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Bad Vilbel und Wetterau
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31. Januar 2013

Schlitzer von Echzell: In der Nazi-Burg

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Überall zeugen Relikte von der Vergangenheit der Hofreite: Totenkopf im Tattoo-Studio.  Foto: Rolf Oeser

Die Nachbarn des Schlitzers in Echzell haben die verlassene Hofreite des Neonazis gekauft. Der Rechtsextremist Patrick W. war Ende 2012 zu einer sechsjährigen Haftstrafe verurteilt worden. Jetzt räumen sie dort auf und stoßen dabei auf ein Panoptikum rechtsextremen Unflats.

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Der Putz bröckelt von Wänden und Decke, der alte Holzofen ist verbeult, der Spielautomat defekt, die Tabledance-Stange mit Bauschaum beschmiert. Die Polizei hat ihr Übriges getan auf der Suche nach Waffen und Drogen. Die Holzbänke sind demoliert, die schwarzen Bezüge zerschlissen. Auf der Box neben der Sitzgruppe liegen ein paar CDs. Rockabilly, Rechtsrock, die NPD-Schulhof-CD, Untertitel: „Hier kommt der Schrecken aller linken Spießer und Pauker“.

Es ist muffig, ungemütlich, verdreckt. Der ganze Boden ist mit Vogelexkrementen besprenkelt. „Die Tür war kaputt und stand offen“, erklärt Werner Schubert den Schmutz. Eine Schwalbenfamilie habe bis zum Herbst in dem ehemaligen Stall gehaust. Erschöpft und seufzend schaut er sich um, Martina Schubert tritt ein. „Wir haben sofort eine neue Tür eingebaut.“

Kunstnebel aus Duschköpfen

An der alten hing einst ein Schild mit der Aufschrift „Brausebad“, dahinter tobten wüste Partys, besonders in den Jahren 2009 und 2010. Kahlrasierte, tätowierte Burschen grölten, berauschte Mädels tanzten im Kunstnebel, der aus Duschköpfen an der Decke waberte. Sogar Live-Sex-Shows soll es in dem bizarren Ambiente gegeben haben, das nicht zufällig an die Gaskammern der Nationalsozialisten erinnerte.

Der wohl berüchtigtste Partyraum der Wetterau gehört nun den Schuberts. So wie der Rest der Hofreite in der Wiesengasse in Echzell-Gettenau. Bis vor kurzem war das Anwesen die Bastion des „Schlitzers“, sein „Old Brother’s Castle“. Doch Patrick W., Neonazi, Tätowierer und Kopf der braunen Truppe „Old Brothers“, sitzt im Knast. Wegen Drogen, Waffen und Volksverhetzung. Das Landgericht Gießen hat den heute 27-Jährigen Anfang Dezember 2012 für 44 Einzeldelikte zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von sechs Jahren und drei Monaten verurteilt. Auch seine „Gaskammer-Partys“ waren Gegenstand in dem 15 Verhandlungstage dauernden Prozess. Und die Auseinandersetzungen mit seinen Nachbarn.

Mit Werner Schubert zum Beispiel, der wie wenige sonst die Eskapaden des „Schlitzers“ erdulden musste, nachdem dieser 2008 mit Gattin in die Wiesengasse gezogen war. Jetzt haben die Schuberts das Haus direkt gegenüber, das Haus, von dem alles ausging, gekauft.

Schon vor seinem Prozess, der Mitte August 2012 begann, wurde bekannt, dass Patrick W. hoch verschuldet war, die Hofreite sollte zwangsversteigert werden. Auch Werner Schubert erschien zum Termin am 15. Oktober im Amtsgericht Büdingen. „Ich wollte einfach nur wissen, wer da so alles kommt. Es hätten ja unsere künftigen Nachbarn sein können.“ Doch niemand der wenigen Anwesenden wollte die um 1900 erbaute Hofreite für den geschätzten Wert von 163.000 Euro haben. Der Mindestpreis wurde auf 130.000 Euro herabgesetzt und ein neuer Versteigerungstermin anberaumt, im Februar 2013.

