Was ist ihr Beruf? Ich bin gelernter Weißbinder.
Wie lange sind sie arbeitslos? Seit 2001. Ich bin mittlerweile in Hartz IV.
Peter Kühn ist Vorsitzender der jüngst gegründeten Erwerbsloseninitiative Wetterau. Der Bad Vilbeler ist seit sieben Jahren arbeitslos. Schlechte Erfahrungen mit den Arbeitsbehörden haben zu seinem Engagement geführt. Das einstige SPD-Mitglied ist jetzt bei den Linken aktiv.
Haben Sie als 50-Jähriger noch Hoffnung, einen Job zu finden?
Die Hoffnung stirbt zuletzt. Ich bewerbe mich weiterhin. Aber die Absagen, die ich bekomme, sind oft lächerlich. Etwa: "In Ihrem Alter passen Sie nicht in unser Team." Die Arbeitgeber suchen offenbar einen 20-Jährigen mit 30 Jahren Berufserfahrung.
Haben Sie schlechte Erfahrungen mit den Arbeitsbehörden? Habe ich. Ich sollte zu unsinnigen Schulungen, die für mich Geldverschwendung waren. Zum Beispiel die ADR-Bescheinigung ...
Was ist das?
... die ist für Gefahrguttransport. Ich habe gar keinen Führerschein. Das ist rausgeschmissenes Geld.
Also haben Sie sich in der Erwerbsloseninitiative engagiert. Ich habe mich schon die ganze Zeit um Personen gekümmert, die mit der Jobkomm Schwierigkeiten haben.
Warum die Bezeichnung Erwerbsloseninitiative und nicht Arbeitsloseninitiative?
Man ist immer arbeitssuchend. Erwerbslos hört sich einfach besser an. Arbeitslos ist wie ein Stempel aufgedrückt.
Die Partei Die Linke hat bei der Gründung Geburtshilfe geleistet. Ist sie eine Tarnorganisation?
Nein. Die Erwerbsloseninitiative ist ein eigenständiger Verein. Klaus Fischer, der Fraktionsvorsitzende der Linken im Kreistag, ist im Aufsichtsrat der Jobkomm. Dadurch werden schwierige Fälle an ihn weitergeleitet. Er ist der Ansprechpartner für die Erwerbsloseninitiative, dass Fälle nicht unter den Tisch gekehrt werden.
Sind Sie selbst parteipolitisch aktiv?
Ich bin in der Linken aktiv. Ich bin Sprecher des Ortsverbands Bad Vilbel und Mitglied im Kreisvorstand. Aber es wird strikt getrennt zwischen Partei und Erwerbsloseninitiative. Ich war früher in der SPD und bin 2002 ausgetreten wegen der Agenda 2010. Begründung: "Bei der Sozialgesetzgebung kann ich mir den Mitgliedsbeitrag nicht mehr leisten."
Ist die Erwerbsloseninitiative politische Stimme der Arbeitslosen oder praktischer Helfer?
Im Vordergrund steht die praktische Hilfe. Wir sind aber auch Interessenvertretung, wenn es sein muss, auch politische Stimme. Das sind zum Beispiel die Mietvorgaben, die in der Wetterau gemacht werden. Zum Beispiel hier in Bad Vilbel einen Wohnraum von 45 Quadratmetern für 285 Euro Kaltmiete zu finden, ist unrealistisch. Einen richtigen Mietspiegel in Bad Vilbel haben wir auch nicht. Wir werden gegebenenfalls gegen diese Mietvorgaben beim Sozialgericht klagen. Erwerbslose sollen darauf aufmerksam gemacht worden sein, dass die Mieten in der Ostwetterau günstiger sind. Soll dort ein Hartz-IV-Ghetto errichtet werden?
Wie sieht die praktische Hilfe aus?
Wir helfen beim Ausfüllen der Anträge, wenn es Schwierigkeiten bei den Mietzahlungen gibt, bei Kürzungen. Eigentlich bei allem, was so anfällt. Aber das ist keine Rechtsberatung, sondern nur eine Unterstützung.
Haben Sie offiziellen Kontakt zur Arbeitsagentur und zur Jobkomm?
Noch nicht. Wir sind im Moment noch am Aufbau.
Die Zahl der Arbeitslosen sinkt in der Wetterau ständig. Kommt Ihrer Initiative das Klientel abhanden?
Dass die Arbeitslosenzahlen zurückgehen, ist ein Witz. Das ist eine reine Schönrechnerei.
Wie wird schöngerechnet?
Durch die Ein-Euro-Jobs, Minijobs, ABM-Maßnahmen. Diese Zahlen sollen sie in die Arbeitslosenstatik mit reinnehmen. Erst dann haben wir die tatsächliche Arbeitslosenzahl. Man hört dauernd, dass Leute entlassen werden sollen. Jetzt wieder bei der Commerzbank. Wie soll denn da die Arbeitslosenzahl zurückgehen. Es gibt einen Fahrradverleih in der Wetterau, bei dem sechs Ein-Euro-Jobber beschäftigt werden, der aber kaum ein Fahrrad verleiht. Für mich ist das eine reine Abkassiererei.
Interview: Bruno Rieb
In der Wetterau waren laut Arbeitsagentur Gießen im August 13 817 Menschen ohne Arbeit. 5341 davon zählten zu den Langzeitarbeitslosen.
Sieben Arbeitslose wollen sich nicht einfach mit ihrem Schicksal abfinden. Sie gründeten die Erwerbsloseninitiative Wetterau. Der Vereinszweck ist laut Satzung "Betreuung von ALG II Empfängern im Sinne von Hilfe zur Selbsthilfe, regelmäßige Information und Weiterbildung der Betroffenen im Umgang mit Behörden, Arbeitgebern und sonstigen Institutionen, Unterstützung bei Behördengängen, Öffentlichkeitsarbeit zur Schaffung eines breiteren Bewusstseins für die Situation von ALG II Empfängern".
Die sieben Wetterauer Arbeitslosen hatten bei der Initiative-Gründung tatkräftige Hilfe von der Fraktion der Linken im Kreistag, die zu dem Treffen eingeladen hatte. Und vom Bad Homburger Erwerbslosentreff waren Mitglieder zu der Gründungsversammlung in die Wetterau gekommen, um über ihre Arbeit zu berichten.
Die Wetterauer Initiative hat sich einiges vorgenommen. Erwerbslose sollen sich bei ihr Rat und Hilfe bei der Antragstellung für ALG II holen können, bei der Anrechnung von Einkommen und der Bewertung von Vermögen. Die Bescheide der Behörde will sie erläutern und kontrollieren. Bei sogenannten Qualifizierungsmaßnahmen wie den Ein-Euro-Jobs will sie ebenso beraten wie bei der Definition dessen, was "zumutbare Arbeit" ist.
Der Mitgliedsbeitrag beträgt mindestens einen Euro pro Monat. Mitglied können nicht nur Einzelpersonen werden, andere Vereine und Organisationen können beitreten. Vorsitzender ist der Bad Vilbeler Peter Kühn, sein Stellvertreter ist Wolfgang Seibt aus Friedberg, Schatzmeisterin Yvonne Schimanski aus Niddatal. ieb
Kontakt zur Erwerbslosenhilfe Wetterau kann über den Vorsitzenden Peter Kühn, Telefon 0 61 01 / 65 84500, aufgenommen werden. Ein Internet-Auftritt unter der Adresse www.erwerbsloseninitiative-wetterau.de ist derzeit im Aufbau und geht in Kürze in Betrieb.

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