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Vilbels Büdchen (3): Kiosk mit Katze

Wer die Trinkhalle von Saadet und Ismail Durmus am Schöllberg beschreiben will, lässt am besten ihre Gäste sprechen. FR-Mitarbeiter Ben Reichardt hat zugehört.

Ismail Durmus pflegt ein persönliches Verhältnis zu seinen Stammkunden.
Ismail Durmus pflegt ein persönliches Verhältnis zu seinen Stammkunden.
Foto: FR/Oeser

Wer die Trinkhalle von Saadet und Ismail Durmus beschreiben will, lässt am besten ihre Gäste sprechen. Peter zum Beispiel, ein Mit-Fünfziger in Arbeitslatzhosen und festen Stiefeln, der nach eigenen Angaben im Sommer fast jeden Tag in die kleine Trinkhalle am Schöllberg kommt - und das schon seit Jahren. "Das ist eines der besten Kioske hier im Umkreis. Was diese Leute hier gezaubert haben, hat´s noch nicht gegeben", schwärmt der kräftige Mann mit der Mütze.

Peter meint aber nicht nur den kleinen mit Geranien, einem Ficus, einer Palme und einem Stehtisch versehenen Verkaufsraum, den Ismail Durmus vor einigen Jahren gebaut hat. Es ist auch nicht der benachbarte Raucherraum, in dem sich die zumeist männlichen Gäste jenseits der 50 mit langen Gesprächen, Dart oder dem Spielautomaten die Zeit vertreiben. Was "Flair" hat, sagt Peter, das sind vor allem Ismail Durmus und seine Frau Saadet, die sich abwechselnd um den Kiosk kümmern. Nicht zu vergessen "Baby", die Rassekatze mit dem einen Auge, die sich so gerne auf den Tresen vor die Gäste setzt, damit man sie besser kraulen kann.

Der Kiosk

Zeitungen, Zeitschriften, Süßwaren, Alkohol und Zigaretten gehören zum Standardrepertoire, auch bei Familie Durmus. Wer es gerne deftiger mag, bekommt aber auch eine warme Rindswurst mit Brötchen und Senf.

Geöffnet ist die Trinkhalle montags bis freitags von 6 bis 22 Uhr, samstags ab 7 und sonntags ab 8 Uhr. (ben)

Mit den Gästen in die Heimat

"Hier kriegt man auch mal die Meinung gesagt", meint der Stammgast und es schwingt so viel Anerkennung dabei mit, dass man vermuten könnte, diese "Meinung" ist nicht immer unberechtigt. Denn Peter weiß: "Ich werd´ selbst manchmal schwierig. Ich babbel dann einen Haufen Scheiß und gehe den Leuten auf die Nerven."

Und dennoch, es gehört zu den Eigenarten der Durmus´, dass sie auf ihre Gäste nichts kommen lassen. Besoffene, die seine Gäste störten, schicke er gleich wieder weg, sagt der 54 Jahre alte Durmus. "Das lasse ich nicht zu." Mit einem Gast wie Peter verbindet ihn nämlich nicht nur ein geschäftliches Verhältnis. Nicht nur, dass er am 1. Mai eine Grill-Party für seine Gäste schmeißt. Mit Peter war der Pächter auch schon gemeinsam in seiner kurdischer Heimat im Osten der Türkei. Einigen wenigen Stammgästen hat er gezeigt, von wo er 1972 mit seinen Eltern wegging, um in Deutschland ein neues Leben zu beginnen. 16 Jahre alt war er damals. Zwei Jahre später heiratete er seine ein Jahr jüngere Frau Saadet. Bald gründeten sie eine eigene Familie, bekamen drei mittlerweile erwachsene Kinder, zwei Söhne und eine Tochter.

Mehr als zwei Jahrzehnte arbeitete er als Chemiearbeiter in Kelsterbach. Dann wurde die Produktion nach Polen verlegt. Ein neuer Job musste her. Eher zufällig sah Durmus die Anzeige für den Kiosk. Zugig und ungemütlich sei es damals gewesen, also baute er an. Ursprünglich hatte er in dem heutigen Raucherraum eine kleine Backstube untergebracht. Doch der Erfolg blieb bescheiden. Seine Stammgäste schätzen heute den hellen Raucherraum als Kneipenersatz mit Kioskpreisen. Durmus sagt, er mag den Trubel. "Ich habe jeden Tag Unterhaltung." Wenn Gäste zu nächtlicher Stunde nicht den Ausgang finden oder gerufene Taxis unverrichteter Dinge wieder fahren lassen, kommt allerdings auch der Kioskpächter an seine Grenzen. "Manchmal habe ich die Schnauze voll", gesteht er.

Seine Frau lässt er ungern allein mit dem Kiosk. "Natürlich hat man Angst." Drei Mal haben sie seinen Kiosk aufgebrochen, meist hatten sie es auf die Geldkassetten der Glücksspielautomaten abgesehen. Das letzte Mal vor fünf Wochen. Das Paar schlief gerade, als sie ein Geräusch weckte. Durmus griff sich einen Baseballschläger und verfolgte die Täter in Pyjama und Sandalen zu ihrem Wagen, dem er noch die Frontscheibe zertrümmerte. Das Geld hatten die Räuber da schon verloren. "Das war eine riskante Sache", sagt er.

Saadet Durmus würde den Kiosk am liebsten aufgeben. Die Pflege der behinderten Tochter und der parallele Betrieb des Kiosk kosten viel Kraft. Wenn ihr Mann nicht da sei, gebe es hin und wieder Probleme, sich als Frau durchzusetzen.

Wunsch nach Veränderung

Früher, als sie noch in Kelsterbach lebten, hatte die Familie ein Haus mit Garten. Der lieferte Obst für selbstgemachte Marmeladen und Säfte. "Da hatten wir es viel besser." Damals arbeitete Saadet Durmus als Hilfskraft in einem Geschäft am Flughafen. Die Arbeit hat ihr um einiges besser gefallen. Dass sie in ihrem Alter noch etwas anderes findet, glaubt sie nicht. "Ich habe keine Hoffnung, wenn ich ehrlich bin."

Autor:  Ben Reichardt
Datum:  11 | 3 | 2010
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