenn die Studie doch das Gegenteil belegt.
Die Situation von Hochschulabsolventen unterschiedlicher Länder untersucht das Internationale Zentrum für Hochschulforschung (Incher) der Universität Kassel bereits seit einigen Jahren. Für die aktuelle Studie, von der bislang nur eine 30-seitige Zusammenfassung vorliegt, wurden knapp 70.000 Absolventen der Prüfungsjahrgänge 2007 und 2008 anderthalb Jahre nach ihrem Studienabschluss nicht zuletzt zu ihrer beruflichen Situation befragt.
Das Incher kooperierte dafür bundesweit mit 52 Hochschulen, mitfinanziert wurde die Studie vom Bundesbildungsministerium. Etwa 8300 der Befragten hatten einen Bachelor-Abschluss, 3000 einen Master.
Fragwürdig ist ferner, dass Schomburg die vermeintlich hohe Auslandsmobilität der neuen Absolventen nicht zuletzt mit „dem hohen Anteil der Geistes- und Sozialwissenschaften“ erklärt. Auch in der Vergangenheit seien diese Studiengruppen besonders mobil gewesen. Das kann durchaus sein. Nur erfährt der Leser zumindest bei einem Blick in die 30-seitige Zusammenfassung der Studie (die Gesamtuntersuchung soll erst 2011 veröffentlicht werden) über die Datenlage anderer Disziplinen nichts. Daraus zu schließen, dass auch sie viel Gelegenheit zum Auslandsstudium finden, lässt sich somit nicht nachvollziehen. Und doch geht auch das BMBF auf Nachfrage nur von einer „leichten Verzerrung“ aus, die „an der Grundaussage, dass die neuen Studiengänge nicht mobilitätsfeindlich sind“, nichts ändere. Belegt ist das nicht.
Erstaunlich positiv nimmt sich wiederum die Bewertung der beruflichen Situation der neuen Absolventen aus. So sei ihr Einkommen in den meisten Fachrichtungen allenfalls „etwas geringer“ als die der Diplom-Ingenieure und Germanistik-Magister. Auch hier mag die Einschätzung bei den neuen FH-Absolventen noch stimmen: Ihre Gehälter liegen zwischen drei und acht Prozent unter denen ihrer Kommilitonen. Anders bei den Uni-Absolventen: Gemessen an einem durchschnittlichen Brutto-Jahreseinkommen der FH- und Uniabsolventen des alten Systems von etwa 36500 Euro verdienen die neuen Kultur- und Sozialwissenschaftler im Schnitt elf Prozent, Wirtschaftswissenschaftler zwölf und Ingenieurwissenschaftler 15 Prozent weniger. Extrem wird es bei den Mathematikern und Naturwissenschaftlern: Ihnen stehen 21 Prozent weniger, also rund 28.800 Euro zum Leben zur Verfügung.
Wohlgemerkt: als Durchschnittswert. Ausreißer wurden für einzelne Fächergruppen nicht erfasst. Der Median, der die Gehälter anders als der Mittelwert in zwei gleich große Gruppen teilt, von denen eine Hälfte weniger, die andere mehr verdient als der Median, ist in der Studie nur für alle Studierenden gemeinsam erfasst: Während die Master sowie Absolventen der alten Studiengänge an Unis mit rund 39.000 Euro im Jahr noch gleich viel verdienen, sind es beim Bachelor satte 12.000 Euro weniger.
Solche Unterschiede als „geringfügig“ abzutun, ist gelinde gesagt gewagt. Und doch aus Sicht des BMBF keinesfalls alarmierend: Insgesamt sei das Ergebnis „erwartbar“, heißt es dort. So sieht das auch Schomburg. Für ihn eine „Frage des Bewertungsmaßstabes“. Man könne auch in diesem Punkt „bei einer geringeren Studiendauer nicht von einer gleichen Einstufung ausgehen“. Er setzt auf das Prinzip Hoffnung: Längst seien nicht alle Studiengänge auf das neue System umgestellt, die Zahlen lieferten ein vorläufiges Ergebnis.
Klar ist dabei aber auch: Pressemitteilungen kämen glaubwürdiger daher, würden auch negative Entwicklungen benannt. Ähnlich sieht das Andreas Keller, Leiter des Vorstandsbereichs Hochschule und Forschung bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft: „Wenn schon mit Studien Politik gemacht und verkündet wird, den Bachelor-Absolventen ginge es prima, dann muss eine Untersuchung auch hieb- und stichfest sein.“ Anstatt sie schönzureden, sollten die neuen Studiengänge lieber weiter verbessert werden.
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