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Journalist aus Bad Vilbel: Mit Herta Müller im Fadenkreuz

Der Chefredakteur des "Vilbeler Anzeigers" ist ein alter Bekannter von Nobelpreisträgerin Herta Müller - und stand ebenso wie sie im Fadenkreuz der Securitate. Von Tina Full-Euler

Horst Samson ist Chefredakteur des Vilbeler Anzeigers.
Horst Samson ist Chefredakteur des Vilbeler Anzeigers.
Foto: FR/Boeckheler

Wenn die Schriftstellerin Herta Müller in Oslo den Literaturnobelpreis überreicht bekommt, wird wohl auch im hessischen Neuberg ein Sektkorken in die Luft hüpfen. Dort wohnt Horst Samson, Chefredakteur des "Vilbeler Anzeigers", zusammen mit seiner Frau Edda. Müller und Samson haben eine gemeinsame Geschichte - allerdings hat der Vilbeler Chefredakteur im Gegensatz zur erfolgreichen Autorin derzeit einen schweren Stand.

Herta Müller und Horst Samson gehörten beide von 1981 bis 1984 dem Adam-Müller-Guttenbrunn-Literaturkreis Temeswar an, der mit sozialkritischer Literatur die Verhältnisse ändern wollte. Beide wurden sie aus diesem Grund vom rumänischen Geheimdienst Securitate als staatsfeindlich angesehen, verfolgt und bedroht. Beide verließen 1987 das Land Richtung Westdeutschland. Sie sind heute noch miteinander befreundet. Samson wollte das Land nicht verlassen. "Ich habe immer gesagt, ich bin der Letzte, der hier das Licht ausmacht. Aber dann kam die Angst, dass die einem das Licht ausblasen", erzählt der 55-Jährige Vater eines Sohnes. 1986 nennt er sein "Horrorjahr". Ein anonymer Anrufer sprach davon, ihm einen Nagel in den Kopf schlagen zu wollen. Der Sicherheitsdienst machte dem Schriftsteller und Journalisten schließlich klar: "Entweder bringen sie mich um oder ich emigriere", sagt Samson.

Pünktlicher Lebenslauf

Nachts setzt sich Vater Den Stahlhelm auf, Steckt sich ein Gebetbuch In die Brusttasche Und fährt mit seiner schwarzen NSU Durch ein Minenfeld bei Narwa In Richtung Leningrad

Morgens um fünf Ist er wieder da.

Aus: ,,Reibfläche" von Horst Samson, Kriterion Verlag, Bukarest 1982.

Aufbruch in die Moderne

Die Morddrohungen durch die Securitate waren der Höhepunkt der Schikanen gegen den Kreis. Verhöre, geheime Hausdurchsuchungen, Abhöraktionen, Verhaftungen und Schreibverbot gingen voraus. Der Kreis rumäniendeutscher Schriftsteller traf sich alle zwei Wochen zu öffentlichen Lesungen. "Wir wollten nicht in versteckten Zirkeln agieren", sagt Samson. "Wir wollten raus aus der Provinz zum Aufbruch in die Moderne." Der Literaturkreis brach mit seinem engagierten Subjektivismus Tabus - vielleicht erst möglich durch die Distanz des Schreibens. Der Kreis setzte eigene Themen, etwa die Deportation der Rumäniendeutschen in russische Lager in den Nachkriegsjahren. Auch Müllers jüngster Roman "Atemschaukel" dreht sich um dieses Thema. Samson ist ein "Kind der Deportation", 1954 in der "Diaspora" geboren, wie er es nennt. Als er zwei Jahre alt war, durfte seine Familie in ihren rumänischen Heimatort Albrechtsflor zurückkehren. Ein weiteres Thema treibt die Schreiber um: die SS-Vergangenheit der Väter. Zum Beispiel in Samsons Gedicht "Pünktlicher Lebenslauf" (siehe Kasten). Die Worte SS oder Krieg fallen nicht, doch der Text setzt klare Zeichen. Es ist die Sprache der Verfolgten, die das Tabu nicht beim Namen nennen, obwohl es das Epizentrum des Texts bildet.

Nicht nur die Thematik verbindet die Gruppe, sondern auch eine eigene Sprache. "Wir schrieben als Minderheit in einer existenzialistischen Situation. In solch einer Enklave bleiben gewisse antiquierte Ausdrücke", sagt Samson. Er verwendet zum Beispiel gern das Wort "heuer".

1984 löste sich der Literaturkreis selbst auf - aus Protest, weil die Lesung des westdeutschen Autors Günther Herburger verboten wurde, wie Samson erzählt. "Das war ein Paukenschlag." Denn: "Die Securitate wollte den Kreis haben als Propaganda für die Minderheitenpolitik Ceausescus, aber eben keinen kritischen." Mit dieser Aktion habe der Kreis die Propagandamaschinerie unterhöhlt, so Samson. Doch die Securitate trieb weiter Keile in die Freundschaft der Schriftsteller, spielte den einen gegen den anderen aus. "In meiner Akte steht, dass sie mich erfolgreich isoliert hätten und ihre Diversionsarbeit voll zum Zuge gekommen sei", erzählt Samson.

Die Akte über ihn füllt 870 Seiten. Vor deren Inhalt hatte sich Samson gefürchtet, vergangenes Jahr wagte er den Blick hinein. Dass er als Staatsfeind angesehen wurde, überraschte ihn wenig, dass er aber unter anderem wegen seiner Beziehung zum Goethe-Institut als westdeutscher Spion galt, sehr. "Da habe ich an den Stasi-Ausspruch gedacht, dass Spione erschossen werden." Heiß sei ihm geworden, als ihm diese Dimension bewusst wurde. Samson durchblättert die Kopien der Akte, die Berichte eines "Voicu". Beim Studieren der Akte habe Samson erkannt, dass unter diesem Decknamen ein Freund aus dem Literaturkreis, mit dem er noch in losem Kontakt stand, ihn beschattet hatte. "Das hat mir die Tränen in die Augen getrieben."

Horst Samson teilt mit Herta Müller nicht nur vergangenes Schicksal, sondern auch die Freude über den Nobelpreis. "Ich war richtig euphorisiert", erzählt Samson. Er habe ihr gleich gratuliert. "Ich habe mich unwahrscheinlich gefreut, für sie und für die rumäniendeutsche Kultur. Und ein bisschen von dem schönen Glanz strahlt auch auf die anderen der Gruppe." Müller schreibe in einer "Sprache, die alle bereichert". Ihr Roman "Atemschaukel" sei ein Meisterwerk.

Die Werke der Nobelpreisträgerin türmen sich in Samsons Arbeitszimmer, jederzeit griffbereit. Seine Werke stehen im Regal. Er hat sich für die Lyrik entschieden. Auch wenn er sich mit seinen Gedichten eine Reihe von Preisen erschrieben hat, sein "Broterwerb" war und ist der Journalismus. Samson schreibt etwa 15 bis 20 Gedichte im Jahr.

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Autor:  Tina Full-Euler
Datum:  10 | 12 | 2009
Seiten:  1 2
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