Um 15.55 Uhr am 23. Juni 1910 wird Friedberg von der Detonation einer Bombe erschüttert. Sie ist im Rathaus an der Kaiserstraße deponiert, in der sich auch die Polizeistation und Arrestzellen befinden. Die Treppe wird zerstört. Die Beamten im ersten Stock sind eingeschlossen. Sie stürzen an die Fenster, schreien "Feuer" und "Hilfe".
Feuerwehr, Polizei und Bevölkerung eilen zum Rathaus, um zu helfen oder zu gaffen. Genau das haben Otto Winges und Friedrich Werner gewollt. Der Anschlag ist ein Ablenkungsmanöver. Die jungen Männer, 19 und 20 Jahre alt, haben sich im Jugendknast kennengelernt. Sie wollen die 500 Meter vom Rathaus entfernte Reichsbank überfallen.
Sie sitzen im Café Hock an der Kaiserstraße und warten bei Kaffee und Eis auf die Explosion. Auf gestohlenen Fahrrädern radeln sie zur Bank, setzen Masken auf, tauschen die Hüte, gehen bewaffnet in die Filiale. Hier verlässt die jungen Ganoven ihre Kaltblütigkeit. Werner steht dem Bankdirektor gegenüber und bringt keinen Ton heraus. Er zieht die Pistole. Der Bankdirektor springt auf ihn zu, schlägt die Pistole weg. Die beiden ringen miteinander. Winges kommt dazu, schlägt dem Direktor mit der Pistole auf den Kopf. Der wendet sich nun gegen Winges. Winges flüchtet. Werner will hinterher. Der Bankdirektor will ihn packen. Werner schießt aus seiner Browning, die Kugel streift den Direktor am Hals.
Ohne einen Pfennig Beute flüchten die jungen Räuber. Winges greift sich ein Fahrrad und saust los. Zwei Polizisten requirieren ein Auto, sausen hinterher. Winges stößt mit einem Wagen zusammen, rappelt sich auf und radelt weiter. Er schießt auf die Verfolger, trifft einen taubstummen Jungen und zwei Bauern.
Die Bad Nauheimer Polizei ist alarmiert. Beamte radeln Winges entgegen. Am Bad Nauheimer Friedhof stellen sie ihn. Winges kniet nieder und schießt sich die letzte Kugel in der Trommel seines Revolvers in den Kopf. Er stirbt beim Transport ins Krankenhaus.
Werner indessen hat sich unauffällig unters schaulustige Volk gemischt. In einem Bekleidungsgeschäft kauft er sich einen Hemdkragen, der alte war durch den Ringkampf zerknittert. Auf dem Promenadenweg spaziert er nach Bad Nauheim. Mit dem Zug fährt er nach Frankfurt und setzt sich ins Ausland ab. Heimweh treibt ihn zurück.
Ein Schulkamerad erkennt ihn. Er wird festgenommen. Anfang Dezember 1910 wird ihm der Prozess gemacht. "Lebenslänglich" lautet das Urteil. Die Tat des Duos erregt europaweit Aufsehen. Weil das Attentat im Vorfeld des Zarenbesuchs geschah, wurden politische Hintergründe vermutet. Friedberg sei "Schauplatz eines doppelten Verbrechens, wie wir es in Deutschland in seiner ganzen umfangreichen Größe wohl noch nicht kannten. Amerika und das Phantasieland des Schauerromans allein waren bisher die Gegenden, in denen derartige Fälle vereinzelt sich zugetragen haben", wunderte sich der Frankfurter General-Anzeiger.
Dort, wo Kriminalromane ein Zuhause haben, im Bibliothekszentrum in Friedberg, ist der aufsehenerregende Bombenanschlag pünktlich zum 100. Jahrestag minuziös nachgezeichnet, inklusive seiner Vor- und Nachgeschichte, Fahndungsplakaten und Dokumenten aus jener Zeit. Der Leiter des Friedberger Stadtarchivs Lutz Schneider hat die Ausstellung zusammengestellt. Angeregt dazu wurde er von dem Hanauer Verbrechens-Forscher und Krimifan Arnd-Heinz Marx, der den Fall auf seiner Wallace-Homepage dokumentiert hat. "Mindestens so spannend wie das Attentat ist die Rezeption dieses Attentats", meint Friedbergs Bürgermeister Michael Keller (SPD).
Die Ausstellung "Bombenanschlag in Friedberg 1910" ist bis zum 2. August im Bibliothekszentrum Klosterbau in der Augustinergasse 8 in Friedberg zu sehen.www.blofelds-wallace.de

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