Der Höchster Bahnhof ist nichts für Feingeister, im Gegenteil: Wer ihn nutzt, muss einiges ertragen. Überall bröckelt der Putz, das Glas an der Eingangstür ist gesplittert, die Bodenplatten sind locker und schmutzig, die Wände von Taubenkot verschmiert. Der Bahnhof bietet keinen schönen Anblick. Seit vielen Jahren schon ist der Bau mit der jugendstil-beeinflussten Empfangshalle von 1914 ein Sanierungsfall. Wohin man auch blickt: Bonjour tristesse. Die zwölf Bahnsteige wirken wie eine Gleiswüste und der schmucklose Vorplatz mit Park- und Fahrradstellplätzen, Taxistand und Busbahnhof ist nicht das repräsentative Eingangstor zur Stadt, das sich Kommunalpolitiker wünschen.
Dabei ist Höchst noch immer ein Knoten des Frankfurter Schienenverkehrs, wenngleich die Bedeutung für den Fernverkehr im Vergleich zu früher stark abgenommen hat. S-Bahnen nach Frankfurt, Wiesbaden und in den Taunus halten dort ebenso wie Regionalzüge nach Limburg und Koblenz. Und mit offiziellen Angaben zufolge mehr als 22 500 Reisenden und Besuchern am Tag ist der Bahnhof stark frequentiert.
Erreichbarkeit: Kein Radweg, gute Lage 3 Punkte
Wege: Es zieht sich, triste Unterführung 2 Punkte
Warten: Kaum Sitzgelegenheiten 1 Punkt
Service: Das Nötigste vorhanden 2 Punkte
Sicherheit & Sauberkeit: Nicht zeitgemäß 1 Punkt
Gebäude: War mal schön 1 Punkt
Barrieren: Im Rollstuhl unüberwindbar 0 Punkte
Gesamtnote: Hier müsste dringend saniert werden; die vielen Reisenden sind nicht zu beneiden. 1 Punkt
Fahrgastaufkommen: rund 22.500 Reisende pro Tag
Zahl der Gleise: 12
Zahl der ausgewiesenen Parkplätze (inkl. P+R) 98
Zahl der Fahrradboxen: keine
Doch wer in Höchst die Bahn nimmt, muss gut zu Fuß sein. Dass die S-Bahn-Einstiege fast 20 Zentimeter über der Bahnsteigkante liegen, ist schon ein Ärgernis - bei Ein- und Ausstieg müssen Fahrräder und Kinderwagen in den Zug gewuchtet werden. Zum Kraftakt wird dann aber der Gang zur Eingangshalle. 25 Stufen und keine Hilfe, kein Lift, kein Rollband. Der Abstand von Höchst zum barrierefreien Bahnhof ist so weit wie von der Erde zum Mond. Eine ältere Frau, die mit Mühe ihr Rad über die Treppen getragen hat, kommentiert lachend: "Ich bin das seit 40 Jahren gewohnt, es geht halt irgendwie."
Fremdkörper Rollstuhl
Für Menschen im Rollstuhl hingegen geht nichts. Für sie ist der Bahnhof schlichtweg nicht gedacht. Der Tipp am Schalter: die Mobilitätszentrale des RMV anrufen und sich zu einem anderen Bahnhof chauffieren lassen. Dabei ist es keineswegs so, dass sich in Höchst niemand um die Belange der Reisenden kümmern würde. Das Reisezentrum ist außer an Sonn- und Feiertagen an allen Tagen besetzt, samstags aber nur bis 14 Uhr. Wer mit dem RMV-Automat nicht klar kommt, erhält dort Tickets, Reiseverbindungen und viele weitere Informationen. Immerhin hat die Bahn in der Halle eine elektronische Anzeigetafel angebracht.
Das Nötigste für die Reise kann man hier kaufen, Zeitungen, Brötchen, Tabak und Süßwaren. Sogar italienische Spezialitäten gibt es. Manche, die im Umfeld arbeiten, nutzen die zugige Halle als Treffpunkt, was am vorzüglichen Espresso liegen könnte. Und einen Fahrradladen mit Pannen-Service gleich ums Eck hat auch nicht jeder Bahnhof zu bieten. Im Stil der 50er Jahre dann die Toiletten, die werktags von 6 bis 19 Uhr und samstags von acht bis 14 Uhr offen sind. Was macht, wer außerhalb der Zeiten einmal muss? Der freundliche Herr vom Klo schüttelt den Kopf: "Dann sieht´s ganz schön düster aus."
Dabei hat der Stadtteil, gerade mal 13 S-Bahn-Minuten von der Hauptwache entfernt, durchaus seine schönen Seiten. Man denke an die denkmalgeschützte Altstadt, das Schloss mit der herrlichen Lage, das Neue Theater und das Filmforum. Die Bahn bringt das Publikum auch rasch dorthin. Doch das fühlt sich angesichts der vielen schmuddeligen Ecken bei der Heimfahrt spätabends auf dem Bahnsteig dann ganz schnell unwohl.
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