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Interview mit Psychiater: "Armut beschämt unsere Gesellschaft"

Nein. Die Menschen haben keine Stabilität mehr. Wir können uns nirgendwo mehr zurücklehnen und sagen: Hier bin ich zuhause, das ist meine Arbeit, die habe ich gelernt, die mache ich gerne. Stattdessen kriegt jemand einen neuen Job und muss dafür 170 Kilometer fahren und arbeitet zwei Stunden länger als früher. Die meisten machen das auch, einfach um wieder drin zu sein im Arbeitsleben. Es gibt Hypothesen, unter anderem von Stephen Hawking...

....das ist der berühmte englische Astrophysiker ...

... dass unsere industrielle Gesellschaft den Druck, den sie sich durch den technischen Fortschritt selbst auferlegt hat, kaum noch hundert Jahre durchhält.

Unser Hirn kann also schlecht mit dieser Entwicklung Schritt halten. Aber wir sollen das können.

Das werden wir lernen können. Aber die Geschwindigkeit der Entwicklung ist zu hoch. Sicherlich werden einige damit ganz gut zurecht kommen. Die haben das Zeug dafür. Aber es können nicht alle. Wenn man bedenkt in welcher rasanten Geschwindigkeit sich der technische Fortschritt entwickelt hat, dann ist das für das menschliche Gehirn zu viel. Und das kann krank machen.

Also ist die kulturelle Evolution schneller vonstattengegangen als die Anpassung im Gehirn.

Davon bin ich überzeugt. Mit ein bisschen weniger Druck wäre das alles zu schaffen. Der Druck ist wirtschaftlich bedingt. Die meisten Erfindungen werden nicht gemacht, um uns das Leben zu erleichtern, sondern um einen Haufen Geld damit zu verdienen.

Was können wir dagegen tun?

Wir brauchen modifizierte gesellschaftliche Bedingungen, in denen wir einem Automechaniker nicht einfach mal sagen, so, jetzt musst du Hecken schneiden im Altersheim. Wenn einer einen Beruf gelernt hat, muss er eine Chance haben, ihn auszuüben.

Sehen Sie Chancen, auch vor dem Hintergrund der gegenwärtigen globalen Krise, an unserer Art des Wirtschaftens etwas zu ändern?

Eine Krise ist der Hinweis, dass etwas verändert werden muss. Wenn ein Betrieb in Schwierigkeiten gerät, werden bekanntermaßen immer zuerst Beschäftigte entlassen, die sind am teuersten. Aber das widerspricht den humanistischen Grundprinzipien. Wir brauchen wieder mehr Verantwortung in der Wirtschaft. Dort wird soviel Geld erwirtschaftet, da könnte sich ein Unternehmen auch mal einen Arbeiter leisten, der nicht so effizient in Zahlen zu bemessen ist. Dieses Problem ist jedoch nicht mit Pillen zu behandeln.

Interview: Anton J. Seib

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Datum:  6 | 4 | 2009
Seiten:  1 2
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