Erleichterung statt Triumph

Endlich soll es runter, das Schild. „Old Brother’s Castle“ prangt in weißer Fraktur auf schwarzem Grund. Werner Schubert lehnt die Leiter an das Hoftor und klettert hoch. Der Akkuschrauber röhrt, Schubert rüttelt, friemelt, schwankt kurz. Dann hält er das schwarze Schild in den Händen und reicht es hinab zu seiner Frau. Vier Nachbarn und Freunde recken auf dem Gehsteig die Köpfe nach oben. Schubert lächelt, nicht triumphierend, sondern erleichtert. „Das ist das Zeichen für den Neuanfang.“ Demnächst werde das Tor restauriert.

Bye-bye, „Old Brothers“.  Der Kopf der braunen Truppe sitzt im Knast, das Schild ist   ab. Das Leben in der Wiesengasse geht weiter.
Bye-bye, „Old Brothers“. Der Kopf der braunen Truppe sitzt im Knast, das Schild ist ab. Das Leben in der Wiesengasse geht weiter.
 Foto: Rolf Oeser

Als Werner Schubert das letzte Mal eine Leiter an der Hausfront anlehnte und hinaufstieg, zerrten ihn Kameraden des „Schlitzers“ hinunter, prügelten ihn zu Boden und rissen ihm die Hosen vom Leib. Das war im Frühjahr 2010. In der Hofreite wütete mal wieder eine Party, die alarmierte Polizei war bereits vor Ort – und griff nicht ein, als der johlende Nazi-Mob über Werner Schubert herfiel. Halbnackt wurde der damals 58-Jährige über die Straße in sein Haus gejagt. Wenig später war ein Video des Überfalls auf Youtube zu sehen, aufgezeichnet von Patrick W.s Überwachungskamera, die Schubert wegdrehen wollte, weil sie die halbe Wiesengasse filmte.

Auf die Idee, die Hofreite zu kaufen, kam Martina Schubert kurz nach der gescheiterten Zwangsversteigerung. Nach den Erfahrungen mit dem „Schlitzer“ und den „Old Brothers“ hätten sie einfach sicher gehen wollen, „dass wir nicht wieder solche Nachbarn kriegen“. Außerdem, so war es von vornherein der Plan, soll die „Grätsche gegen Rechtsaußen“ Räume auf dem Hof bekommen, „quasi als Dankeschön“, sagt Martina Schubert. Das ehemalige Tattoo-Studio im Nebengebäude böte sich als Büro an für den Verein, der sich Anfang 2010 als Bürgerinitiative gründete.

Zufällige Begegnung mit Neonazi

Die Entscheidung für den Kauf sei ihnen allein wegen des vielen Geldes nicht leichtgefallen, sagen die Schuberts. Zumal, da sie mehr als 130.000 Euro für das Anwesen zahlten. Doch bis zum nächsten Versteigerungstermin im Februar wollten sie nicht warten. „Das war uns zu heikel“, sagt Martina Schubert. Vielleicht wäre ihnen dann doch noch jemand zuvorgekommen. Und so nahm ihr Mann bereits im November Kontakt zu Patrick W.s Vater und Anwalt auf. Er sprach sie an während der Verhandlung in Gießen. „Sehr freundlich“ seien sie gewesen, erzählt Schubert, der als Zeuge im Prozess auftrat. „Es fielen keine bösen Worte.“ Auch nicht, als er schließlich sogar mit Patrick W. selbst über den Hauskauf sprach, in einer Sitzungspause, zufällig, auf der Toilette des Landgerichts.

Nach alledem, was passiert sei, hätten sie „nie gedacht, dass das so problemlos klappen würde“, wundern sich die Schuberts noch immer. Kurz vor Weihnachten unterzeichneten sie den Kaufvertrag und begannen umgehend mit der Renovierung des Gehöfts. „Doch da kommt noch einiges auf uns zu.“ Die Strom- und Wasserleitungen müssen neu gemacht werden, Hof und Nebengebäude strotzen vor Dreck, Gerümpel und Verfall. Die Schuberts schätzen, dass sie noch mehrere Zehntausend Euro in das Haus stecken müssen.

