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"Ihr habt den Krieg verlorn": Neonazi-Demo in der Wetterau aufgelöst

Mit einem Lautsprecherwagen wollen junge Neonazis in Butzbach den Vortrag einer Journalistin stören. Doch 200 engagierte Bürger machen ihnen einen Strich durch die Rechnung. Von Bruno Rieb

Es sei eigentlich schade, dass erst die Kundgebung der Jungen Nationaldemokraten dem Vortrag von Andrea Röpke diese Aufmerksamkeit beschert habe, meinte ein Besucher. Was die engagierte Journalistin über die inzwischen verbotene "Heimattreue Deutsche Jugend" und ihre rassistischen und paramilitärischen Umtriebe sowie ihre Verbindung zu Butzbach, hätte ohnehin ein großes Publikum verdient gehabt. Dass es tatsächlich kam, dafür sorgte der NPD-Nachwuchs: Etwa hundert Menschen hörten am Mittwochabend im Bürgerhaus Röpkes Vortrag, und draußen machten etwa genauso viele ihrem Ärger über die Neonazis Luft.

Die Situation vor dem Bürgerhaus hatte etwas Skurriles. Der NPD-Nachwuchs war mit etwa 30 Leuten angerückt, viele davon gehören nach Angaben der Antifaschistischen Bildungsinitiative Wetterau (Antifa BI) zu den "Autonomen Nationalisten" aus Wetzlar. Mit einem riesigen Lautsprecher versuchten sie, gegen den Vortrag anzubrüllen, aber niemand hört ihnen zu. Stattdessen schallte ihnen von mindestens dreimal so vielen Gegendemonstranten ein im Tonfall der Gesänge von Fußballfans entgegen: "Ihr habt den Krieg verlorn, ihr habt den Krieg verlorn...".

Den Einsatz seines Lautsprecherwagens hatte der NPD-Nachwuchs vor dem Verwaltungsgericht durchgesetzt. Die Stadt Butzbach wollte ihn nicht erlauben, damit der Vortrag nicht gestört werde. Als nun eine auf die Waffen-SS bezogene Parole gerufen wurde, löste die Polizei die Kundgebung der Neonazis auf. 18 Leute aus der Gruppe der Rechtsextremen versuchten später in Bad Nauheim zu demonstrieren; auch diese Demonstration wurde aufgelöst, berichtet der Sprecher der Wetterauer Polizei, Jörg Reinemer.

Die Neonazis seien selbstbewusst geworden, ihr Auftritt draußen zeige, "dass sie sich trauen", sagte die Rechtsextremismus-Expertin Röpke. Sie kennt sie Szene bestens. In der "Heimattreuen Deutschen Jugend" hat sie verdeckt recherchiert. Im Butzbacher Stadtteil Hoch-Weisel gab es eine Gruppe der neonazistischen Organisation. Mehrere Mitglieder dieser Gruppe wohnen laut Antifa BI noch in der Wetterau. Die Reaktion des NPD-Nachwuchses zeige, "dass wir mit der Wahl des Themas und des Ortes einen Treffer gelandet haben", kommentiert die Antifa BI den Auftritt der Neonazis am Vortragsort.

Eine breite Front von Demokraten habe dafür gesorgt, dass Neonazis in Butzbach nicht dauerhaft eine Bühne bekommen, sagte Bürgermeister Michael Merle (SPD) in seinem Grußwort zu Beginn des Vortrags. Gegen die rechtsextremen Umtriebe in der Stadt hat sich das "Butzbacher Bündnis für Demokratie und Toleranz" gebildet, das den Vortrag unterstützte.

In Marcel Wöll hatte in Hoch-Weisel ein führender Aktivist der sogenannten Freien Nationalisten gewohnt. Wöll war von 2006 bis 2008 Landesvorsitzender der hessischen NPD und gehörte dem Wetterauer Kreistag an. Das Butzbacher Bündnis für Demokratie hatte mit dafür gesorgt, dass Wöll vor zwei Jahren die Stadt in Richtung Thüringen verließ.

Autor:  Bruno Rieb
Datum:  10 | 6 | 2010
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