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Weltinnenpolitik Januar 2010: Die Wiederkehr des Sozialdarwinismus

Der Bologna-Prozess ist gescheitert. Als Ergebnis zeichnet sich eine Bildungskatastrophe ab. Was zwei Weltkriege nicht geschafft haben, könnte Bologna erreichen: die deutsche Universität zu zerstören. Von Ulrich Beck

Studentenprotest gegen den Bologna-Process am 17. November 2009 in der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden.
Studentenprotest gegen den Bologna-Process am 17. November 2009 in der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden.
Foto: rtr

In den 1960er-Jahren riefen Georg Picht und Ralf Dahrendorf die "Bildungskatastrophe" aus. Die Antwort war: Bildung für alle. Der Bologna-Prozess ist gescheitert. Als sein Ergebnis zeichnet sich eine neue Bildungskatastrophe ab: keine Bildung für alle! Was zwei Weltkriege nicht geschafft haben, könnte Bologna erreichen: die deutsche Universität zu zerstören.

Hemmungslos schleudert eine Anti-Bildungs-Bildungsreform ihre Plastikwörter - Exzellenz, Kompetenz, Effizienz, Modularisierung und so weiter und so fort - hervor, und eine teils eingeschüchterte, teils sympathisierende Rektoren- und Professorenschaft setzt sie in die Wirklichkeit um.

Unser Autor
Die Zahlen

Der Soziologe Ulrich Beck, geboren 1944, unterrichtet in München, London und Harvard.

Auf FR-online.de schreibt Beck regelmäßig, was ihm im Vormonat auffiel - in den Medien und in der Wirklichkeit an Zahlen und Ideen. Global und lokal. Lesen Sie alle Beiträge hier.(Bild: dpa)

1997 studierten 44 014 Deutsche im Ausland. (27 Promille). 2007 waren es 89 421 (53 Promille).

18,3 Prozent der im Ausland studierenden Deutschen taten das 2007 in den Niederlanden, 16,4 in Österreich, 12,9 in Großbritannien, 10,9 in der Schweiz, 9,9 in den USA und 7,5 in Frankreich.

Die Lebenslüge der Bildungspolitiker aber kommt in der Unverfrorenheit zum Ausdruck, mit der sie ihre Plastiksprache für die Wirklichkeit selbst nehmen. Man sagt "Bachelor" und setzt die McDonaldisierung der deutschen Universität in Gang: Fast Food entspricht Fast Education. Modualisierung löst die in Jahrzehnten gewachsenen Fachstandards und Diskursfelder auf. Die chronisch unterbesetzten Sozial- und Geisteswissenschaften können am Ende ihre eigenen fachwissenschaftlichen Abschlüsse nicht mehr anbieten. Der letzte Vertreter seines Faches knipst das Licht aus.

Damit alles dennoch seine Ordnung hat, bildet der Staat eine Art McKinsey-Stalinismus heran: Netzwerke aus Akkrediteuren, Evaluierern, Bildungsplanern und Bildungsspitzeln. Das erinnert verdammt an die DDRisierung der BRD. Ich schlage vor, dass die Studierenden jährlich jeweils an ihrer Universität, aber auch auf nationaler Ebene den "Margot-Honecker-Preis" für die herausragendste Absurdität im ganz normalen Wahn der Bildungspolitik öffentlichkeitswirksam vergeben. Denn es sind die Studierenden, und nur sie, die die Initiative ergriffen und die Universität, die Idee der Universität gegen die staatlich sanktionierte Übermacht der Reformattacken mit viel Zivilcourage verteidigen. Das spricht dafür, dass der demokratische Geist, der allseits beschworen wird, dennoch lebt.

Seit den 1960er-Jahren, so wurde im Rückblick ironisch angemerkt, wächst täglich die Zahl der Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime. Nach den Überraschungserfolgen der Studentenproteste gegen eine Reform, die ihnen eine Wochenarbeitszeit von 60 Stunden abverlangt, wächst täglich die Zahl der Professoren und öffentlichen Kommentatoren, die "immer schon" dagegen waren. Allerdings droht sich die neu entflammte Debatte in den technischen Details der Bildungspolitik zu verlieren, während die Frage nach der Alternative - welche Universität wollen wir? - ausgeblendet bleibt. Diese Frage möchte ich hier aufgreifen und in zwei Schritten erörtern: Welcher historische Wandel erschüttert das Hochschulwesen? Und welche Rolle soll die reformierte Universität in der veränderten Welt spielen?

