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Bad Homburg und Hochtaunus
Berichte und Bilder aus Bad Homburg und dem Hochtaunus

24. Februar 2016

Bad Homburg: Dem Kasino geht's wieder gut

 Von Martina Propson-Hauck
Fjodor Dostojewski verhalfen vor knapp 150 Jahren seine ruinösen Spielbankbesuche in Homburg, Wiesbaden und Baden-Baden zu literarischem Ruhm, denn er hielt sie in seinem Roman „Der Spieler“ fest.  Foto: imago stock&people

Von wegen „rien ne va plus“– die Bad Homburger Spielbank wird 175 Jahre alt. Das Kasino verfügt nach eigenen Angaben über das breiteste Spielangebot in Deutschland.

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Er trug Jeans, Lederjacke und Hut wie immer. Aber damit kam er nicht rein. Da half auch kein Prominentenbonus. Udo Lindenberg, so geht die Fama, wollte sich offenbar auch im Bad Homburger Kasino auf keinen Fall von seinem Markenzeichen trennen. Über ein nicht vorhandenes Jackett sieht man hier vielleicht schon einmal hinweg, hilft auch gern mit einem Schlips aus, aber Hut? Also Schlapphut, nein, der geht gar nicht in den unheiligen, aber der Tradition verpflichteten, historischen Hallen des Glücksspiels im Kurpark.

Lutz Schenkelberg, heutiger Geschäftsführer des Hauses, kann man zum Wahrheitsgehalt solcher Geschichten nicht befragen. „Hier verkehrt sehr viel Prominenz aus Kunst, Kultur, Sport und Wirtschaft, aber wir leben von unserer Diskretion“, sagt er deutlich und bestimmt. Keine Paparazzi, keine „Bild“. Als seriöse Journalistin schämt man sich ein wenig, weil man gewagt hat, nach Glanz und Glamour zu fragen.

In vergangenen Jahrzehnten zeigten sich Prominenz und Stars viel offener: Nadja Tiller, Cornelia Froboess, Curd Jürgens, Walter Giller, Ernst Stankovski oder Ivan Rebroff verewigten sich noch ganz ungeniert im Gästebuch des Hauses und ließen sich gern an den Spieltischen fotografieren. Genau wie der amerikanische Schwimmer Mark Spitz oder der polnische Präsident Lech Walesa.

Fjodor Dostojewski verhalfen vor knapp 150 Jahren seine ruinösen Spielbankbesuche in Homburg (damals fehlte noch der Zusatz „Bad“), Wiesbaden und Baden-Baden zu literarischem Ruhm, denn er hielt sie in seinem Roman „Der Spieler“ fest. Natürlich streiten sich die drei Kurstädte heute um diesen Ruhm, zumal der Schriftsteller ganz diplomatisch von einem fiktiven Roulettenburg spricht. „Homburg“ wird aber auch genannt, drum haben spitzfindige Literaturhistoriker bezweifelt, dass mit Roulettenburg Bad Homburg gemeint sein könne. Wenn man sich aber die Umstände vergegenwärtigt, unter denen Dostojewski den Roman geschrieben hat, so kann man solcherlei Abweichung durchaus vernachlässigen. In verzweifelten Briefen an seine Frau hat Dostojewski Homburg immer wieder erwähnt, vom Kurpark geschwärmt, aber über sein Pech im Roulette gejammert. Als er endgültig pleite war, setzte ihn sein Verleger unter Druck: In nur vier Wochen sollte er einen neuen Roman liefern, sonst fielen alle Rechte seiner Bücher an den cleveren Verleger. Den „Spieler“ diktierte er seiner jungen Stenografin im Eiltempo von nur 24 Tagen, um seinen endgültigen Bankrott noch einmal abzuwenden.

Als er 1870 das dritte Mal in Homburg zu Gast war, wohnte er nur wenige Meter von Kurpark und Spielbank entfernt im Hotel du Parc. Für anderthalb Gulden am Tag logierte er dort im Zimmer 10. Das Gebäude an der Ecke von Schwedenpfad und Elisabethenstraße steht noch heute, eine unscheinbare Tafel erinnert an den Aufenthalt des Schriftstellers. 1863 und 1867 wohnte er unter anderem auch im Hotel Victoria in der Louisenstraße, wo heute das Kaufhaus Karstadt steht.

Die Spielbank in Bad Homburg nach der Sanierung.  Foto: Michael Schick

Immer wenn er in Homburg war, suchte Dostojewski sein Glück im Kasino. Er reiste durch Europa wie so viele Adlige und Bürger, wie andere Schriftsteller und Künstler im 19. Jahrhundert. Auch dank der Erfindung der Eisenbahn, die Entfernungen schrumpfen ließ. „Was war das gestern für ein herrlicher Tag! Ich ging etwas im Park spazieren und muss zugeben, die Gegend ist bezaubernd. Der Park ist großartig“, schrieb Dostojewski um 1867 und lobte den damals erst knapp fünfzehn Jahre alten Kurpark des Kurbads, angelegt vom bedeutenden preußischen Gartendirektor Peter Joseph Lenné. Im Kurhausgarten steht seit Juli 2014 ein Dostojewski-Denkmal des russischen Künstlers Nicolai Karlychanow.

