Bad Homburg und Hochtaunus
Berichte und Bilder aus Bad Homburg und dem Hochtaunus

12. Januar 2013

Film über Demenz: Gegen das Vergessen

 Von Miriam Keilbach
Gretel und David Sieveking im Garten ihres Hauses.  Foto: farbfilm verleih

David Sieveking verarbeitet die Demenzerkrankung seiner Mutter künstlerisch. Sein Film „Vergiss mein nicht“ gewann den Hessischen Filmpreis als bester Dokumentarfilm und den Hauptpreis beim Festival del Film Locarno.

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Suppe an Heiligabend und kein Geschenk für David. Gretel Sieveking ist dement. 2010, zwei Jahre nach der Diagnose, kehrt David Sieveking in sein Bad Homburger Elternhaus zurück. Ausgestattet mit einem Kamerateam übernimmt er die Pflege seiner 73-jährigen Mutter, damit Vater Malte eine Auszeit nimmt. „Vergiss mein nicht“ gewann den Hessischen Filmpreis als bester Dokumentarfilm und den Hauptpreis beim Festival del Film Locarno.

Schon 2005 zeigte Gretel Sieveking erste Anzeichen von Demenz. „Sie war völlig verändert und trotzdem gab es keine Diagnose“, sagt David Sieveking. Im Buch zum Film schreibt er über den Frust über die Ärzte. „So lange wir die Diagnose Demenz nicht hatten, hofften wir, dass es wieder besser wird.“ Als es 2008 die Bestätigung gab, war es für eine Therapie zu spät. „Es hieß, sie habe eine leichte kognitive Beeinträchtigung. Dabei kannte sie ihr Geburtsdatum nicht mehr.“

Statt eine ruhige Zeit nach seiner Pensionierung zu genießen, pflegte Malte Sieveking fortan seine Frau. „Mein Vater lebte fast in Isolation“, sagt Sieveking. Er wollte, dass beide Eltern vom Film profitieren. „Der Austausch mit mir und dem Team tat meinem Vater gut. Wir hatten eine ausgeprägte Gesprächskultur daheim, das ging mit der Demenz verloren.“

Malte und Gretel Sieveking gehörten intellektuellen Kreisen an, er Matheprofessor, sie Journalistin beim NDR. Sie lebten einst in der Schweiz; weil sie dort als radikale Kommunisten eingestuft wurden, kamen sie nach Bad Homburg. Gretel engagierte sich bei den Grünen. Im Film dokumentiert Sieveking nicht nur anderthalb Jahre des Lebens seiner Mutter, er forscht auch in der Vergangenheit. Seine Eltern führten eine offene Ehe. David lernt seine Eltern neu kennen.

„Die Pflege war fordernd“, sagt Sieveking. „Ich dachte öfter, ich schaffe das nicht, aber das Team mich aufgerichtet.“ Im Film gibt es eine Szene, Mutter und Sohn im Kinderzimmer. „Dann mach’ das mal, und dann kann ich nach Hause gehen“, sagt Gretel.

Ein anderes Mal hält sie David für Malte. Komische, absurde Momente, in denen man sich für den Humor schämt. „Es ist wichtig, humorvoll damit umzugehen, damit man ihr nicht das Gefühl vermittelt, dass sie etwas falsch macht.“ Humor sei besser als verbiesterte Betroffenheit, sagt Sieveking.

Er versucht im Film, seine Mutter immer wieder zu animieren. Sie gehen ins Seedammbad, doch die Mutter hat Angst. Er reist mit ihr nach Stuttgart, wo sie einst lebte und ihre Schwester noch immer wohnt. Er fährt mit ihr in die Schweiz, um Malte abzuholen.

Sechs Pflegekräfte aus Osteuropa arbeiteten bei der Familie. Einige sprachen kaum Deutsch und waren völlig überfordert. Mit den anderen hatte die Familie Glück. „Es ist absurd, dass Frauen aus Osteuropa unsere Alten pflegen, obwohl sie zu Hause selbst Eltern und Kinder haben, die Betreuung brauchen“, sagt der 35-Jährige. Dennoch, für die Familie war das die beste Lösung.

Gretel war zur Kurzzeitpflege in der Kursana Villa Oberursel, sie blühte dort auf, doch Malte, David und seine Geschwister spürten, dass Gretel sich entfremdete. „Sie hat sich wohlgefühlt, doch auch finanziell wäre es eine Belastung gewesen.“ Es sei der Wunsch der Familie gewesen, die Zeit mit Gretel noch zu nutzen. Margarete Sieveking starb im Februar 2012.

„Vergiss mein nicht“ läuft am 31.1. deutschlandweit in den Kinos an. Vorpremiere mit David Sieveking vor Ort ist am 29.1. 20 h im „Mal sehn“ in Frankfurt.

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