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Interview mit Psychiater: "Armut beschämt unsere Gesellschaft"

Der Bad Homburger Psychiater Michael Demmler fordert mehr Humanität in unserem Wirtschaftssystem. Mit FR-Redakteut Anton J. Seib spricht er über Armut, die krank macht.

Armut macht krank, sagt Michael Demmler.
Armut macht krank, sagt Michael Demmler.
Foto: FR/Schick

Bei der Podiumsdiskussion zum 1. Tag der Armut in Bad Homburg haben Sie gesagt: Armut macht krank. Wie äußert sich das?

Wir erleben in den vergangenen zehn Jahren zunehmend, dass Patienten mit sozialen Problemen zu uns kommen. Für Arme ist das Risiko 100 Prozent höher, psychisch krank zu werden. Es gibt Zahlen der Rentenversicherer, danach werden Bezieher höherer Renten älter als Bezieher geringerer Renten.

Zur Person

Dr. Michael Demmler (62) ist Psychiater und Neurologe in Bad Homburg. Zu seinen Patienten gehören auch Menschen, die durch Armut oder durch zunehmenden Druck im Arbeitsleben seelisch krank geworden sind.

In Dresden aufgewachsen, war Demmler lange an einer neurologisch-psychiatrischen Klinik in Plauen tätig. Von 1990 bis 1995 arbeitete er in einer Königsteiner Klinik. Bevor er 1997 nach Bad Homburg kam, war er Oberarzt an der Parkinson Klinik in Bad Nauheim.

Können Sie das konkretisieren?

Das Selbstwertgefühl leidet, wenn jemand seinen Job verliert, seinen sozialen Status einbüßt. Wenn kein Einkommen und Auskommen mehr da ist. Ich hatte diese Woche einen Patienten, er hat den Job verloren vor eineinhalb Jahren und absolut keinen Erfolg bei der Suche nach einer neuen Stelle. Er steht vor dem sozialen Aus, denn er bekommt kein Hartz IV, weil die Ehefrau arbeitet. Dann kommen gesundheitliche, die seelischen Probleme: Schlafstörungen, Ängste, zunächst ganz konkret Zukunftsängste. Im weiteren Verlauf verselbstständigen sich die Ängste, es können posttraumatische Belastungsstörungen auftreten. Das Trauma einer unverschuldeten Kündigung ist groß.

Wie äußert sich das?

Jeder hat seine dünne Stelle. Oft sind die Patienten auf einer Odyssee, zunächst zum Hausarzt, zum Internisten, zum Gastroenterologen...

... er behandelt Magen- und Darmerkrankungen...

... und landet dann schließlich, wenn er Glück hat, beim Psychiater.

Wenn er Glück hat. Hat jemand kein Einkommen, kein Auskommen, ist er dann nicht oft nur minimal versichert? Steht ihnen überhaupt eine psychiatrische Behandlung zu?

Ja, soweit sind wir noch nicht. Als Arbeitsloser ist man in der Regel bei der AOK versichert. Die übernimmt die fachärztliche, auch eine psychotherapeutische Behandlung. Aber oft werden die Leistungen gar nicht in Anspruch genommen.

Weil die Patienten das nicht wissen?

Ja, oder weil sie sich scheuen, zum Psychiater zu gehen.

Es ist ja nicht selbstverständlich für einen Menschen in dieser Situation, dass er sich Hilfe beim Psychiater sucht. Wie kommen denn die Leute zu Ihnen?

Sicher gibt es eine Hemmschwelle. Oft schicken die Hausärzte die Patienten zu uns. Die wissen in der Regel gut Bescheid über die sozialen Konflikte ihrer Patienten. Bei Schlafstörungen, da muss ein Hausarzt intervenieren und sagen: Geh doch mal zum Psychiater.

Sie sagen, dass man die Ursachen von Armut bekämpfen muss, statt an den Symptomen herumzukurieren. Sie versuchen aber auch lediglich, die Symptome zu lindern.

Natürlich.

Wie gehen Sie mit der Zwitterrolle um?

Das ist sehr schwierig. Der Berliner Chirurg Rudolf Virchow...

...er lebte im 19. Jahrhundert und sagte unter anderem: "Die Medizin ist eine soziale Wissenschaft"...

... vertrat die Meinung: Man kann bestimmte Erkrankungen nur kausal behandeln, wenn man die gesellschaftlichen Bedingungen verändert. Ich liebe den Spruch: Armut beschämt nicht jene, die sie betrifft, sondern die Gesellschaft, die sie zulässt. Aber die Bedingungen können wir als Ärzte nicht ändern. Wenn ich einen Opel-Arbeiter vor mir sitzen habe, der seinen Job verloren hat, soll ich den bei mir einstellen? Ich muss ihn wieder aufbauen, damit er nicht völlig abknickt, dass er nicht im Alkohol Zuflucht sucht.

Wir definieren uns hauptsächlich über Arbeit. Was kann jemand tun, der sie verliert?

Der Jobverlust ist besonders schlimm, wenn er gleichzeitig den Verlust der sozialen Sicherheit bedeutet. Vor einigen Jahren haben viele Menschen ihren Job auf eine gnädigere Art und Weise verloren. Nehmen Sie das Beispiel Hoechst. Die haben Mitarbeiter mit 50 Jahren in Vorruhestand geschickt mit erträglichen Bezügen. Da hatten wir nicht die Probleme wie heute.

Sind die Zeiten härter geworden?

Natürlich. Die Verunsicherung ist ständig da. Unter meinen Patienten sind viele Zeitarbeiter. Die wissen oft nicht wie es weitergeht. Sie haben mal eine Beschäftigung für ein halbes Jahr. Es ist viel anonymer geworden. Früher hat man bei einer Firma angefangen und ist dort in Altersrente gegangen.

Was raten Sie Patienten, die ihren Arbeitsplatz verlieren und in ein Loch fallen?

Ich versuche ihnen klarzumachen, dass das ein vorübergehender Abschnitt in ihrem Leben ist, teils auch wider besseres Wissen. Da ist jemand 55 Jahre, wird wegrationalisiert. Ich versuche, die Depression abzufangen so gut es geht, den Schlaf zu stabilisieren. Das andere ist, ihn zu ermutigen weiter zu kämpfen, wieder mitmachen zu wollen. Aber dann schickt er mehrere Bewerbungen ab, ohne Erfolg. Dann sitzt er hier und sagt: Jetzt kann ich nicht mehr. Dann denken wir an Alternativen: Rentenantrag, Schwerbehinderung oder Berufsunfähigkeit.

Wie sind Ihre Erfolge bei dieser Klientel?

Es gibt immer Einzelerfolge, an denen ich mich aufrichte und über die ich mich freue. Wenn Patienten kommen und sagen, ich habe einen neuen Job gekriegt. Aber das ist nicht die Masse im Vergleich zu jenen, die keinen Job bekommen. Und wer eine Stelle kriegt, muss sich völlig umorientieren. Weg vom gelernten Beruf, weg aus dem vertrauten Arbeitsmilieu, weg vom alten Arbeitsort.

Beschäftigte sollen heute mobil sein, flexibel. Sie sollen immer länger arbeiten. Ist der Mensch überhaupt für diese Arbeitswelt geschaffen?

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Datum:  6 | 4 | 2009
Seiten:  1 2
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