Vor fünf Jahren kam die Idee auf, Kneipp-Kurort zu werden. Der aufstrebende örtliche Kneipp-Verein hatte sie an die Stadt herangetragen. Mit seinen Herzsportgruppen erlebte der Verein einen Höhenflug: Die Mitgliederzahl stieg binnen weniger Jahre von 198 auf 750, berichtet der Vorsitzende Lutz Ehnert, Facharzt für Innere Medizin und Sportmedizin. Die ambulanten Badekuren in Bad Nauheim „waren tot“, sagt Ehnert. Nun sollen sie mithilfe der Kneipp-Kuren wiederbelebt werden.
Da die alle zehn Jahre fällige Zertifizierung als Heilbad anstand, sollte die zum Kneipp-Kurort gleich miterledigt werden. Eine knallharte Überprüfung sei es gewesen, stöhnt Bürgermeister Bernd Witzel (UWG). Aber erfolgreich: Am Mittwoch übergab Hessens Wirtschaftsminister Dieter Posch (FDP) dem Bürgermeister die Anerkennungsurkunde als Kneipp-Kurort und die weitere Zertifizierung als Heilbad.
Der weltberühmte Naturheilkundler wurde am 17. Mai 1821 in Stephansried bei Ottobeuren geboren. Mit seinem Namen ist speziell Bad Wörishofen verbunden, wo er seit 1855 wirkte.
Sebastian Kneipp war eigentlich Pfarrer. Während seiner Gymnasialzeit erkrankte er. Ärzte konnten ihn nicht heilen. So verordnete er sich selbst zwei bis drei Bäder pro Woche in der kalten Donau. Die Therapie half. 1886 veröffentlichte er sein Hauptwerk: „Die Wasserkur“.
Vorbeugen war sein Hauptanliegen. „Wer nicht jeden Tag etwas für die Gesundheit aufbringt, muss eines Tages sehr viel Zeit für die Krankheit opfern“, sagte er.
Kneipp wurde 76 Jahre alt. Er starb am 17. Juni 1897 in Wörishofen. ieb
Mit dem Pfund Kneipp-Kurort will Witzel nun kräftig wuchern. Viel gekostet hat das neue Markenzeichen die Kurstadt nicht. Für 50000 Euro wurde vor zwei Jahren ein Gesundheitsgarten angelegt, mit einem Becken zum Wassertreten und Beeten mit Heilpflanzen. Die Stadtbücherei hat eine Ecke mit Kneipp-Literatur bekommen. Frank Müller, Leiter des Kur- und Servicebetriebes der Kurstadt, spricht vom „Markstein des Ehrenamtes“. Ohne den Kneipp-Verein wäre der Kneipp-Kurort nicht möglich geworden.
Auf fünf Säulen beruht die Therapie, sagt Ehnert. Die erste Säule sei die Wassertherapie mit Wassertreten und Güssen. Dafür hätten die Kliniken ihre Badeärzte nun speziell ausgebildet. Säule zwei sei die Bewegungstherapie, dafür gebe es die Herz-Kreislauf-Wege. Säule Nummer drei sei die Pflanzentherapie, dafür gebe es den Heilpflanzengarten. Die Ernährung sei die vierte Säule. Dafür könne die Kurstadt auf die Diät-Küchen ihrer Reha-Kliniken zurückgreifen. Außerdem würden Hotels Kneipp-Frühstück anbieten. Zwei Hotels seien auf dem Weg, Kneipp-Hotels zu werden. Säule Nummer fünf sei die Ordnungstherapie, ein psychomentales Training. Damit wird sich die Kurstadt während ihres vierten Kneipp-Tages am 2. Juli befassen. „Vergesst die Seele nicht“ soll das Motto sein.
In Hessen gibt es laut Witzel nur einen vergleichbaren Kurort, Kassel-Wilhelmshöhe. Der ist allerdings Kneipp-Heilbad, rangiert also eine Stufe höher. In zehn Jahren will Bad Nauheim auch Kneipp-Heilbad sein. 64 Kneipp-Kurorte gibt es bundesweit.

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