Ein kleiner Anflug von Gleichgültigkeit huscht über das Gesicht des 17-jährigen Stefan (alle Namen der Schüler geändert), während er in der einen Hand einen gelben und in der anderen einen roten Kreis hält, beide hochhebt und sagt: "Heute geht es mir nicht so gut. Ich habe verschlafen und konnte mir die Haare nicht richtig machen. Außerdem schmeckt mir hier der Kaffee nicht." Er gibt die kreisförmigen Karten weiter an den nächsten Jugendlichen. Insgesamt gibt es drei verschiedene Kärtchen, in den Ampelfarben grün, gelb, rot.
Vier Jugendliche müssen eine Farbe auswählen und sagen, wie es ihnen an diesem Morgen geht. Für die meisten Menschen ist das keine besondere Herausforderung. Für die vier Jugendlichen schon: Alle leiden unter einem autistischen Syndrom. Allen ist gemeinsam, dass sie ihre Gefühle nur schwer äußern können. Autismus ist eine psychische Störung, die in vielen Varianten auftritt. Viele Autisten haben Schwierigkeiten, mit anderen Menschen zu sprechen oder Gesagtes richtig einzuordnen.
Das Berufsbildungswerk Karben hat rund 200 Mitarbeiter und 450 Auszubildende. Das Angebot des BBW richtet sich an junge Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen. Insgesamt können 31 Berufe erlernt werden.
Für die Teilnehmer gibt es ein eigenes Wohndorf auf dem BBW-Gelände. Dort wohnt ein Großteil der Jugendlichen in insgesamt dreizehn Internatshäusern.
Es gibt drei Arten von Autismus: Atypischer Autismus, frühkindlicher Autismus und Asperger Autismus. Zwischen den Kategorien gibt es etliche Abstufen. Meistens sind Jungen betroffen.
Asperger Autismus: leichteste Form von Autismus. Frühkindlicher Autismus: in den ersten Lebensmonaten eines Kindes. Atypischer Autismus: ähnlich dem frühkindlichen, tritt aber später auf. (prjt)
Das Berufsbildungswerk (BBW) Südhessen in Karben leistet Pionierarbeit bei der Eingliederung von jungen Autisten ins Arbeitsleben. Es gehört zu den bundesweit vier Berufsbildungswerken, die in einem Modellprojekt autistische Menschen auf eine Berufsausbildung vorbereiten. Elf Monate dauert dies und dazu gehört der Besuch der integrierten Berufsschule, das Reinschnuppern in Ausbildungsberufe und ein Sozialkompetenztraining sowie Bewegungsförderung und Freizeitpädagogik.
"Unser heutiges Thema ist: Wie begrüße ich andere Leute und wie nahe darf ich jemanden kommen", mit diesen Worten leitet die Psychologin und Bildungsbegleiterin Susanne Heinz das Sozialkompetenztraining ein.
Der 16-jährige Mark ruft sofort: "Ich darf jemandem so nahekommen, wie ich will. Der andere sagt dann schon stopp." Die Psychologin lächelt und sagt: "Nein, so ist das leider nicht. Aber am besten probieren wir mal aus, wie nahe uns andere kommen dürfen." Sie gibt jedem Schüler ein Seil, damit sollen sie einen Kreis um sich legen und den Bereich abstecken, in dem sie alleine sein wollen. Erstaunlicherweise unterscheiden sich die persönlichen Bereiche nicht stark. Doch Susanne Heinz will es genauer wissen: "Und wie ist das mit eurer Mutter? Wie nahe darf eure Mutter euch kommen?" Der 16-jährige Mark ruft wie aus der Pistole geschossen: "Sie darf näher kommen, weil sie die Mutter ist und ich das Kind."
Autisten müssen viele Dinge lernen, die für andere Menschen selbstverständlich sind. Bestimmte Aussagen werden einfach auswendig gelernt und wirken manchmal stark automatisiert. Bei dem Training der Sozialkompetenzen wird eins deutlich: Die vier Jugendlichen sind trotz gleicher Erkrankung grundverschiedene Charaktere. Der 17-jährige Stefan erzählt sehr viel von sich und seinen Interessen: der Musik und das Leben als Rockstar. Dabei spricht er zeitweise ohne Punkt und Komma. Der 16-jährige Mark gehört auch zu den "Lauteren", er lacht viel und seine Bewegungen wirken etwas hektisch. Der 17-jährige Alexander und der 19-jährige Philipp sind viel ruhiger und introvertierter. Während Mark auf seinem Stuhl zappelt, spielt Alexander gedankenversunken mit seinem Mäppchen.
Alexander hat sogar eine Freundin, was eher ungewöhnlich ist. "Bei den Autisten ist es ganz oft so, dass sie die typischen jugendlichen Interessen nicht haben. Sie rauchen meistens nicht und trinken auch keinen Alkohol", erklärt Susanne Heinz.
In diesem Schuljahr sind es insgesamt 13 Jugendliche, ausschließlich junge Männer, die an der berufsvorbereitenden Maßnahme teilnehmen. Von den 16 Jugendlichen, die 2008 bei der Maßnahme mitgemacht haben, wurden sechs in einem Ausbildungsverhältnis untergebracht.
Das Bewegungstraining sei wichtig in der ganzheitlichen Ausbildung, erklärt Elke Beeck vom BBW. Viele Autisten haben motorische Probleme, in unterschiedlichen Ausprägungen. So geht auch Bildungsbegleiterin Heinz mit ihren Schützlingen ab und zu nach draußen, damit sie sich gegenseitig Bälle zuwerfen. In den ersten vier bis sechs Wochen haben die Jugendlichen die Gelegenheit, ihre Stärken herauszufinden und ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten auszubauen. Sie können in einer Werkstatt mit Holz oder an der Nähmaschine arbeiten und Schnelligkeitstests machen.
"Die ersten Wochen dienen der Eignungsanalyse und der Eignungstestung. Es soll herausgefunden werden, wie die handwerklichen Fähigkeiten sind", sagt Elfriede Kohtz, die die Jugendlichen jeden Tag in der Werkstatt betreut. Deshalb werden bei den Aufgaben auch die Zeiten gestoppt. Der 18-jährige Timo zeigt, wie er in Windeseile große und kleine Schrauben mit Muttern auf- und abschraubt. Dabei ist er hochkonzentriert. Im persönlichen Gespräch wirkt er sehr angespannt und nervös. Aber er signalisiert auch: Ich möchte von mir erzählen. So antwortet er auf die Frage, wie er in der neuen Umgebung zurechtkomme: "Am Anfang war das schwer. Es ist alles neu hier. Gewöhnungsbedürftig. Ich war noch nie von zu Hause weg. Es wird so langsam." Dann muss er erstmal kurz rausgehen, verschnaufen. "Das ist sehr anstrengend für die Jugendlichen", erklärt Kohtz. Aber Timo ist es auch, der die Nähmaschine anmacht, nachdem der 17-jährige Martin sagt, dass er das nicht möchte. Stolz zeigt er, wie man an einer Nähmaschine arbeitet.

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