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Bad Homburg und Hochtaunus
Berichte und Bilder aus Bad Homburg und dem Hochtaunus

15. Januar 2013

Kinderbetreuung: Männer spielen mit

 Von Miriam Keilbach
Alexander Schlaaff in der Brandenburger-Kita. Foto: Martin Weis

In der Bad Homburger Kita Brandenburger Straße ist das Nicht-Alltägliche der Alltag: acht Männer arbeiten in Krippe, Kindergarten und Hort mit. Die Leitung macht die Erfahrung, dass die Kinder sich besser entwickeln, wenn sie sich an beiden Geschlechtern orientieren können.

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Gerade spielen Alex und Simon noch mit Luftballons, schon liegen sie raufend auf einer Matte in der Ecke. Simon versucht Alex die Hose runterzuziehen. Alex schreit. Andreas Schlaaff, der mit drei anderen Kindern Monopoly spielt, wird auf die Situation aufmerksam. „Raufen ist erlaubt, aber nur, wenn es nicht wehtut“, sagt er ruhig aber bestimmt. Alex setzt gerade an, sich zu verteidigen, als Schlaaff sagt: „Es geht nicht darum, wer angefangen hat. Die Matte ist zum Liegen da“, und spielt weiter.

So sieht Konfliktlösung bei einem Mann aus. Früher arbeitete Andreas Schlaaff bei der Bundeswehr. Vor drei Jahren machte er eine Umschulung. Heute ist der 29-Jährige Erzieher in Teilzeit. Nach dem Anerkennungsjahr wurde er in der Kita Brandenburger Straße übernommen, im Hort mit 57 Kindern. Nebenbei studiert er Soziale Arbeit, er möchte später in die Jugendarbeit. „Kinder sind ehrlich, die Arbeit macht Spaß“, sagt er. „Es gefällt mir, eigene Moralvorstellungen und Werte weiterzugeben.“ Er habe das Gefühl, etwas Gutes zu tun, Kinder auf einen besseren Weg zu bringen.

"Die Grenzen verschwimmen"

Die Kita Brandenburger Straße ist ein offenes Haus, ganz oben ist der Kindergarten, darunter kommen die Hortkinder, unten die Krippenkinder. Die Hort- und die Kindergartenkinder können sich frei im Haus bewegen. Drei Mädels basteln im Forscherraum, ein Junge spielt im Casino mit der Eisenbahn, zwei Erstklässlerinnen sind in der Bibliothek.

Acht Männer arbeiten in der Einrichtung, und ungefähr genau so viele Frauen. Alle Kinder kommen mit einem Erzieher in Kontakt. „Ich leite die Einrichtung schon lange, das hatte nie Auswirkungen“, sagt Jörg Eltzholtz. Erst mit den ersten beiden Erziehern vor fünf Jahren stiegen die Anfragen. „Für Männer ist es einfacher, wenn andere Erzieher vor Ort sind.“ Sie sind für Eltzholtz unverzichtbar, „Kinder können sich an beiden Geschlechtern orientieren und Kontakt suchen, wo und wann sie wollen.“ Lisa kommt auf allen Vieren angekrabbelt. Dann rennt sie auf Schlaaff zu und stürzt sich in seine Arme. Er streichelt ihr über die Haare und redet mir ihr. Gerade hat er keine Zeit, Lisa zieht sich zurück. Lisa ist sieben Jahre alt und ein Hortkind; seit er in der Kita ist, ist Lisa auch da.

Bald wird Schlaaff ihr nicht mehr über die Haare streicheln, das Kuscheln wird wegfallen, er wird sie nicht mehr auf den Schoß nehmen. „Man wird vorsichtiger, aber die Mädels distanzieren sich auch mehr, wenn sie älter werden.“ Mädchen ab acht würden weniger Körperkontakt wollen – und er muss Grenzen ziehen. Schlaaff erzählt, dass er nicht gleich sage, dass er Erzieher sei. „Erzieher hat das Dogma, kein männlicher Beruf zu sein.“ Vom Soldaten zum Erzieher, „wir haben weibliche Soldaten und männliche Erzieher, die Grenzen verschwimmen“, sagt Schlaaff.

Männliche Ansichten durchsetzen

Tobias Funke, der ebenfalls im Hort arbeitet, sagt: „Einige Leute gucken schon, wenn ich sage, dass ich Erzieher bin, aber viele bewundern es auch.“ Man brauche starke Nerven, mit so vielen Kindern zu arbeiten, hin und wieder höre er aber nur ein „Na, gehst du wieder bespaßen?“. Daniel Drahtschmith, Erzieher im Kindergarten, malt einem Jungen Tattoos auf den Arm. „Eine männliche Bezugsperson zu sein ist anspruchsvoller, als Blockflöte zu spielen.“

Für Schlaaff war schön, dass es noch einen anderen Erzieher gab, als er anfing – und dass ein Mann die Einrichtung leitet. „Das ist eine andere Basis für Gespräche.“ Funke sagt: „Ich war auch schon einmal der einzige Mann, Kolleginnen sind dann oft festgefahren und es ist schwierig, eine männliche Ansicht durchzusetzen.“ Hier gebe es einen Austausch.

Männer verhindern Gewalt

Mit Männern sei der Umgangston anders. „Wir vermitteln andere Fertigkeiten, für das Rollenvorbild ist es wichtig, dass Männer in den Beruf gehen“, so Funke. Männer wüssten, wie Jungs ticken, es gebe eine Verbindung. „Wir leisten gezielt Hilfestellung, etwa wenn die Kinder in die Pubertät kommen.“ Jungs würden den Erziehern aber auch nicht mehr erzählen als Frauen, sagt Schlaaff. Wolfgang Englert ist Diplomsoziologe und in der Jugendarbeit tätig. „Eine fehlende Präsenz von Männern hat fatale Auswirkungen“, sagt er. Singleerziehung, kein Mann im (Bildungs)Alltag bis zur weiterführenden Schule, dabei fangen Jungs schon mit einem Jahr an, sich am Geschlecht zu orientieren. Erleben Jungs in der Erziehung nur Frauen, sind die Fähigkeiten von Soft Skills geprägt. Kommen die Jungs in die Pubertät, suchen sie Männerbilder. „Gewaltverherrlichung ist dann vermeintlich männlich.“

Erzieherin Yvonne Lange freut sich für die Kinder, dass es in ihrem Haus so viele Männer gibt. „Oft fehlt der männliche Part daheim, weil es zunehmend alleinerziehende Mütter gibt“, sagt sie. Wenn Männer im Erzieherberuf allerdings eine Familie versorgen wollen, sei das schwierig. Schlaaff lebt allein. Finanziell haut es gut hin, sagt er. Funke hat einen Sohn. „Man muss Abstriche machen, aber im Großen und Ganzen kriegt man das hin.“Kristin Geras Tochter Amelie besucht den Hort, für sie sind die Erzieher eine Bereicherung. „Frauen und Männer reagieren unterschiedlich. Männer sind oft entspannter“, sagt Gera. Hortkind Simon findet es cool, dass so viele Männer da sind. „Wir spielen mehr Fußball“, sagt er, „und Schach.“ Die Männer seien weniger streng.

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