Die Deutschen - na ja. Die Frau aus Korea lebt seit 20 Jahren unter ihnen und hat nicht nur gute Erfahrungen gemacht. Heute noch starren sie alle an, wenn sie daheim in Usingen-Eschbach eine Kneipe betritt. Es komme auch vor, dass sie als vermeintliche Fremde von oben herab behandelt werde. "Dann gehe ich hoch wie eine Rakete", sagt Cho Sung-Hyung.
"Denkt nur nicht, dass alle Asiatinnen nett und höflich sind!" sagt Sung-Hyung (das ist ihr Vorname), lächelt und nippt beim Italiener auf dem Homburger Rathausplatz an ihrer Apfelsaftschorle. Die Koreaner, auch die etwa 5000 im Rhein-Main-Gebiet lebenden Landsleute, seien nicht so zurückhaltend, wie die Deutschen dächten. "Wir sind eher wie die Italiener. Wir lachen viel, machen Faxen und sind kindsköpfig."
Cho Sung-Hyung wuchs in der südkoreanischen Millionenstadt Pusan auf. 1990 kam sie als Studentin nach Marburg, lernte die Sprache. Sie heiratete später einen Deutschen und arbeitete als Cutterin. Seit 2002 lebt sie mit ihrem Mann in Usingen-Eschbach.
Berühmt wurde Sung-Hyung 2007 mit dem Dokumentarfilm "Full Metal Village" über ein Musikfestival in einem schleswig-holsteinischen Dorf. Die Leute im Norden seien viel zugänglicher als die meisten anderen Deutschen, findet die Koreanerin seitdem.
Was Heimat ist, versucht Sung-Hyung in ihren Dokumentarfilmen zu ergründen. "Nach ein paar Jahren in Deutschland fing ich an, die koreanische Sprache und Schrift zu vergessen. Seitdem ich auch in Korea gedreht habe, interessiere ich mich für beide Länder."
Dazu gehört ihr Engagement gegen ein milliardenschweres Kanalisierungsprojekt von vier Flüssen in Südkorea. Ein Netzwerk von Auslandskoreanern bittet darum, dass möglichst viele Deutsche sich dagegen wenden. Denn die Kompetenz der Deutschen in Umweltfragen sei in Korea hoch angesehen.
Nur beim Filmen könne sie ihren Egozentrismus überwinden und ganz auf andere Leute eingehen, sagt Sung-Hyung. Sie ist eine berühmte Dokumentarfilmerin. 2007 lief ihr Film "Full Metal Village" in den deutschsprachigen Kinos.
Der jungen Frau aus der südkoreanischen Großstadt Pusan war es gelungen, die Herzen der Menschen im schleswig-holsteinischen Dörfchen Wacken zu erobern. Sechs Wochen lang beobachtete Sung-Hyung, wie sich der Bauer, die Supermarkt-Kassiererin, der Arbeitslose auf das hier jährlich stattfindende Heavy-Metal-Festival einstellen. 70000 wild aussehende Gestalten bewohnen dann die Felder rund ums Dorf. Und wenn die Feuerwehrkapelle aus diesem Anlass einen Marsch bläst, hüpfen die Gäste ganz selbstverständlich im Headbanger-Stil dazu. Der ebenso anrührende wie lustige Heimatfilm brachte der Filmemacherin unter anderem den Max-Ophüls-Preis ein.
Als Studentin kam die gelernte Cutterin vor 20 Jahren nach Marburg. Seit 2002 lebt sie mit ihrem Mann - dem in Darmstadt lehrenden Filmprofessor Thomas Carlé - in seinem Heimatdorf Eschbach. Was ist eigentlich Heimat in dieser globalisierten Welt? Diese Frage sucht Sung-Hyung immer wieder zu beantworten. "Komisch", sagt sie, "dass die deutsche Sprache keinen Plural für den Begriff Heimat kennt. Dabei gibt es im Land Millionen Menschen, die mehrere Herkünfte haben."
Die Preisgelder von "Full Metal Village" nutzte Sung-Hyung, um ihren zweiten Dokumentarfilm "Endstation der Sehnsüchte" über drei deutsch-koreanische Paare zu drehen, die ihr Alter im "German Village" in Korea verbringen.
Dieser Film fand in Deutschland wenig Interesse. "Die Deutschen haben kein Bild von Korea", vermutet Sung-Hyung. "Sie interessieren sich nicht für dieses Land." Im Moment recherchiert die Eschbacherin die Lebensgeschichten von älteren Frauen in der damaligen DDR. Die haben viel mehr durchmachen müssen als die meisten Westdeutschen, findet Sung-Hyung. "Hier bei uns lerne ich Menschen kennen, die mit sich selbst hadern, obwohl sie keinen Mangel leiden."
Im Moment freilich gefallen die Deutschen der 43-jährigen Koreanerin richtig gut. Weil sie so albern Deutschland-Fahnen an ihre Hausfassaden und Autofenster stecken. Sung-Hyung hat sich sogar schwarz-rot-goldene Rückspiegelsocken gekauft. "Der Fußball gibt den Deutschen die einzige Chance, sich selbst richtig gut zu fühlen. Sie leben sehr isoliert, aber zum Fußballgucken gehen sie gemeinsam in die Kneipe. Das ist toll, richtig rührend. Wenn die Deutschen sich selber besser ausstehen können, dann wird auch die Integration der Fremden besser. Erst dann können wir als Deutsch-Koreaner hier besser leben."

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