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Hilfe für Schwerbehinderte: Selbstbestimmt leben

Karen Hofmann hat in Bad Vilbel die Initiative „Alternative Wohnformen für Behinderte“ ins Leben gerufen.

Die Eltern von behinderten Kindern stehen irgendwann vor einer schwierigen Entscheidung: Wo soll ihr Kind nach der Schule wohnen? Zu Hause oder in einem Heim? Das ist nur eine der vielen Fragen, mit denen sich Betroffene auseinandersetzen müssen. Wohnheimplätze sind rar, für die guten Heime gibt es oft lange Wartelisten. Eine wohnortnahe Unterkunft kann dabei meist nicht gewährleistet werden.

Die Eltern des schwerstbehinderten 16-jährigen Anton sind sehr unglücklich mit ihrer derzeitigen Situation: Ihr Sohn hat nach Beendigung seiner neunjährigen Schulzeit an der Blindenschule Friedberg nur einen Wohnheimplatz im baden-württembergischen Weinheim bekommen. Seit 2009 lebt er nun dort. Doch im Heim sei eine ausreichende Betreuung nicht gewährleistet, finden die Eltern Karen und Ulrich Hofmann. Auf acht Schwerstbehinderte kämen zwei Betreuer, einer davon sei noch nicht einmal ausgebildet.

Die Hofmanns wollten nicht mehr tatenlos zusehen und sich nicht mehr fremdbestimmen lassen. Deshalb hat Karen Hofmann die Selbsthilfegruppe „ALWO – Alternative Wohnformen für Behinderte“ ins Leben gerufen. Die Gruppe will neue Konzepte diskutieren und später mit möglichen Kostenträgern sprechen. Außerdem werde ein Diskurs mit Politikern, Vereinen und Sozialträgern angestrebt. Karen Hofmann hat in den vergangenen Jahren den Gesprächskreis für pflegende Angehörige besucht und kam so auf die Idee, die Selbsthilfegruppe zu gründen

Im Frühjahr 2010 ist in Deutschland ein Gesetz in Kraft getreten, das die Rechte von Menschen mit Behinderungen sicherstellen soll. Das Gesetz geht zurück auf eine UN-Konvention aus dem Jahr 2006. Es ermögliche den Betroffenen mehr Freiraum, glaubt Karen Hofmann. Auch die Länder seien gefordert, wohnortnahe Unterbringungen zu sichern.

Das Ziel sei eine Wohnform, die nicht mehr fremdbestimmt ist. Etwa eine Art Wohngemeinschaft, in der gesunde mit behinderten Menschen zusammenleben. Einzelne Projekte dieser Art gibt es bereits in Deutschland. In Reutlingen zum Beispiel leben vier Studenten mit vier Behinderten zusammen.

Der 16-jährige Anton kann zwar nicht sagen, dass es ihm schlecht geht, aber die Eltern erkennen deutliche Signale. „Wir können Wohl von Unwohlsein unterscheiden“, da sind sich die Eltern sicher. Wenn sie ihn am Wochenende besuchen, sehen sie ganz genau, ob er viel an der frischen Luft war, ob man sich Zeit für ihn genommen hat oder nicht. Anton neige dazu, sich zu beißen, in letzter Zeit sei es sehr schlimm mit seinen Selbstverletzungen geworden. Während seiner Schulzeit in Friedberg hat er in jahrelanger und intensiver Arbeit einige Gebärden gelernt. „Er verlernt sie gerade wieder“, sagt seine Mutter resigniert.

Trotz allem gehe es nicht darum, „die Wohnheime schlechtzumachen, sondern etwas Neues zu beginnen“, erklärt Karen Hofmann. Sie glaubt auch, dass sich erst etwas ändern kann, wenn die Eltern es fordern. Der erste Stein soll mit der Gründung der Gruppe gelegt sein.

Autor:  Jana Tempelmeyer
Datum:  21 | 1 | 2011
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