Hochkonzentriert und völlig in sich gekehrt stanzt die 39-jährige Christine Meyer Löcher aus einer schwarz bedruckten Folie. Sie lässt sich von nichts aus der Ruhe bringen und nimmt sich Folie für Folie ihrer Arbeit an. Später, nachdem Christine Meyer Schriftzüge ausgestanzt hat, werden Textilien bedruckt und versandfertig verpackt.
In der Werkstatt für Textildruck und Bestickungsarbeiten in Friedberg- Ockstadt werden Kundenaufträge angenommen, ausgeführt und eingepackt. Das Besondere daran ist, dass behinderte Menschen einen großen Teil der Arbeit machen. Die Werkstatt für Textildruck und Bestickung gehört zur Behindertenhilfe Wetteraukreis (BHW), die an drei Standorten in der Wetterau insgesamt dreizehn Geschäftsfelder abdeckt. In Hirzenhain, Reichelsheim und Ockstadt werden unter anderem Hausmeisterleistungen angeboten, Akten vernichtet und Montagearbeiten verrichtet.
In der Wetterauer Werkstatt in Ockstadt gibt es ein breitgefächertes Angebot an Dienstleistungen, aber auch an Fördermaßnahmen für die Behinderten. Zur Zeit werden 32 schwerstbehinderte Menschen in der Tagesförderstätte intensiv betreut. Dazu braucht man viel Personal, auf zwei bis drei Schwerstbehinderte komme ein Mitarbeiter, erklärt Erich Engel von der BHW.
Ein Eckpfeiler des Konzepts sei der Berufsbildungsbereich, den man als Ausbildung betrachten könne. Bevor die behinderten Menschen in die Werkstätten kommen, durchlaufen sie eine zweijährige Erprobungsphase. Dort werde geschaut, welche Fähigkeiten und Neigungen sie hätten. Bei Praktika in den Werkstätten können sie sich dann ausprobieren.
Im Logo-Fix Studio, der Werkstatt für Textildruck, arbeiten zwischen vier und sieben feste Mitarbeiter und Praktikanten. Das Team wird durch zwei nicht behinderte Gruppenleiterinnen ergänzt, die ihre Mitarbeiter führen und deren Leistungen kontrollieren. Die Gruppenleiter, sagt Produktionsleiter Engel, müssten wissen, wie sie komplexe Arbeitsvorgänge so vereinfachen, dass sie von den behinderten Mitarbeitern geleistet werden könnten .
Während Christine Meyer die Löcher mit einem feinen Messer ausstanzt, legt der 55-jährige Peter Winkler ein Puzzle. Auch das gehört zum Konzept: Neben der Arbeit wird Sport in der hauseigenen Turnhalle, oder auch kreatives Gestalten, Entspannung und auch mal ein Spiel angeboten.
Peter Winklers Hauptaufgabe ist es, die Textilien zusammenzulegen und einzupacken. Außerdem hat er die Vorarbeit für Christine Meyer geleistet, indem er die Folie grob ausgestanzt hat. Seine Kollegin Heidrun Krohm ist damit beschäftigt, die Fäden in den Stickzwischenräumen von Fleecepullis abzuschneiden. Das sei eine sehr filigrane Arbeit und verlange eine ausgeprägte Feinmotorik und gute Augen, erklärt Engel.
Die Werkstatt bietet die Bestickung und Bedruckung von Kleidung an, zusätzlich werden Tassen und Kappen bedruckt. Derzeit wird an einer Sonderedition gearbeitet, die Produktion von Jahrestassen mit selbst gestalteten Motiven der Behinderten ist schon im Gange. Diese Tassen werden dann pünktlich zum Weihnachtsgeschäft im Porzellanhaus Frick auf der Friedberger Kaiserstraße ausgestellt und verkauft.
Die Kundschaft der Werkstatt ist bunt gemischt. Viele Aufträge kommen von Einzelpersonen, die zum Beispiel ein einheitliches T-Shirt für einen Junggesellenabschied brauchen, erklärt der Produktionsleiter. "Wir haben auch einen Schalke-Fan, der hat sich seine ganze Jacke besticken lassen", schmunzelt Engel.
Aber es gibt auch größere Projekte. Neben der Europäischen Zentralbank und den DAK Kreisverbänden gehört Hessnatur zu den ständigen Auftraggebern. Der Kontakt mit dem Textilunternehmen besteht seit dem Hessentag, der vor zwei Jahren in Butzbach gastierte. Dort erfuhr die BHW von dem bundesweiten Projekt von Hessnatur: ökologische Schulkleidung ohne Markenzwang. Die Firma stellt keine reguläre Schuluniform her, sondern bietet ein breites Sortiment von Schulkleidung in verschiedenen Farben an. Die Schüler können aus einem Katalog wählen und sich ihr Schullogo - von den Behinderten - aufsticken lassen.
Die Kooperation zwischen Hessnatur und BHW läuft nun schon seit über einem Jahr und die Ergebnisse können sich sehen lassen. Mittlerweile, so Engel, habe die Textilfirma bereits ein Dutzend fester Kunden und neue Schulen kämen hinzu. Die Zusammenarbeit mit der Behindertenwerkstatt passe gut zur Geschäftsphilosophie von Hessnatur, erklärt Erich Engel.
Ein Arbeitstag bei der Behindertenhilfe Wetteraukreis dauert von acht bis sechzehn Uhr, dann werden die behinderten Mitarbeiter vom hauseigenen Fahrdienst mit Bussen abgeholt und nach Hause gebracht. Viele leben bei ihren Eltern, andere in betreuten Wohneinrichtungen oder im Wohnheim Schlossscheune. Betriebsleiter Erich Engel ist davon überzeugt, dass den Behinderten die Arbeit in der Werkstatt viel Spaß macht: " Das ist eine Bestätigung. Hier bekommen sie Lob und Anerkennung."

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