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Weltinnenpolitik August 2009: Diese himmelschreiende Ungerechtigkeit!

Unseren Eltern haben wir vorgehalten: Wie konntet ihr nur! Und heute? Tausende sterben an den Grenzen der EU, Millionen Kinder verhungern Tag für Tag. Aber wir gucken weg. Das ist trivial und zutiefst empörend. Von Ulrich Beck

Die Wahl ist einfach: Entweder zahle ich meine Miete, oder ich zahle die Krankenversicherung. Millionen Menschen in den USA haben nur diese Qual der Wahl.
"Die Wahl ist einfach: Entweder zahle ich meine Miete, oder ich zahle die Krankenversicherung." Millionen Menschen in den USA haben nur diese Qual der Wahl.
Foto: afp

San Francisco, Anfang August 2009; ich bummele in der Nähe des Hilton Hotels, wo der diesjährige amerikanische Soziologiekongress stattfindet, durch die Straßen. Soziologen sind, ähnlich wie Unfallchirurgen, ziemlich abgebrühte Geister. Krise ist für sie Hochsaison. Mir fallen die Menschen auf.

Dort liegt einer am Straßenrand, ein Polizist checkt kurz, dass da noch Leben vermutet werden darf, geht weiter. Auffallend viele müssen ihr Fortbewegen mühsam den Verrenkungen, die ihr Körper mit ihnen anstellt, abringen.

Unser Autor

Der Soziologe Ulrich Beck, geboren 1944, unterrichtet in München, London und Harvard.

Auf FR-online.de schreibt Beck regelmäßig, was ihm im Vormonat auffiel - in den Medien und in der Wirklichkeit an Zahlen und Ideen. Global und lokal. Lesen Sie alle Beiträge hier.(Bild: dpa)

Wir sitzen zum Lunch bei einem Vietnamesen, exzellente Küche, Fensterplatz, plötzlich breitet sich, aus dem Nichts kommend, eine große hagere, mit flatternden Lumpen bekleidete Gestalt wie ein schwarzer Vogel über die ganze Fensterscheibe aus, das Erschrecken, das er (oder sie, das ist nicht klar) verursacht, genießend; routiniert vertreibt ihn/sie der Kellner wie einen lästigen Hund, den man kennt und prügelt.

Dort torkelt einer über die verkehrsreiche Straße durch das Hupen und Bremsenquietschen der Autoströme hindurch. Die erloschenen Augen in den teils ballonartig aufgeblasenen, teils zum Strich ausgemergelten Körpern, die mir entgegen kommen (einer von zehn Passanten, grob geschätzt), gehen mir bis heute nicht aus dem Sinn.

Diese himmelschreiende soziale Ungerechtigkeit! Selbst noch in der Krise der Weltwirtschaft bezahlen die Reichen schlimmstenfalls mit Aktienwerten, während die Verletzbarsten, die mit der Krise nun gar nichts zu tun haben, diese mit der baren Münze ihrer sogenannten Existenz "bezahlen". Es sind nicht mehr "Arme" - der Begriff ist zu schwach. Von "Klasse" zu reden wäre ein zynischer Euphemismus. "Wasted lives" hat sie Zygmunt Bauman in einer nur schwer erträglichen Analogie zu den Abfallgebirgen genannt, die der Immer-Schneller-und-Schöner-Kapitalismus permanent erzeugt.

Bauman spricht von den unsichtbaren Substädten, in denen diese wasted humans vegetieren. Ist es da nicht schon ein Fortschritt, dass sie in den Hauptstraßen San Franciscos allgegenwärtig sind? Bittere Armut und Reichtum direkt nebeneinander, das ist nun gewiss nichts Neues.

Alles wie eh und je

Aber in der Weltinnenpolitik ist es ein himmelschreiendes Unrecht, heute, da soziale Gleichheit zu einer weltweiten Erwartung geworden ist und die wachsenden Ungleichheiten weder als gottgewollt gerechtfertigt noch hinter nationalstaatlichen Mauern versteckt werden können. Aber es ist auch ein moralisches Problem, für mich, für meine Generation. Unseren Eltern haben wir vorgehalten: Wie konntet ihr nur! Und heute? Tausende Weltbürger sterben an den Meeresgrenzen der EU, Millionen Kinder verhungern Tag für Tag. Aber wir gucken weg. Das ist trivial und hilflos und zutiefst empörend zugleich.

