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Wetterau: Arbeitslose müssen Flöhe zählen

Langzeitarbeitslose protestieren im Kurpark von Bad Nauheim gegen Schikane im Jobcenter - und erzielen damit Wirkung. Von Tina Full-Euler

Protestierende Arbeitslose in Bad Nauheim.
Protestierende Arbeitslose in Bad Nauheim.
Foto: FR/Müller

Helge Welker mag nicht länger zum Nordic Walking gehen. Doch er kann sich nicht einfach abmelden, denn das Walken ist Teil des Jobkomm-Programms "Paradigmenwechsel 50 Plus". Welker fühlt sich gezwungen: "Das ist Beschäftigungstherapie garniert mit Zwangsmaßnahmen", sagt der 48-Jährige aus Rosbach.

"Wenn ich nicht hingehe, bekomme ich meine Leistung gekürzt." Das Programm erfülle nicht den Anspruch, ins Berufsleben zurückzuführen. Der Mathematiker ist seit sieben Jahren arbeitslos, er lebt von Hartz IV.

Bis drei zählen

Die Kurse von 50 Plus bewegten sich auf "Kindergartenniveau". Zum Beispiel hätten sich in einem Hunde-Umriss mehrfach das Wort Hund und das Wort Floh befunden. Die Kursteilnehmer hätten die Flöhe zählen müssen, berichtet Welker. "Ich glaube, es waren drei", sagt er.

Daher hatte er zum Protest aufgerufen: Am Donnerstag wollten er und seine Kollegen im Bad Nauheimer Kurpark Arbeiterlieder singen statt zu walken. Rund zehn Langzeitarbeitslose seien "aufmarschiert". "Wir wollten gerade unsere Demonstration starten, doch dann gab es Diskussionen", sagt Welker. Denn der Geschäftsführer der Jobkomm Wetterau, Bernhard Wiedemann, und Karin Frech, Leiterin der FAB-Akademie, waren vor Ort. Die FAB setzt das Programm 50 Plus für die Jobkomm in Kurse um.

"Das Gespräch verlief in sehr entspannter Atmosphäre", sagt Wiedemann. Die Teilnehmer hätten ihre Sicht geschildert. Das Angebot sei nicht das, was sie benötigten. "Wir wollten niemand zum Nordic Walking zwangsverpflichten", sagt Wiedemann. Das Sportangebot habe er als "Geschenk" gesehen, denn Gesundheit spiele eine wichtige Rolle. "Dass das so anders aufgefasst wurde, damit muss man sich auseinandersetzen", sagt er.

Sport ist Teil des Programms

FAB-Chefin Frech betont, der Sport sei lediglich ein Teil des Programms, um die Gesundheit zu berücksichtigen. Sie spricht von einem "ganzheitlichen Konzept". Vielleicht braucht es doch homogenere Gruppen, überlegt sie. Von derzeitig 35 Teilnehmern seien etwa die Hälfte Akademiker. Diese hätten sich unterfordert gefühlt.

"Die Botschaft, dass das Angebot nicht passt, ist angekommen", sagt Frech. "Wir müssen die Betreuung noch individueller gestalten. Dafür werden wir uns alle an einen Tisch setzen."

Das Programm 50 Plus dauert neun Monate, die Eingliederungsquote in den ersten Arbeitsmarkt liege bei rund 60 Prozent, so Frech. Wiedemann stellt die Arbeit der FAB nicht infrage. "Aus dieser Aktion heraus hoffe ich auf Kreativität", sagt er. Welker hat keine große Hoffnung, dass sich etwas ändern wird. Dann werden er und seine Kollegen wieder demonstrieren statt walken, sagt er.

Autor:  Tina Full-Euler
Datum:  31 | 7 | 2009
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