Je billiger, desto besser
Die neoliberalen Eiferer finden für die staatliche Bildungspolitik der leeren Kassen immer neue Begründungen: Je billiger die Bildung, desto besser. Nach dem Motto: Wir geben euch die Hälfte des Mehls, aber daraus müsst ihr doppelt so viele Brötchen backen! Und so sind dann auch die neuen, mit Wasser gebackenen Bildungsbrötchen purer Etikettenschwindel: Bachelor gleich Studienverkürzung gleich Entlastung der öffentlichen Haushalte. Ob der Bachelor-Absolvent eine Stelle findet, ist seine Sache.
In der industriegeprägten Arbeitnehmer-Gesellschaft wurden Menschen zu möglichst perfekten Kopisten vorgegebener Blaupausen ausgebildet. In Zeiten dramatischer Veränderungen und globaler Konkurrenz werden hingegen sowohl für die Weltwirtschaft als auch für die demokratische Gesellschaft schöpferisch handelnde Grenzgänger wichtiger, die befähigt und bereit sind zur Selbstbestimmung, Mitbestimmung und zur Solidarität über Grenzen hinweg. Der Zweck aller Universität gerade auch im 21. Jahrhundert ist das Schärfen der eigenen Gedanken an den fremden. Das jedoch folgt nicht aus dem Idealismus der Aufklärung heraus, sondern aus dem ökonomischen Realismus der Weltwirtschaft. Das ist Humboldt 2 - nicht McKinsey!
Wer die Universität nach Marktprinzipien reformiert, beruft sich darauf, die Privilegienuniversität abzuschaffen und das Prinzip "Mehr Chancen für alle" durchzusetzen. Es droht jedoch das Gegenteil: die Wiederkehr des Sozialdarwinismus unter dem Druck der Globalisierung. Das macht perverserweise ausgerechnet Bildung - genauer: den Entzug von Bildung - zur Legitimation des Ausschlusses von Menschen aus der Gesellschaft. Eine sozial gerechte Bildungspolitik müsste daher der Devise folgen: Wer soziale Sicherheit abbaut, muss Bildung ausbauen. Denn in Bildung zu investieren ist sozusagen die Sozialversicherung, die nach der Sozialversicherung kommt.
Der Staat, der in seiner Finanznot Sozialausgaben kappt, muss das Geld stattdessen in Schulen und Hochschulen stecken. Auch gilt: Studiengebühren und Chancengleichheit schließen sich keineswegs aus, sondern ein, allerdings nur dann, wenn die Studiengebühren erstens wirklich ausschließlich den Hochschulen zugute kommen und zweitens dazu genutzt werden, ein bundesweites Darlehens- und Stipendienmodell zu finanzieren.
Autonomie der Hochschulen ist keine Marktautonomie
Ein weiterer Irrtum der gegenwärtigen neoliberalen Agenda liegt darin, die Forderung nach Autonomie der Hochschulen mit Marktautonomie zu verwechseln. Dadurch wird die Möglichkeit verspielt, die Humboldt bereits am Beginn des 19. Jahrhunderts vor Augen stand, nämlich Bildung und Forschung sowohl staatsfern als auch marktfern zu organisieren. Der unverzichtbare Schlüssel dafür liegt in der Selbstfinanzierung der Hochschulen, und diese wiederum könnte sich auf diverse Geldquellen stützen: Studiengebühren, Stiftungskapital, regionale und globale Netzwerke.
Insbesondere könnten Universitäten ihr Wissen patentieren (wie dies etwa in den USA am Massachusetts Institute of Technology geschieht) und auf diesem Weg Eigentumsrechte erwerben und Gewinnquellen erschließen - nicht zuletzt mit dem Ziel, die Autonomie der Hochschulen auch gegenüber dem Kontrollzugriff der Wirtschaft abzuschirmen.