Bildung! Bildung! Bildung!

In Harvard kann man lernen: Der Humboldt"sche Bildungsbegriff ist moderner denn je. Fast alle scheinbar ewigen Formen, Unsicherheit zu bewältigen, verlieren an Bedeutung - in Familie, Ehe, Geschlechterrollen, Klassen, Parteien, Kirchen, zuletzt der Wohlfahrtsstaat. Auf diese Vervollkommnung der Unsicherheit gibt es bislang nur drei Antworten: Bildung, Bildung, Bildung! Und nicht Ausbildung, Ausbildung, Ausbildung! Denn mit der Ausrichtung an Arbeitsplätzen wird "der wirtschaftliche Bedarf" zum Bezugspunkt gemacht, den es in der rasant sich wandelnden Arbeitswelt dann so gar nicht mehr gibt.

Es ist nicht die Universität, die in Ruinen liegt, sondern das nationale Modell der Universität, jenes Bündnis von modernem Staat, akademischer Wissenschaft und nationaler Kultur, das nach innen dem nationalstaatlichen Projekt der kulturellen Integration, nach außen dem Imperialismus diente. Die historischen Rahmenbedingungen, unter denen der Nationalstaat und der moderne Begriff der Nationalkultur sich wechselseitig hervorriefen, werden von der Großen Veränderung einer sich zunehmend transnationalisierenden Wirtschaft, Kultur und Politik weggespült. Damit zerfallen: die Allmacht des Staates im Bildungswesen; der Elitecharakter der Universität (sowohl was den Zugang, als auch was das Curriculum betrifft); die Legende des akademischen Elfenbeinturms; nicht zuletzt der "methodologische Nationalismus" der Universität. Was ist damit gemeint?

Falsche Erkenntnis- und Bildungswege

Unter dem Eindruck der nationalen Einheit von Staat und Universität haben sich auch die Geistes- und Sozialwissenschaften "ganz natürlich" darin eingerichtet, den Staat als Nationalstaat, die Gesellschaft als Nationalgesellschaft, die Identität als nationale Identität, die Geschichte als Nationalgeschichte, die Ungleichheit als nationale Ungleichheit, die Gerechtigkeit als nationale Gerechtigkeit, die Demokratie als nationale Demokratie zu begreifen und zu erforschen.

Das konserviert in Zeiten des transnationalen Vermischens und Verwischens von Grenzen, der Erweiterung von Handlungsoptionen und Handlungswirklichkeiten in Wirtschaft und Politik, der multinationalen Familienformen, Bildungs- und Arbeitskarrieren, kurz: in der globalisierten Welt falsche Erkenntnis- und Bildungswege. Nirgendwo wird dies so skandalös deutlich wie in Europa, dessen Nationalgesellschaften und Nationalstaaten verflechtende Realität im Banne des methodologischen Nationalismus schlechterdings unbegreiflich bleibt.

Die Universitäten erleiden also das profane Schicksal anderer öffentlicher Dienstleistungen. Und die Antwort verlangt nicht weniger als eine Quadratur des Kreises: Sie muss einander widersprechende Ziele verbinden: das finanzpolitische Diktat des Weniger mit dem demokratiepolitischen Diktat des Mehr (Massenbildung und Elitenbildung). Im Umgang mit diesen Schwierigkeiten lassen sich drei programmatische Optionen der Bildungspolitik unterscheiden. Die Vertreter der nostalgischen Agenda stellen sich blind gegenüber diesen historischen Veränderungen und setzen auf das Motto: Warum soll sich etwas daran ändern, dass sich nichts ändert (insbesondere wenn wir dazu beitragen, dass sich nichts ändert)?

Die zweite Option der Bildungspolitik, die neoliberale Agenda, schickt sich an, die Universität als Markt-Universität nach dem Vorbild von Marmeladenfabriken umzumodeln. Wer in Marmeladenfabriken arbeitet, muss kein Liebhaber von Marmelade sein. Gegen beide Positionen grenzt sich die weltinnenpolitische Agenda ab. Ich unterscheide zwischen Humboldt 1 (19. Jahrhundert) und Humboldt 2 (21. Jahrhundert). Die Pointe ist: Die weltinnenpolitische Agenda will die Idee der Universität als Schule der Weltbürgerlichkeit neu begründen.

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Autor:  Ulrich Beck
Datum:  5 | 2 | 2010
Seiten:  1 2
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