Es lief wohl schon länger nicht gut zwischen Necmettin Bahci (alle Namen geändert) und seinem Schwiegersohn Hasan. Der damals 66-jährige Rentner war alarmiert, als er am 16. Juli 2010 mitten in der Nacht Kindergeschrei in der Nachbarwohnung am Niederstedter Weg hörte. Gemeinsam mit seiner Frau Emine verschaffte er sich Zutritt. Im Wohnzimmer saß Hasans vierjährige Tochter Besna auf dem Sofa, nur mit einem Unterhemd bekleidet. Ihr Vater war laut Justiz-Protokoll nackt. Er beugte sich gerade über das Mädchen, als die Großeltern erschienen.
Der Großvater nahm ein Kantholz in die Hand und schlug auf seinen Schwiegersohn ein. „Er dachte, sein Enkelkind würde missbraucht“, so Staatsanwältin Ilona Witka bei der Verhandlung. „Ich schlachte dich ab“, soll der Großvater gedroht und dann in der Küche ein Messer in die Hand genommen haben. Um sein Leben zu retten, sprang der Schwiegersohn durchs Fenster aus dem Hochparterre und verstauchte sich einen Fuß. Im Krankenhaus zählte der Arzt später Blutergüsse am Auge, am Rippenbogen und auf dem Rücken.
Der Verprügelte bekam ein Ermittlungsverfahren wegen Kindesmissbrauchs an den Hals, doch der Verdacht erhärtete sich nicht. Das Verfahren wurde eingestellt. Der Großvater stand diese Woche wegen gefährlicher Körperverletzung vor Gericht. Die Empörung von Nechmettin Bahci sei nachvollziehbar, meine Richterin Gudrun Kurschat. Aber wenn man Kindesmissbrauch entdeckt, dürfe man nicht selbst zuschlagen, sondern müsse die Polizei einschalten.
Die Prügel-Orgie gab der 66-Jährige zu. Eine Entschuldigung kam ihm nicht über die Lippen. Die Richterin verhängte die geringstmögliche Strafe gegen den Angeklagten: 180 Tagessätze à 15 Euro. Er lebt von 730 Euro Rente. Auch die Gerichtskosten muss er zahlen und nach einem Zivilverfahren wahrscheinlich Schmerzensgeld an seinen Schwiegersohn, der als Nebenkläger auftrat.
Wie kam es zu der seltsamen Szene im Wohnzimmer? Die jüngste der beiden Töchter hatte sich eingenässt und geschrien. Als der Vater sie wickeln wollte, betrat der Großvater den Raum und zog falsche Schlussfolgerungen. Die Familie ist nun zerstört. Der Schwiegersohn zog fort. Seine Frau ist in einer Psychiatrie. Das Jugendamt hat die Verantwortung für die Kinder übernommen.

Die Stadt und Region auf einen Blick: unsere neue Übersichtsseite für Frankfurt und Rhein-Main - das Pflicht-Lesezeichen für alle Hessen.
Berichte aus Bad Homburg, Hochtaunus | Bad Vilbel, Wetterau | Darmstadt | Frankfurt | Kreis Groß Gerau | Hanau, Main-Kinzig | Main-Taunus | Mainz | Offenbach | Kreis Offenbach | Wiesbaden.
Facebook | Twitter überregional | Google+