Humboldt 1 verfolgte einen nationalpädagogischen Zweck. Die Universität wurde zur Geburtsstätte der nationalen Souveränität und der Nationalgesellschaft. Humboldt 2 dagegen gründet auf einer "Declaration of Interdependence". Keine Nation - so lautet ihr Kernsatz - kann ihre Probleme alleine lösen. Weltprobleme schaffen transnationale Gemeinsamkeiten. Interdependenz ist keine Geißel der Menschheit, sondern die Voraussetzung ihres Überlebens. Entsprechend muss das Wörterbuch des Gesellschaftlichen und des Politischen umgeschrieben werden.
Die Humboldt-2-Universität weist uns den Weg zu einer Humanität der gegenseitigen Abhängigkeiten - einer Humanität, für die das Ringen um die Würde des national konstruierten und ausgeschlossenen Anderen vielleicht den Stellenwert gewinnt, den der Klassenkampf im 19. Jahrhundert innehatte.
Wofür stehen die transnationalen Optionen?
Die globalen Eliten genießen und verteidigen eifersüchtig ihre neuen, transnationalen Optionen. Aber wofür stehen, streiten sie? Für einen reinen Ökonomismus? Oder für eine neue Verfassung der Freiheit? Das unterscheidet Humboldt 2 von Humboldt 1: An die Stelle der Schule der Nation tritt die Schule der Weltbürgerlichkeit. Damit geht es wieder um die Bildungsinhalte, um Neugier und Lernbegierde, nicht aber um das bloße utilitaristische Schielen auf Kompetenzlisten und didaktische Finessen.
Denn die weltinnenpolitische Agenda wagt es, die Universität zum Experimentalort einer zweiten, postnationalen Aufklärung zu machen. Da es diese erst in Ansätzen gibt, bleibt die Einheit von Forschung und Lehre unverzichtbar. Allerdings muss Humboldt 2 zwischen stärker auf Lehre und stärker auf Forschung ausgelegten Formen des Sowohl-als-auch unterscheiden.
Humboldt 1 diente der Einübung des nationalen Blicks, also der nationalen Elitebildung, setzte ein entsprechendes bildungsbürgerliches Milieu der Staatsbeamten und Besoldungsordnungen voraus. Humboldt 2 dient der Einübung des kosmopolitischen Blicks, bildet die Eliten heran, die national und international die sich im Kämpfen und Kriegen formierende Weltgesellschaft mitgestalten. Es entsteht eine Hochschule des Sowohl-als-auch, nämlich für national-kosmopolitische Eliten und Massenerziehung.
Einer neuen Klassenspaltung entgegenwirken
Diese Gleichzeitigkeit hätte eine wichtige Funktion. Sie könnte nämlich der sich schon heute einschärfenden, neuen globalen Klassenspaltung entgegenwirken - jener Spaltung zwischen über alle Grenzen hinweg vernetzen kosmopolitischen Eliten und territorial gebundenen arbeitenden und denkenden Mittelschichten, die sich als "Globalisierungsverlierer" sehen und hinter ihrem nationalen Weltbild verbarrikadieren.
Die Globalität von Humboldt 2 drückt sich in Finanzquellen, Forschungsthemen, Kooperationsformen, Curricula und global anerkannten Bildungspatenten aus; aber auch in den transnationalen Erfahrungshintergründen der Professorenschaft und der Forschungsteams sowie in der gezielten Einwerbung ausländischer Studierender mit unterschiedlichen Welterfahrungen und Weltperspektiven.
Nicht zuletzt auch als Antwort auf die Welt globaler Gefahren - Klimawandel, Weltwirtschaftkrisen, Terrorismus, Aids, - müsste Humboldt 2 auch wieder ein Ort werden, an dem das gefährliche Abenteuer des "versuchenden Gedankens" ermöglicht wird. Wie sonst sollte Nützlichkeit in einer sich selbst gefährdenden Zivilisation definiert werden?
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