Zunehmende Gewaltbereitschaft und ein Werteverfall besonders unter Jugendlichen bereiten der Polizei im Hochtaunuskreis Sorgen. "Der Respekt gegenüber den Mitmenschen und dem Eigentum geht zunehmend verloren. Viele respektieren selbst die Polizei als Ordnungsmacht nicht mehr", beklagte gestern Kriminaloberrat Reiner Sinkel von der Polizeidirektion Hochtaunus bei der Vorstellung der Kriminalstatistik 2009. Als Indiz dient ihm die Entwicklung typischer Delikte: die eklatante Zunahme von Körperverletzungen, ein Anstieg bei Raubüberfällen, vor allem beim Straßenraub, vermehrt Fälle von Widerstand gegen Polizeibeamte, aber auch von Beleidigungen, Sachbeschädigungen oder Schwarzfahren. "Schwarzfahren gilt als Kavaliersdelikt", sagte Sinkel. Oft sind Jugendliche die Täter und oft spielt Alkohol dabei eine unrühmliche Rolle.
Die Polizei allein sieht sich angesichts der Entwicklung überfordert. "Wenn sich Jugendliche vor dem Supermarkt Redbull-Wodka reinknallen, dann bleibt die Polizei erst mal außen vor", sagte Sinkel. Es sei denn, die abhängenden Jugendlichen begehen anschließend Straftaten. "Das macht uns Probleme, wir müssen alle etwas dagegen tun", fordert Sinkel. Hochtaunus-Polizeichef Gerhard Budecker appelliert vor allem an Ladeninhaber und Veranstalter, beim Verkauf von Alkohol an junge Leute zurückhaltender zu sein.
Gesamtzahl der Straftaten: 11550 (plus 598 oder 5,5 Prozent gegenüber 2008)
Aufgeklärte Fälle: 6218 (plus 423)
Aufklärungsquote: 53,8 Prozent (plus 0,9 Prozentpunkte)
Straftaten gegen das Leben: 17 Fälle (plus 10 oder 142,9 Prozent)
Straßenraub: 81 Fälle (plus 19 oder 30,6 Prozent)
Sexualdelikte: 123 (plus 8 oder 7 Prozent)
Wohnungseinbrüche: 441 (plus 57 oder 14,8 Prozent)
Diebstähle: 4670 (plus 154 oder 3,4 Prozent)
Über die Hälfte aller Delikte wurden in Bad Homburg (32,3 Prozent) und Oberursel (25,8 Prozent) begangen. Friedrichsdorf liegt mit 8,6 Prozent weit dahinter auf Rang drei. ( tob)
Hoffen auf Präventionsräte
Hoffnung setzt die Polizei auf die Präventionsräte, die es in vielen Kommunen gibt. Die hätten sehr gute Arbeit geleistet, aber nach Erfolgen sei der Elan vielerorts abgeflaut. "Wir müssen sie wiederbeleben", so Sinkel. In Zeiten knapper Kassen dürften sich die Bürger auf die Kommunen allein nicht verlassen. "Man muss nicht immer viel Geld ausgeben. Wir müssen uns mit Kommunen, aber auch den Kirchen und anderen Organisationen zusammensetzen und überlegen, was wir machen können." 2009 ermittelte die Bad Homburger Mordkommission in fünf spektakulären Fällen. In der Obdachlosenunterkunft in Friedrichsdorf erschlugen im April zwei Männer einen Mitbewohner, ihnen wird gegenwärtig der Prozess gemacht. In Usingen erstach im September auf der Laurentiuskerb ein 21-jähriger Grävenwiesbacher einen 20-jährigen Kerbbesucher aus Neu-Anspach. Wegen versuchten Mordes ermittelten die Beamten gegen einen 61-Jährigen, der in einem Wohnheim einen Mitbewohner strangulierte. Der Täter kam in die Psychiatrie.
Mit Pfanne geschlagen
In Friedrichsdorf schlug im Juli eine 50-Jährige im Streit mehrmals mit einer Pfanne auf den Kopf ihre Ehemannes, "damit er endlich still ist", wie die Polizei die Frau zitiert. Schließlich klärte die Polizei im August nach 16 Jahren den Mord an einer Frau im Oberurseler Stadtwald auf. Der Täter wurde in den USA verhaftet und ausgeliefert. Der Prozess ist für das Frühjahr 2010 terminiert.
Insgesamt ist die Zahl der Straftaten 2009 leicht gestiegen. Die Polizei registrierte 11550 Fälle, rund 5,5 Prozent mehr als im Jahr davor. Betroffen sind alle Delikte. "Das ist Trend im gesamten Rhein-Main-Gebiet. Den Grund kennen wir noch nicht", sagte Sinkel. Diebstähle machen mit rund 40 Prozent den Löwenanteil aus. Kriminalitätsschwerpunkte sind Bad Homburg und Oberursel, mit den meisten Delikten bezogen auf die Einwohnerzahl. Dagegen verzeichnen die Städte und Gemeinden im Usinger Land erheblich weniger Straftaten.
Zufrieden zeigten sich Budecker und Sinkel mit der leicht angestiegenen Aufklärungsquote von 53,8 Prozent. Dies liege vor allem an der verbesserten Spurensicherung und DNA-Technik sowie an der besseren EDV-Ausstattung.

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