Nach der russischen Gräfin Kisseleff, einer hoffnungslos spielsüchtigen Dame und zeitweisen Miteigentümerin der Spielbank, ist in der Kurstadt sogar eine Straße benannt. Sie lieferte Dostojewski ebenfalls Stoff für die Figur der Großtante in seinem Spielerroman.

Wenn die Bad Homburger Spielbank am 23. Mai feiert, dass vor 175 Jahren hier das erste Mal eine Roulettekugel rollte, dann tut sie das auch in demütiger Verneigung vor Dostojewski. Sebastian Koch liest aus „Der Spieler“ direkt am Roulettetisch. Das hat der Grimme-Preisträger schon einmal im Rahmen des Literatur- und Poesiefestivals der Stadt getan, das Publikum war begeistert. Doch wie bereits damals sind auch jetzt alle Karten schon längst ausverkauft.

175 Jahre sind ja kein Alter. Vor allem, wenn man bedenkt, dass in Venedig bereits 200 Jahre zuvor das erste Spielkasino eröffnete. In ganz Europa breitete sich das institutionalisierte Glücksspiel im 18. Jahrhundert aus, gespielt wurde aber schon weitaus länger: Belegt ist das Glücksspiel unter freiem Himmel seit 1170 in Venedig, in Frankfurt am Main gab es 1396 das erste deutsche Spielhaus. Die erste deutsche Spielbank wurde 1720 in Bad Ems gegründet. Zu wahren Glücksspielmetropolen konnten sich Städte wie Baden-Baden oder eben auch Homburg aber erst entwickeln, als in England (1832) und Frankreich (1838) alle öffentlichen Spielbanken geschlossen wurden.

Die Franzosen François und Louis Blanc waren es denn auch, die auf der Suche nach ihrem eigenen finanziellen Glück mit dem lukrativen Glücksspiel in das Nachbarland auswichen. „Die Bank gewinnt immer“ lautet die Devise. Sie revolutionierten 1841 mit der Gründung der Homburger Spielbank immerhin auch das gesamte Spielwesen: Sie schafften die sogenannte Doppel-Zéro ab, wodurch die Gewinnchancen der Spieler stiegen.

Homburg wurde zur erfolgreichsten Spielbank der damaligen Zeit und prosperierte dadurch auch als Stadt: Aus dem 3000-Einwohner-Kaff mit kleinen, unansehnlichen Holzhäusern am Schlossberg, in dem ein ebenfalls verarmter Landgraf vergeblich beim Frankfurter Bankier Rothschild um Kredit für die Finanzierung eines Kurhauses vorsprach, aus dem „kleinen Drecksnest“ also, wie die Blancs Homburg selbst auch nannten, wurde eine der wohlhabendsten Städte nicht nur im Rhein-Main-Gebiet, sondern in ganz Deutschland. Auch 2016 steht der Hochtaunuskreis im Kaufkraftindex hinter Starnberg deutschlandweit auf Platz zwei. Und daran hat die einstige Kombination von Kurwesen und Spielbank in Bad Homburg keinen geringen Anteil.

Besonders bei schlechtem Wetter lohnt sich ein Besuch.  Foto: Michael Schick

Der clevere Landgraf Ludwig von Hessen-Homburg verknüpfte nämlich die Vergabe des Spielbetriebs mit der Auflage, ein Kurhaus zu bauen und zu finanzieren, das die kurz zuvor entdeckten Heilquellen zu wahren Geldquellen machen sollte. Straßenbeleuchtung, Wasserleitungen, der Anschluss Homburgs an die Welt durch den Bau der Eisenbahnverbindung nach Frankfurt – das alles machte Homburg zum erfolgreichen Bad mit internationalem Flair. Der kleine Kurort „vor der Höhe“ verwandelte sich zu einem der führenden Spielbadeorte Europas. In London, Paris, Madrid und Petersburg berichteten Zeitungen von sagenhaften Gewinnen, die man in der Homburger Spielbank machen könne – auch dank einer geschickten PR-Strategie der Blanc-Brüder, die Journalisten kostenlos nach Homburg zum Spielen einluden. Alle kamen: nicht nur Journalisten, sondern gekrönte Häupter, Blut- und Geldadel, selbst Helden der Arbeiterbewegung wie Ferdinand Lassalle.

