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14. März 2012

Gedenksteine: Das Schlimmste ist das Vergessen

 Von Andreas K. Schopf
Die Stolpersteine in der Heldenberger Straße, die an Familie Junker erinnern.  Foto: Joachim Storch

Schüler und Freiwillige putzen die Stolpersteine in Karben

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Behutsam, aber doch mit Kraft poliert Maja Niederhardt den zehn mal zehn Zentimeter großen Messingstein. Nach und nach wird die Schrift wieder lesbar. „Hier wohnte Josef Junker. Jahrgang 1881. Deportiert im November 1941. Ermordet in Minsk.“ Daneben liegen die Steine seiner Frau und seiner Tochter, die ebenfalls in Minsk von den Nazis ermordet wurden. Lediglich der jüngsten Tochter, Ruth Junker, gelang 1939 die Ausreise in die Schweiz mit einem Kindertransport. Das Haus des Viehhändlers Josef Junker an der Heldenberger Straße steht nicht mehr, es wurde abgerissen. Heute erinnern nur noch die vier Stolpersteine an die Familie Junker.

Maja Niederhardt ist 17 Jahre alt und geht auf die Kurt-Schuhmacher-Schule. Sie beteiligt sich zum zweiten Mal an der Stolperstein-Putzaktion, die zum dritten Mal von der Karbener Initiative Stolpersteine organisiert wurde. Die von Irma Mattner und Hartmut Polzer initiierte Gruppe hatte Kontakt zu dem Kölner Künstler Günter Demning aufgenommen, der die Stolpersteine in Deutschland und Europa verlegt. In Karben sind 48 dieser Erinnerungssteine seit 2007 in die Bürgersteige gesetzt worden. Die Stolpersteine sitzen vor Häusern, in denen Menschen lebten, die unter der nationalsozialistischen Diktatur zu leiden hatten. Mit der Putzaktion will die Initiative ein Zeichen setzen. „Das Reinigen ist ein symbolischer Akt und soll Denkanstöße gegen das Vergessen geben“, sagt Polzer.

Mit Lappen und Metallputzmitteln gewappnet ziehen die Freiwilligen los und reinigen die Steine in den Straßen um das Schloss von dem Schmutz, der sich im Laufe des Jahres angesammelt hat. Unter den Freiwilligen Nick Siegrist von der Schülervertretung der Schuhmacher-Schule. „Ich nehme an der Aktion teil, um das Andenken an diese Zeit zu wahren, damit so etwas nie wieder passieren kann“, sagt der 16 -Jährige. Viele Gleichaltrige wüssten heute nicht mehr viel über die Nazidiktatur.

Die Gruppe geht weiter zum Haus an der Parkstraße 1, „Dreimädelhaus“ genannt. Hier wohnten die drei Töchter von Abraham Grünebaum, die unverheiratet geblieben waren. Die Schwestern wurden 1939 gezwungen, in das jüdische Altenheim in Bad Nauheim zu ziehen. Als sie 1942 deportiert wurden, war Emilie, die älteste, schon 84, die jüngste, Lina, war 74. Sie alle starben innerhalb kürzester Zeit in Theresienstadt, wie den Stolpersteinen zu entnehmen ist.

Während die Stolperstein-Putzer vor dem „Dreimädelhaus“ am Werk sind, kommt der 81-jährige Devender Rao zur Hilfe. Der hat schon während seiner Studienzeit in Indien Ende der 40er Jahre die Tagebücher der Anne Frank gelesen. Die haben ihn sehr berührt, sagt er. Deshalb war er schon dabei, als 2007 der erste Stein ins Karbener Pflaster gesetzt wurde. Seitdem hilft er auch, die Steine zu putzen. „Das ist Bürgerpflicht“, sagt er.

„Meine Vorstellung von dieser Zeit lebt nur von Erzählungen oder Geschichtsbüchern. Hier kann ich mir ein besseres Bild machen“, sagt Maja Niederhardt. Sie würde sich freuen, wenn mehr ihrer Altersgenossen mitmachen würden, da sie befürchtet, dass diese Zeit nicht mehr so präsent in deren Köpfen ist und ihren Schrecken verliert.

Niederhardt: „Es kann immer wieder passieren, dass Menschen anderen Menschen Schreckliches antun. Damit das nicht mehr passieren kann, muss das Gedenken an diese Zeit gewahrt werden. Ich werde auch im nächsten Jahr an der Aktion teilnehmen, denn das Schlimmste ist das Vergessen.“

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