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Stolpersteine für Karben: "Alle wurden vertrieben, viele ermordet"

Die Karbener Stolpersteine-Initiative erhält den Kulturehrenpreis der Stadt. Die FR spricht mit Hartmut Polzer und Irma Mattner über ihr Engagement.

Stolpersteine in Karben.
Stolpersteine in Karben.
Foto: FR/Müller

Wie kamen Sie auf die Idee, auch in Karben mit Stolpersteinen an Verfolgte des Nationalsozialismus zu erinnern? Hartmut Polzer: Im Jahr 2006 wurden in Bad Vilbel die ersten Steine verlegt. Da haben wir überlegt, wie war das eigentlich in Karben? Wir haben erfahren, dass es in Groß-Karben eine sehr große jüdische Gemeinde gab. Um 1900 waren zehn Prozent der Einwohner Juden. Alle wurden vertrieben, viele in Konzentrationslagern ermordet. Mit den Stolpersteinen wollen wir erinnern, gedenken und mahnen.

Wie gehen Sie bei Ihrer Recherche vor? Polzer: In Karben hatten wir das Glück, dass sich schon zwei Leute mit der jüdischen Geschichte beschäftigt hatten: Helmut Heide und Helmut Weigand. Somit hatten wir schon eine gute Grundlage. Die Möglichkeiten der Recherche haben sich allerdings mit der Zeit geändert. Der Nachteil heute ist, dass es kaum noch Zeitzeugen gibt. Wir recherchieren viel in Archiven. In den Staatsarchiven Darmstadt und Wiesbaden, in Weimar und in Bad Arolsen.

Zu den Personen

Hartmut Polzer (62) engagiert sich gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Irma Mattner seit 2006 für Stolpersteine in Karben.

Irma Mattner (70) ist in Karben geboren. Die beiden pensionierten Gewerkschafter verstehen sich als "offene Zwei-Mann-Initiative".

www.stolpersteine-in-karben.de

Hartmut Polzer und Irma Mattner haben die Karbener Stoplerstein-Initiative gegründet.
Hartmut Polzer und Irma Mattner haben die Karbener Stoplerstein-Initiative gegründet.
Foto: FR/Müller

Was haben Sie dort jeweils herausgefunden? Polzer: Das Archiv in Weimar ist wichtig für Informationen über die Internierung im Konzentrationslager Buchenwald. Wir wissen nun in etwa, wer wie lange dort war. In Wiesbaden habe ich in den Entschädigungsakten viel über die Lebensläufe erfahren. In Darmstadt boten die Akten Erkenntnisse zum Pogrom in Karben. Bad Arolsen bietet eher allgemeine Informationen zum Thema.

Erst am vergangenen Wochenende wollte die rechtsextreme NPD in Friedberg und Nidda demonstrieren. Könnten sich die Ereignisse von damals heute wiederholen? Irma Mattner: Wir befürchten, ja. Deshalb ist es ja so wichtig, dass das, was seinerzeit geschehen ist, nicht vergessen wird. Mit unserer Arbeit wollen wir dazu beitragen, dass sich die Geschichte nicht wiederholt. Wie soll mein Sohn oder Enkel etwas verhindern, wenn er nicht weiß, was passiert ist und wie es entstanden ist. Jemand hat zu mir gesagt, die NPD hat doch keine Chance. Aber das hat man in den 1920er Jahren auch gesagt - und dann ging alles recht schnell Polzer: Am 17. Dezember 1942 haben Nationalsozialisten Wetterauer Juden, unter denen auch Familien aus Groß-Karben und Rendel waren, in Friedberg von der Augustinerschule zum Bahnhof getrieben und dann mit Zügen in die Vernichtungslager gebracht. Heute wirbt die NPD in Friedberg am gleichen Bahnhof öffentlich mit ähnlichen fremdenfeindlichen Parolen und Aufrufen. Das ist mehr als deutlich.

Sprechen Sie mit Zeitzeugen darüber, wie es zum Holocaust kommen konnte? Mattner: Herr Kötter hat uns berichtet, dass Moritz Ross, der aus dem Ersten Weltkrieg unterschenkelamputiert zurückkehrte, mehrfach Warnungen seiner Nachbarn in den Wind geschlagen hat: "Ich bin doch Deutscher und habe mein Vaterland verteidigt." 1941 wurde er in Ausschwitz ermordet. Er konnte sich nicht vorstellen, dass so etwas passiert, auch viele Deutsche nicht.

Stehen Sie noch zu anderen Juden aus Karben in persönlichem Kontakt? Polzer: Ja, aktuell mit Klärchen Kirschberg, Jahrgang 1922, aus Burg-Gräfenrode. Sie konnte dem Holocaust durch die Ausreise mit einem Kindertransport nach England entkommen. Im Frühjahr 2010 möchte sie Burg-Gräfenrode noch einmal besuchen und in das Haus gehen, in dem sie gewohnt hat. Vor dem Haus sind schon drei Steine angebracht: zwei für ihre ermordeten Eltern, einer für sie.

Der Initiator und Künstler Gunter Demnig hat Stolpersteine in Deutschland, Österreich, Ungarn und in den Niederlanden verlegt. Was ist das Besondere der Aktion in Karben? Mattner: In Karben haben alle an einem Strang gezogen. Das Stadtparlament hat bereits einen Monat nach Gründung der Initiative einstimmig dafür gestimmt. Und ohne die breite Unterstützung in der Bevölkerung hätten wir nicht in drei Jahren 39 Steine verlegen können.

Was bedeutet es für Sie, den Kulturehrenpreis der Stadt Karben zu erhalten? Polzer: Wir freuen uns über diesen Preis und nehmen ihn gern stellvertretend für alle an, die mitgeholfen haben.

Wo und wann werden die nächsten Steine verlegt? Polzer: Wenn entsprechende Patenschaftsübernahmen für Stolpersteine vorliegen, können Mitte 2010 weitere Stolpersteine in Karben verlegt werden. Die Patenschaft für einen Stein kostet 95 Euro. Anmeldungen sind unter Telefon 06039/42539 möglich. Es gibt noch zahlreiche Verfolgte des Nationalsozialismus, an die wir erinnern möchten.

Interview: Tina Full-Euler

Datum:  4 | 8 | 2009
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