Die Homburger Spielbank wurde später zur „Mutter von Monte Carlo“, so ein Werbeslogan, wo François Blanc mit seiner Friedrichsdorfer Frau Marie eine der berühmtesten Spielbanken der Welt aufbaute, kopiert später in der Wüste von Nevada. Der Kreis nach Las Vegas schloss sich zu Jahresbeginn 2013, als die ehemalige Bürgermeisterin der Spielermetropole den Neujahrsempfang der Stadt Bad Homburg beehrte. Damals hatte die Stadt gerade selbst die Spielbanklizenz übernommen, nachdem die Unternehmer Werner Wicker und zuvor Hermann Heidtmann die Nachkriegsgeschichte der Spielbank bestimmt hatten.

Am 31. Dezember 1872 schlossen sich die Türen der Spielbank übrigens für viele Jahrzehnte, Homburg war nach dem Aussterben des Landgrafenhauses preußisch geworden und in Preußen herrschte Spielverbot. Das Verbot am Roulette-Tisch auf den ganz großen Gewinn zu setzen, erstreckte sich übrigens von Anfang an bis zum Jahr 1986, als das sogenannte Residenzverbot aufgehoben wurde, auch auf die einheimische Bevölkerung. Bad Homburger Bürger durften erst in der jüngeren Zeit auf „rouge“ oder „noir“ setzen – und probieren, ob vielleicht doch noch etwas geht.

Wer nicht spielen will, geht ins Restaurant

Im Oktober 1948, 77 Jahre nach ihrer Schließung, eröffnete die Spielbank im historischen Brunnensälchen, wo sie heute nach vielen An- und Umbauten immer noch untergebracht ist. Und das einst als Provisorium eingerichtet worden war, bis das Kurhaus gebaut war. Seit dem 1. Januar 2013 betreibt die François-Blanc-Spielbank GmbH das Homburger Kasino. Sie ist eine Tochtergesellschaft der Kur- und Kongress-GmbH, die wiederum Tochtergesellschaft der Stadt ist. Hintergrund der Übernahme waren die ständig schrumpfenden Bruttospielerlöse der Spielbanken insgesamt. Doch mittlerweile geht es mit den Erlösen aus dem Spiel mit der elfenbeinfarbenen Kugel, dem Black Jack oder dem immer erfolgreicheren Automatenspiel wieder bergauf. „Wir sind eine der erfolgreichsten Spielbanken in Deutschland“, sagt Schenkel stolz. Aktuell rangiert Bad Homburg an sechster Stelle unter den 62 deutschen Spielbanken. 2015 habe man mit 31 Prozent das stärkste Umsatzplus aller deutschen Spielbanken erwirtschaftet, betont der Geschäftsführer. 24,2 Millionen Euro betrug der Bruttospielerlös 2015. In den Hochzeiten der Branche war das allerdings auch mal fast das Doppelte. Das war noch vor 2008, als mit dem Glücksspiel-Staatsvertrag Einlasskontrollen sowie eine Überwachung und Sperrung suchtgefährdeter Spieler kamen, die den Automatenspielhöllen einen großen Vorteil gegenüber den traditionellen Kasinos verschafften – und die Umsätze in der gesamten Branche sich mehr als halbierten. Rauchverbot und die Konkurrenz durch Internetglücksspiel drohten den Traditionskasinos den Todesstoß zu versetzen.

Nun deutet sich zart eine erneute Wende an. Allerdings hat die Bad Homburger Spielbank seit 2013 auch einen hohen Millionenbetrag in die Sanierung der Räume investiert: Neue Wandbespannungen, Teppiche und ein modernes Lichtsystem lösten den 80er-Jahre-Charme der Räume ab, 30 neue Automaten sind ein Tribut an die Vorlieben der modernen Zeit. Das Kasino verfügt nach eigenen Angaben über das breiteste Spielangebot in Deutschland. Und wer nicht spielen will, kann dort auch in einem Restaurant essen, an der Bar einen Drink nehmen oder sich im Nachtclub unterhalten lassen.

Die finanzielle Entwicklung seit der Übernahme durch die Stadt freut auch Bürgermeister Karl Heinz Krug. Er verbucht als Kämmerer erstmals wieder einen Anstieg des städtischen Anteils an der Spielbankabgabe auf 3,6 Millionen Euro, für 2016 rechnet er sogar noch mit ein wenig mehr. Das ist in Zeiten sonst eher notleidender Kommunen eine nette Zusatzeinnahme. Das Geld fließt in die Wohnungsbaurücklage und in den Unterhalt des Seedammbades. Auch die Gewinne, die die Kurgesellschaft über ihre Spielbanktochter macht, kommen durch Investitionen in Kurpark und Kureinrichtungen den Bürgern der Stadt indirekt wieder zugute. Zudem ist die Spielbank verpflichtet, Kultur- und Sportveranstaltungen finanziell zu unterstützen.

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