Aktuell: Schicksal von Tugçe A. | RMV sperrt S-Bahn-Tunnel | Polizeimeldungen Frankfurt/Rhein-Main | Eintracht Frankfurt

Bad Homburg und Hochtaunus
Berichte und Bilder aus Bad Homburg und dem Hochtaunus

15. Januar 2010

Mord in Obdachlosenunterkunft: Der schlimmste Mensch

 Von Stefan Behr
"Hast du nicht verstanden, wer ich bin? Ich bin der schlimmste Mensch, mit dem man sich anlegen kann." Dominic S. vor Gericht. Foto: ddp

Drei junge Männer foltern den 25-jährigen Martin L. langsam zu Tode. Ohne jeden Grund. Ohne jegliches Mitgefühl. Jetzt muss sich das Trio wegen Mordes vor dem Landgericht verantworten. Von Stefan Behr

Drucken per Mail

Der 15. April 2009 beginnt für Dominic S. wie ein ganz normaler Tag. Der heute 22-Jährige trifft sich mit seiner Clique in Bad Homburg und hängt ab. Bier, Sangria und Wodka werden getrunken. Irgendwann kommt S. auf die Idee, Martin L. zu "klatschen". Wie gesagt: es ist für S. ein ganz normaler Tag, und den schmächtigen, gerade mal 51 Kilo schweren 25-jährigen L. zu misshandeln zählt für S. quasi zum Alltag.

Zusammen mit einem Gleichaltrigen und einem damals 16-Jährigen nimmt er die Bahn zum Bahnhof Saalburg. Dort leben L. und er in einer Obdachlosenunterkunft. Kurz nach 21 Uhr wird L. in seiner Wohnung "völlig überrumpelt", die drei schlagen sofort grußlos auf ihn ein, der Fernseher, der neben im steht, fällt zu Boden, das Bild erlischt.

Manchmal kann ein Bildausfall sehr gnadenvoll sein. Die zahlreichen Zuschauer, die am Freitagmorgen den Weg zum Frankfurter Landgericht gefunden haben, brauchen sehr starke Nerven, um sich die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft bis zum Ende anzuhören. Das Trio auf der Anklagebank muss sich wegen Mordes verantworten. Denn in jener Aprilnacht foltern sie Martin L. langsam zu Tode. Ohne jeden Grund. Ohne jede Emotion. Oder zumindest fast ohne. "Das muss ich aufnehmen", sagt einer der drei, und tatsächlich filmt er die bestialischen Grausamkeiten mit seinem Handy. Ein anderer macht ab und zu mal Folter-Pause, "um zu chillen und Musik zu hören". Niemand in der Containerunterkunft hilft. Spät in der Nacht stirbt Martin L. Als Todesursache nennt die Staatsanwaltschaft "multiples Organversagen".

Es ist ein angekündigter Tod. Dominic S. mag in der sozialen Hierarchie ganz unten stehen. Aber es findet sich immer einer, der noch weiter unten ist, Martin L. in diesem Falle. Er mag zum erweiterten Dunstkreis der Clique gehören, aber seine Rolle ist klar die des Opfers. Wenige Wochen vor der Tat schlägt und tritt Dominic S. sein Lieblingsopfer mal wieder zusammen, tritt auf L. ein, bis er blutverschmiert auf dem Boden liegt. "Hast du nicht verstanden, wer ich bin? Ich bin der schlimmste Mensch, mit dem man sich anlegen kann", brüllt er L. an. Dann liefert er ihm auch noch "einen DNA-Beweis, dass ich dich zusammengeschlagen habe" - er spuckt ihn an.

Nichts Außergewöhnliches

"Ich weiß nicht, was ich für Gefühle hatte, warum ich das getan habe", sagt der andere 22-Jährige, der von dem Tag völlig emotionslos berichtet, als sei gar nichts passiert, zumindest nichts Außergewöhnliches. Sicher, gegen Ende sah Martin L. "total fertig aus", aber da war er schon mit anderen Dingen beschäftigt, "chillen und Musikhören" halt.

Während der Aussagen des damals 16-Jährigen wird die Öffentlichkeit von der Verhandlung ausgeschlossen. Das Gericht fürchtet eine "Stigmatisierung und Bloßstellung" des Heranwachsenden. Wohl nicht ganz zu Unrecht. "Bestialisch und grausam" war das, was sich im April 2009 in der Obdachlosenunterkunft im Köpperner Tal abspielte, nicht nur in den Augen der Staatsanwaltschaft. Besondere Grausamkeit ist zwar ein Mordmerkmal, doch meistens spielt das vor Gericht keine Rolle, weil jeder Mord per se grausam ist.

In diesem Fall aber wird die besondere Grausamkeit in der Anklageschrift neben Heimtücke ausdrücklich erwähnt.

Der erste Verhandlungstag brachte noch nicht einmal ansatzweise ein Motiv zutage. Vielleicht ist es auch das, was die Prozessbeobachter so irritiert. Es scheint sich um ein Milieu zu handeln, in dem die schlimmsten Brutalitäten zur Tagesordnung gehören.

Zur Homepage
comments powered by Disqus
Übersicht

Wir informieren Sie aus der ganzen Region. Nachrichten aus Ihrer Stadt können Sie als Newsfeed abonnieren - klicken Sie bitte auf das orange Symbol.

Regionale Startseite

Frankfurt

Rhein-Main

Bad Homburg, Hochtaunus

Bad Vilbel, Wetterau

Darmstadt

Kreis Groß Gerau

Hanau, Main-Kinzig

Main-Taunus

Offenbach

Kreis Offenbach

Wiesbaden

Anzeigenmarkt
FR-Online

Mit unserem neuen Umschalter im Seitenkopf oben rechts können Sie das Geschehen in Frankfurt und Rhein-Main höher gewichten. Probieren Sie's aus!

Twitter
Umfrage

Die FR möchte auch nach wissenschaftlichen Maßstäben das Gerechtigkeitsempfinden erforschen. Dabei setzen wir auf Sie, liebe Leserinnen und Leser - und Ihre Beteiligung an einer wissenschaftliche Studie der Universität Köln.

Top Stellenangebote
11
Online-Kataloge
<
Anzeige
Sonderheft

Die Siebziger sind die Frankfurter Jahre. Von hier aus strahlt in die Republik, was das Jahrzehnt bestimmt: das Aufbegehren der Jugend, der Häuserkampf in und ums Westend, die terroristische Bedrohung der RAF - und die Flügelzange der Eintracht mit Grabowski und Hölzenbein.

FR-Geschichte: 70er Jahre in Frankfurt

Unser Sonderheft blickt zurück, dokumentiert Originaltexte und zeigt das Jahrzehnt in Bildern.

Spezial

Knapp 700.000 Besucher jährlich. Und eine TV-Sendung gibt es auch über den Tierpark. Da lauert Erzählstoff!

Hörprobe
Friedrich Stoltze

Der Oberurseler Raimund Schui rezitiert Gedichte von Friedrich Stoltze, unterlegt mit Musik. Wie das klingt? Ein Klick führt zur Hörprobe.

ANZEIGE
- Partner