Die Kurstadt versinkt in einer Plakatflut. Und im Rathaus ist die Atmosphäre wegen des Wahlkampfes vergiftet. Am 27. März wird nicht nur ein neues Stadtparlament, sondern auch der Bürgermeister gewählt. Sieben Parteien und fünf Bürgermeisterkandidaten buhlen um die Gunst der rund 23000 Wahlberechtigten.
Im Rathaus geht es hoch her, weil hier zwei Konkurrenten der Bürgermeisterwahl residieren, die sich heftig attackieren. Amtsinhaber Bernd Witzel (UWG) und Erster Stadtrat Armin Häuser (CDU). Bis vor gut einem Jahr haben die beiden vor dem Hintergrund einer Koalition aus CDU und UWG noch leidlich zusammengearbeitet.
Bürgermeister: Bernd Witzel (UWG), Erster Stadtrat Armin Häuser (CDU).
Wahlberechtigte: 23000 bei 30500 Einwohnern.
Sieben Parteien bewarben sich 2006
erfolgreich um Sitze im Stadtparlament. Neben den etablierten Parteien waren es 3B (Bürger Bündnis Bad Nauheim) und die Liste Wir. 3B hatte sich um Jörg Krämer formiert, der als parteiloser Kandidat bei der Bürgermeisterwahl 2005 in der Stichwahl gegen Witzel mit 42 zu 58 Prozent der Stimmen gescheitert war. 3B erreichte auf Anhieb 15,5 Prozent der Stimmen und lag damit fast gleichauf mit der SPD.
Bei der Wahl am 27. März tritt Wir nicht mehr an. Dafür tanzt eine neue Gruppierung auf dem glatten Parkett der Bad Nauheimer Politik. Sie nennt sich „Politik anders“ und ist eine Abspaltung von der SPD. Die früheren SPD-Stadtverordneten Hans-Joachim Simon und Markus Theis haben sie formiert.
Bei der Bürgermeisterwahl 2005 waren sechs Kandidaten angetreten, neben Witzel und Krämer noch Hedwig Rohde für die CDU (14,3 Prozent), für die Grünen Brigitta Nell-Düvel (6,7 Prozent), Peter Heidt für die FDP (4,5 Prozent) und der parteilose Walter Simon (4,2 Prozent). ieb
Schwierig sei Witzel schon immer gewesen, schränkt Häuser ein. Dann kam es damals in Sachen Eisstadion zum großen Knall. Das Dach der Halle war marode. Witzel und die UWG wollten einen großzügigen Neubau, Häuser und die CDU setzten die Sanierung des alten Stadions durch. Witzel sagt noch heute: „Diese Entscheidung war falsch für unsere Stadt.“ Der erzürnte Bürgermeister entzog Häuser damals die Zuständigkeit für das Stadion. Die Koalition zerbrach. Seither geht es im Rathaus turbulent zu. Der Erste Stadtrat fühlt sich vom Bürgermeister schlecht behandelt und umgekehrt. Die CDU wolle ihn mit Dreck bewerfen, klagt Witzel. Der nehme sachliche Kritik persönlich, entgegnet Häuser.
Witzel (64) hatte lang überlegt, ob er für eine zweite Amtszeit antritt. Er wolle das Gebäude, das er gebaut habe, auch einmal bewohnen, begründet er seine Entscheidung. Er sieht sich als den Baumeister des neuen Bad Nauheim. Die Stadt hat sich in den vergangenen sechs Jahren rasant entwickelt. Die Liste, die der Bürgermeister als seine Erfolgsbilanz präsentiert, reicht von der Umgestaltung des Bahnhofs, der Park- sowie der Kurstraße über die Sanierung der Trinkkuranlage bis zur Landesgartenschau.
Häuser sieht den Bürgermeister nicht als Motor, sondern als Bremser. Witzel habe sich lange geweigert, das städtische Hochwaldkrankenhaus ins Gesundheitszentrum Wetterau zu integrieren. Das GZW sei verantwortlich für die Entwicklung Bad Nauheims zur Gesundheitsstadt. Der Kommunalisierung des Staatsbades, ebenfalls eine Erfolgsgeschichte, habe sich Witzel auch lange entgegengestemmt. Sollte Häuser nicht Bürgermeister werden, könnte die Karriere des 46-Jährigen im Bad Nauheimer Rathaus bald zu Ende sein: Seine Amtszeit als Erster Stadtrat endet am 31. Oktober 2012.
SPD-Kandidat Sinan Sert schaut dem Ringen der beiden Hauptamtlichen gelassen zu, das er als ehrenamtliches Magistratsmitglied aus nächster Nähe erlebt. Er habe ein gutes Verhältnis zu beiden, sagt der 43 Jahre alte Diplom-Ökonom. Sert will in der Kurstadt für „Bürgernähe auf Augenhöhe“ sorgen. Sein Etappenziel ist die Stichwahl, „dann sehen wir weiter“.
Die Grüne Brigitta Nell-Düvel ist die Marathon-Frau unter den Bewerbern. „Ich laufe den echten 42-Kilometer-Marathon“, sagt die 58 Jahre alte Psychologin. Und sie tritt seit 1999 ausdauernd für die Grünen bei den Bürgermeisterwahlen an. Ihr Hauptanliegen ist die Beteiligung der Bürger an der Entwicklung des Sprudelhofs. Das Engagement von TAF und Jugendstilverein würden hier nicht ausreichend gewürdigt, sagt sie.
Die Piratenpartei liebt wohl Wahlkämpfe, die Wellen schlagen. Mit Stephan Flindt bewirbt sich erstmals in einer Wetterau-Kommune ein Pirat um den Bürgermeisterstuhl. Der 51 Jahre alte Systemprogrammierer fordert einen Bürgerhaushalt und will für mehr Transparenz sorgen.
Um Sitze im Stadtparlament kämpfen CDU, UWG, SPD, 3B, Grüne, FDP und Politik anders.

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