Bad Homburg und Hochtaunus
Berichte und Bilder aus Bad Homburg und dem Hochtaunus

15. November 2013

Goldschmidt-Sanatorium: Ende einer Kur-Epoche

 Von Olaf Velte
Verfällt zusehends: Blick in das ehemalige Taunus-Sanatorium Dr. Goldschmidt. Foto: Sascha Rheker

Vielerorts wird dieser Tage an die Verbrechen der Nazi-Zeit erinnert. Auch das Goldschmidt-Sanatorium am Rande der Homburger Innenstadt ist Zeugnis jüdischer Stadtgeschichte - und dem Verfall preisgegeben.

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Vielerorts wird in diesen Tagen an die Deportation jüdischer Mitbürger zu Zeiten der nationalsozialistischen Diktatur erinnert. Auch im Bahnhof von Bad Homburg wurde unlängst eine Gedenktafel feierlich enthüllt. Während die Erinnerungsarbeit fortschreitet, verfällt am Rande der Homburger Innenstadt in aller Stille ein Zeugnis jüdischer Kurgeschichte.

Seit 15 Jahren steht der repräsentative Sanatoriumsbau an der Unteren Terrassenstraße leer. Nach dem Auszug des Bundesausgleichsamtes wollte die Stadt auf dem Eckgrundstück eine private Kurklinik ansiedeln – was sich aber nicht realisieren ließ. Damals waren das ehemalige „Taunus-Sanatorium“ und der vorgelagerte Park in gutem Zustand, verwiesen auf die Gründung durch den jüdischen Arzt Siegfried Goldschmidt im Jahre 1911. Heute ist das 20 000 Quadratmeter große Anwesen im Besitz des Hochtaunuskreises, der es als Erweiterungsfläche für das benachbarte Kaiserin-Friedrich-Gymnasium nutzen möchte. Nachdem sich jahrelang Vandalen in dem mehrgeschossigen Haus ausgetobt hatten, ließ es der Kreis im vergangenen Jahr massiv verrammeln. Eine Aktion, die zu spät durchgeführt wurde: Die Schäden im Inneren sind gravierend, mittlerweile dringt zudem Feuchtigkeit in großem Stile ein und bringt Zwischendecken zum Einsturz.

Dass die Kurstadt sich um ihr jüdisches Erbe bemüht, findet Ausdruck in einer Erhaltungssatzung, die im März 2011 auf den Weg gebracht wurde. Obwohl nicht unter Denkmalschutz stehend, sei die auf Gonzenheimer Grund erbaute Anlage „von hoher geschichtlicher Bedeutung“. Auch der Gemeinschaftskreis „Unser Homburg“ macht sich seit Jahren stark für die Bewahrung des noch immer imposanten Ensembles.

„Künftige Generationen“, so Margret Nebo, „werden es bedauern, wenn das Sanatorium aus dem Stadtbild verschwunden ist.“ Trotzdem hält die Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Hochtaunus eine kurzfristige Rettung für wenig realistisch: „Der Kreis kann die Sanierungskosten in Millionenhöhe wohl nicht tragen.“ Eine Option sei die Suche nach Sponsoren.

Als Kennerin der jüdischen Stadthistorie weiß Nebo um die Bedeutung der im NS-Staat enteigneten rituellen Heileinrichtung, in der „innere und nervöse Erkrankungen“ kuriert wurden. Sie ist das letzte Überbleibsel einer Kur-Epoche, die von jüdischen Ärzten und deren Anstalten geprägt wurde. Darüber hinaus birgt das Goldschmidt-Haus ein schmerzvolles Jahrhundert deutscher Geschichte.

Was der Heilung dienen sollte und mit einer eigenen Synagoge versehen war, wird ab 1937 zum Standort verschiedener Militärbehörden. Nach den Reichsbahnern kommen US-Geheimdienstler, danach folgen wiederaufbauwillige deutsche Beamte. Lange Zeit werden die Zimmerfluchten und Prunksäle zum Schauplatz von Wertpapierbereinigung und Lastenausgleich. Auch dies endet schließlich. Im „Sondergebiet Kur“ kehrt Stille ein.

Noch stehen Sanatorium und Lindenallee, noch ist die ursprüngliche Gestalt erkennbar. Nach all den Verheerungen.

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