Der Soziologe in mir sagt: Das ist noch lange nicht das Ende, die vergessenen Menschenlandstriche und Länder müssen noch größere Vernachlässigung, Verwüstung fürchten. Und: Das alles ist bekannt - und erschüttert niemanden. Es zeigt nur die Relativität menschlichen Entsetzens.

Doch genau das ist falsch geworden. In der Weltinnenpolitik zerbricht die Legitimation, die diese Relativität des Entsetzens bislang ermöglichte. Die Armen werden arm, nicht nur durch ihre Armut, sondern auch durch die Informationsströme, die ihre Lage vergleichbar machen. Sie werden zu "unseren" Armen und arm, weil sie unseren Reichtum kennen. Je mehr Gleichheitsnormen sich weltweit ausbreiten, je nachdrücklicher der Westen die Menschenrechte erfolgreich verficht, desto mehr wird der globalen Ungleichheit die Legitimationsgrundlage des institutionalisierten Wegsehens entzogen. Allerdings in Form einer einseitigen Asymmetrie: Die Armen akzeptieren die Unvergleichbarkeit, die nationalstaatliche Grenzen konstruieren, nicht länger; sie vergleichen sich - und wollen rein!

Die reichen Länder schützen sich, indem sie an der Illusion der nationalstaatlichen Unvergleichbarkeit festhalten. Sie konzentrieren ihr Mitgefühl und ihr Entsetzen auf die "eigene" nationale Armut. So trägt auch die Illusion der Unvergleichbarkeit dazu bei, dass in den reichen Ländern sich mehr und mehr Menschen arm oder von Armut bedroht fühlen.

Weltinnenpolitik heißt: Die Armut der Armen wird nicht nur durch die wachsende Armut, sondern durch die Verallgemeinerung der Gleichheit zum politischen Skandal. Jeder kann nun sehen, dass ihre Armut die Bedingung unseres Reichtums ist, die Inhumanität ihrer Lage unsere hochgestochenen Humanitätsansprüche zur Voraussetzung hat und in Frage stellt. Dieses Sehenkönnen gilt jedoch mehr für die Armen. Und reicht nur für das schlechte Gewissen der Reichen und auch das eigentlich eher selten.

In meinem Hotelzimmer, abends im 35. Stockwerk mit berauschendem Blick über das Häusermeer San Franciscos auf die Golden Gate Bridge, sehe ich in den Fernsehnachrichten einen Bericht über eine medizinische Wohltätigkeitsveranstaltung, dessen Botschaft in einem kaum radikaler denkbaren Gegensatz zu der öffentlich geschürten Hysterie steht, die der Gesundheitsreformpolitik des US-Präsidenten Obama entgegenschlägt.

Die Qual der Wahl

Eine schwarze Frau, die mit ihrem zwölfjährigen Sohn eine ganze Nacht lang gewartet hat, um früh morgens dann ein Ticket für eine kostenlose Behandlung zu ergattern, wird interviewt. Sie hat Zahnprobleme und kann sich kaum noch entsinnen, wann sie das letzte Mal einen Zahnarzt aufsuchte. Denn für sie gilt: "Die Wahl ist einfach: Entweder zahle ich meine Miete, oder ich zahle die Krankenversicherung." Auch ihr Sohn hat Zahnprobleme.

Hunderte von Menschen warten hier schicksalsergeben auf ihre große Chance, kostenlos endlich die nötigsten medizinischen Reparaturarbeiten an ihrem Körper vornehmen zu lassen. Die hier geduldig mit ihren Kindern warten, sind oft viele hundert Kilometer angereist. Es sind nicht die Ärmsten der Armen; sie gehören eher zu der unteren Mittelschicht. Sie sind noch zu "reich", um von den Hilfsprogrammen zu profitieren, aber schon zu arm, um sich eine Krankenversicherung leisten zu können. Auch die Arbeitslosen gehören dazu, die mit ihrem Job den Versicherungsschutz verloren haben.

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Datum:  5 | 2 | 2010
Seiten:  1 2
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