Im Februar ziehen Mieter ein

Mit den sieben Zimmern und der Küche im Haupthaus sind sie schon weit gediehen, im Februar sollen die Mieter einziehen: Die Nachbarsfamilie Seib, die aus ihrem jetzigen Haus raus muss – und ebenfalls manch unschöne Erfahrung mit dem „Schlitzer“ gemacht hat. Einmal wurde der Vater krankenhausreif geprügelt. Es war einer der Vorfälle, wegen denen die „Grätsche“ entstand. Dass nun ausgerechnet die Seibs bald im ehemaligen „Old Brother’s Castle“ wohnen, ergab sich kurzfristig. Ein bisschen merkwürdig sei das ja schon, meint Dagmar Seib, es entbehre aber auch nicht einer gewissen Ironie, nach dem Motto: „Feind vertrieben, Burg eingenommen“.

Wenn sich das Chaos etwas gelichtet hat, wollen die Schuberts zu einer Ortsbegehung einladen, vorstellbar sei auch so etwas wie eine Ausstellung. Exponate dafür haben die Schuberts jedenfalls zu Genüge aufgestöbert: eine Hakenkreuzflagge, weitere Fahnen mit rechten Symbolen, Waffenattrappen, eine Schaukel für Sadomaso-Sex. Im Tattoo-Studio steht noch ein Totenkopf aus Keramik im Regal, auf einer Ablage liegen Skizzen von verfremdeten und stilisierten Hakenkreuzen. Überall stößt man auf Relikte, die von der Vergangenheit der Hofreite zeugen. Ein Panoptikum rechtsextremen Unflats.

Einschusslöcher in der Wand

Dazu gehören auch die diversen Räume, die im Prozess eine Rolle spielten. Das „Schießzimmer“ etwa, eine Kammer im Nebengebäude, in deren Wand knapp vierzig Einschusslöcher klaffen, einige davon gut acht Zentimeter tief.

Und natürlich der Partyraum. Sogar die Duschköpfe haben die Schuberts dort gefunden, vier an der Zahl. Eigentlich sind es Aluminium-Brausemundstücke für Gießkannen. Die Halterungen für die Rohre der Nebelmaschine sind noch in der Decke verankert. Der Sticker einer Freien Kameradschaft klebt an der Hintertür, daneben einer der „Old Brothers“: „Wir gegen linke Willkür“, heißt es darauf.

Etliche Zettel sind hinter der Theke ins Holz gepinnt, Namen, Telefonnummern, Autokennzeichen stehen darauf, vom Pizzaservice, von Freunden, von Polizeibeamten. „Oh, da hängt ja auch mein Name.“ Andreas Balser muss kurz lachen, als er den Wisch mit seinen Daten entdeckt. Der Vorsitzende der „Antifaschistischen Bildungsinitiative“ (Antifa-BI) hatte schon Ärger mit dem „Schlitzer“, Jahre bevor es die „Grätsche“ gab. Die allerdings habe beispielhaft gezeigt, wie sich „die Zivilgesellschaft erfolgreich gegen Neonazis wehren kann“.

Das Problem sei lange verharmlost worden, gerade von offizieller Seite, sagt Martina Schubert. „Doch am Ende haben wir es geschafft, alle zusammen: die Nachbarn, die Grätsche, die Antifa-BI, die Kirchen, die Gemeinde.“ Den Kauf der Hofreite will Werner Schubert daher auch als Symbol verstehen, besonders mit Blick auf den NSU und den Neonazi-Terror in Deutschland: „In Echzell haben wir dem Treiben den Garaus gemacht.“ Von einem „Happy End“ könne jedoch noch keine Rede sein. „Wir werden weiter gegen Rechtsextremismus hier in der Wetterau kämpfen.“ Denn, bestätigt Balser, der „Schlitzer“ sei zwar weg und mit ihm die Struktur, „doch die Szene und die Leute gibt es immer noch“.

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