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Armut im Hochtaunus: "Wir müssen das Maul aufmachen"

Arme Menschen brauchen mehr als Almosen, fordert Herbert Reininger von der Bad Homburger Tafel. Gerade im reichsten Kreis Deutschlands wäre ein Sozialpass zumindest ein "Zeichen". Von Anton J. Seib

Als Sozialarbeiter lernte Herbert Reininger die Gesellschaft von unten kennen.
Als Sozialarbeiter lernte Herbert Reininger die Gesellschaft von unten kennen.
Foto: FR/Fickert

In den Sechzigerjahren war es Herbert Reininger, der als Leiter des Diakonischen Werks in Frankfurt mit dafür sorgte, dass in der Mainmetropole Essensgutscheine und öffentliche Speisungen für Arme abgeschafft wurden. "Das war nach dem Krieg gerechtfertigt, als die Armut groß war. Ende der Sechzigerjahre war damit Schluss, das war nicht mehr menschenwürdig. Heute fangen wir damit wieder an", sagt Reininger. Der 72-Jährige aus Ober-Erlenbach gehört der Initiativgruppe an, die in der Wallstraße die Homburger Tafel betreibt, die wöchentlich etwa 700 Menschen mit frischen Lebensmitteln versorgt.

Reininger, der sich nach einer Gärtnerlehre der Kirchenarbeit zuwendete, steht zu diesem barmherzigen Dienst am Nächsten, gleichzeitig macht ihn dessen Notwendigkeit wütend. "Das ist Barmherzigkeit, Wohltätigkeit. Das ist auch gut so. Aber ich verlange Gerechtigkeit!" Mit Hartz IV, so sein Fazit, wird es die nicht geben. "Die Menschen schämen sich", sagt er. "Das Geld reicht nicht zu einem menschenwürdigen Leben." Wütend wird Reiniger, wenn Hilfeempfänger leichtfertig in die Ecke von Sozialbetrügern gerückt werden. "Die gibt es. Aber es gibt in unserer Gesellschaft Betrügereien in ganz anderen Dimensionen!"

Als Sozialarbeiter lernte Reininger die Gesellschaft von unten kennen. In den Sechzigerjahren betreute er im Frankfurter Stadtteil Bonames rund 700 Bewohner einer Wohnwagensiedlung. Hilfe für die Ärmsten ist nötig, sagt Reininger, auch die der oft christlich motivierten ehrenamtlichen Helfer, etwa die der Grünen Damen bei der Homburger Tafel. "Aber viele sind vor Liebe fast blind."

Mit Barmherzigkeit allein, sagt Reininger, der vor seiner Zeit als Sozialarbeiter Diakon und engagiert in der Jugendarbeit war, ist es nicht getan. Und mit dem Hinweis auf ein besseres Leben im Jenseits erst recht nicht. "Da schreie ich auf! Jesus forderte soziale Gerechtigkeit schon auf Erden." Kann das gelingen? Reininger: "Ich bin unverbesserlicher Optimist, aber momentan frage ich mich: Wie kommen wir da raus?"

Streitbarer Christ

Die Politik, so Reininger, versuche ebenfalls die Armut nur zu lindern. " Oberbürgermeisterin Jungherr sagt, wir tun doch was, wir helfen, wenn Menschen in Not sind. Aber das heißt, jeder muss einen Bittgang zum Rathaus machen und alles offenlegen", sagt der 72-Jährige. "Dass sich die Stadt für ihre Wohltätigkeit rühmt, verstehe ich nicht."

Die Einführung eines städtischen Sozialpasses, der Armen die Teilhabe am öffentlichen Leben ermöglichte, wäre für ihn "ein Zeichen der Vernunft und Gerechtigkeit".

Für den streitbaren Christen, der viele kirchliche Ämter innehat, ist Armut nicht natur- schon gar nicht gottgegeben. Sie ist, lautet sein Tenor, Produkt der ungleichen Auseinandersetzung zwischen unten und oben, Produkt der Abhängigkeit von den Mächtigen in Politik und Wirtschaft. "Armut wird benutzt, um die zu disziplinieren, die noch Arbeit haben", sagt Reininger. Das zeige Wirkung. "Die Menschen werden verängstigt und mundtot gemacht. Es ist niemand da, der den Mut hat, etwas zu fordern."

Deshalb brauche es gerade jetzt starke Gewerkschaften. Und: "Wir brauchen Menschen, die erkennen, dass hinter Armut System steckt." Einigen in der Kirche gehe das zu weit, sei das "zu links", weiß Reininger. Er bedauert, dass es manchem Kirchenoberen deshalb schwer falle, "Tacheles zu reden". Das macht seit Jahren Alexander Dietz, Referent für gesellschaftliche Verantwortung im Dekanat Bad Homburg und Usingen. Dietz hat gemeinsam mit Mitstreitern aus Kirche und Gewerkschaft jüngst den "Tag der Armut" veranstaltet. Dietz' Hartnäckigkeit schätzt Reininger. "Er gibt Menschen in Armut eine Plattform."

Dass es schwer ist, an den festgefügten Verhältnissen zu rütteln, weiß auch Reininger. Seine Empfehlung: "Wir brauchen eine andere Gesinnung und dürfen uns nicht ständig ducken. Wir müssen das Maul aufmachen."

Autor:  ANTON J. SEIB
Datum:  20 | 3 | 2009
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