Der Gewässerexperte Gottfried Lehr ist stolz auf sein "hessenweites Vorzeigeprojekt". In den Jahren 1999/2000 hat er das so genannte Niddaknie oberhalb des Vilbeler Golfplatzes renaturiert. "So sieht der Fluss aus, wenn man ihn in Ruhe lässt", sagt Lehr, als er das Ergebnis den beiden Karbener Bürgermeisterkandidaten vorführt.
Seit etwa fünf Wochen wird die Nidda auf einem drei Kilometer langen Abschnitt zwischen den Vilbeler Stadtteilen Gronau und Dortelweil renaturiert. Weil dieses Gebiet ohnehin "ziemlich nah" an die Karbener Gemarkung heranreicht, hofft Jürgen Becker vom Nabu auf Renaturierungsmaßnahmen auch auf Karbener Gebiet. Das diene sowohl dem Hochwasserschutz als auch Fauna und Flora. Nun gilt es, die Stadt zu überzeugen. Deswegen hat Becker die Bürgermeisterkandidaten Jochen Schmitt (SPD) und Guido Rahn (CDU) zu einem Treffen vor Ort eingeladen.
Lehr hätte nichts gegen einen weiteren Auftrag: "Die Stadt muss mich nur fragen", sagt er. Auch für kleinere Projekte stehe er zur Verfügung. Für den Abschnitt bei Gronau wurden laut Lehr bislang 100000 Kubikmeter Boden bewegt. Dabei gilt es vor allem, dem Fluss mehr Raum zu geben. Dass es sich dabei um einen Eingriff handelt, bestreitet der Planer nicht. "Der größte Eingriff aber war die Begradigung der Nidda in den 1960er Jahren." Lehr stoße die Renaturierung lediglich an. "Wenn man der Nidda die Möglichkeit gibt, renaturiert sie sich selbst, sie hat unheimliches Entwicklungspotenzial."
Davon möchte auch der Nabu Karben profitieren. Jürgen Becker schlägt "schrittweises Vorgehen" vor. "Zunächst würden sich die 20 Hektar auf der Westseite der Nidda prima eignen", findet er. Dort sei die Stadt zum großen Teil Eigentümer, die Areale seien allerdings verpachtet. Mit den Landwirten müsse gesprochen werden. Weiterhin könne bei bis zu mittlerem Hochwasser das Sperrwerk am Scharmühlgraben offen bleiben, um das Wasser ins Gelände fließen zu lassen, so Becker. Denkbar sei auch, den Deich auf den Rendeler Wiesen zurückzunehmen. Dort seien jedoch die Besitzverhältnisse viel komplizierter, so dass umfangreiche Verhandlungen für den Landtausch anstünden. Solche Verhandlungen brächten bei den Renaturierungsmaßnahmen die meisten Schwierigkeiten, weiß Lehr aus Erfahrung. "Das kann dauern, aber es kann auch klappen, die Landwirte mit ins Boot zu holen."
Dass es sich bei der Nidda-Renaturierung um ein sinnvolles Projekt handelt, darüber sind sich Schmitt und Rahn einig. "Wir müssen vor allem mit den betroffenen Landwirten reden", sagt Rahn. Es gehe darum, Akzeptanz zu schaffen und zu schauen, welche Zuschüsse es gebe, ergänzt Schmitt. Rahn spricht sich zunächst für kleinere Maßnahmen aus, "Schritt für Schritt". Schmitt sind auch in der Innenstadt Zugänge zum Wasser wichtig.
Becker betont, dass Mittel für eine Renaturierung, die dem Hochwasserschutz diene, derzeit mit "guten Erfolgsaussichten" beantragt werden könnten. Voraussetzung seien genehmigte Planungen, die die Stadt vorfinanzieren müsste. Stadtrat Schmitt will sich für entsprechende Mittel bei den Haushaltsberatungen im Herbst einsetzen. Bad Vilbel musste sich bislang weniger Sorgen um die Finanzierung machen: Die Gerty-Strohm-Stiftung steht hinter dem Projekt. "Ein Glücksfall", sagt Lehr; schließlich lägen die Kosten für einen Renaturierungsabschnitt im Millionenbereich.

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