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Weltinnenpolitik September 2009: Schaden gegen Geld

Wenn der menschengemachte Klimawandel den point of no return überschritten hat, wenn Terroristen über atomare Waffen verfügen, wenn die Weltwirtschaft erst einmal implodiert ist, dann ist es zu spät! Von Ulrich Beck

Und wer darf bei der Polonaise der Wichtigen mitmachen?
Und wer darf bei der Polonaise der Wichtigen mitmachen?
Foto: afp

Leben wir im Krieg? Leben wir im Frieden? Deutsche Soldaten lassen bomben, hieß die Schocknachricht Anfang August. Nach dem Tod von sechs italienischen Soldaten streitet nun auch die Regierung in Rom über den Abzug aus Afghanistan. Gerade weil der "gefühlte Frieden" in Europa auf diese Weise ge- oder zerstört wird, dürfte das nicht die letzte Hiobsbotschaft sein.

Damit gehört endlich die Frage auf die Tagesordnung: Wofür sterben italienische, deutsche, britische, französische, amerikanische Soldaten - nicht zuletzt unzählige Zivilisten! - im Jahr 2009 in Afghanistan? Für die Verteidigung der Sicherheitsinteressen europäischer Nationen am Hindukusch? Für "nie wieder 9/11"? Für die Eroberung und Unterwerfung Afghanistans durch Nato-Truppen? Für die Durchsetzung von Kapitalismus und Marktfreiheit? Für die Demokratisierung des Landes? Für den Sieg über die Taliban, die Frauenrechte wie den Teufel bekämpfen?

Unser Autor
Ein Vergleich

Der Soziologe Ulrich Beck, geboren 1944, unterrichtet in München, London und Harvard.

Auf FR-online.de schreibt Beck regelmäßig, was ihm im Vormonat auffiel - in den Medien und in der Wirklichkeit an Zahlen und Ideen. Global und lokal. Lesen Sie alle Beiträge hier.(Bild: dpa)

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Die Anzahl der im ersten Halbjahr 2009 in Afghanistan getöteten Soldaten: 158 US-Soldaten und 119 Nato-Soldaten. (Quelle: Asian Tribune)

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Die Anzahl der im gleichen Zeitraum in Afghanistan getöteten Zivilisten. (Quelle: UN-Mission in Afghanistan, Unama)

Nein, es geht wohl eher um einen Paradigmawandel des Militärischen, nämlich darum, wie in der sich selbst gefährdenden Zivilisation und damit in der Unwiderruflichkeit der Weltinnenpolitik globale Risiken, die existentiell alle bedrohen, aber nicht mehr klar lokalisiert und identifiziert werden können, "präventiv", das heißt, ohne dass die Zivilisationskatastrophe eintreten kann, bekämpft oder minimiert werden können.

Das Neue ist, dass im Falle der globalen Risiken ganz allgemein das Kompensationsprinzip - Schaden gegen Geld -, das den begrenzten (Auto)Unfall zulässt, ja normalisiert, versagt und durch den Imperativ der Prävention oder Vorsorge ersetzt werden muss: Wenn der menschengemachte Klimawandel den point of no return überschritten hat, wenn Terroristen über atomare Waffen verfügen, wenn die Weltwirtschaft erst einmal implodiert ist, dann ist es zu spät! Also müssen wir in neue Technologien investieren, neue Gerechtigkeitsvorstellungen entwickeln, Konsumverzicht leisten, Milliardenbeträge in strauchelnde Banken pumpen - um "das Schlimmste", das niemals eintreten darf und vor dem unsere Begriffe versagen, zu verhindern.

Dass nach derselben Logik inzwischen in Afghanistan auch ein "Risikopräventionskrieg" geführt wird - Prävention durch Krieg! oder schärfer und paradox formuliert: Krieg dem Krieg! -, und dass damit die klaren Grenzen zwischen Krieg und Frieden, Feind und Freund, Militär- und Zivildienst aufgehoben wurden, ist bislang nicht wirklich begriffen worden.

Keiner der Verantwortlichen will das Wort "Krieg" in den Mund nehmen, weil "Krieg" Staaten-Krieg meint. Und in diesem Sinne handelt es sich tatsächlich nicht um einen Krieg. Die Nato will Afghanistan nicht erobern, sondern auf die Beine helfen, sich selbst zu verteidigen und demokratische Institutionen zu schaffen und mit Leben zu füllen. Dies allerdings nicht aus Selbstlosigkeit und als Selbstzweck, sondern als Mittel zum Zweck, das Terrorrisiko zu bannen. Entsprechend redet man über den Einsatz militärischer Gewalt mit Friedensengelszungen, etikettiert das, was geschieht, mit Orwell´schen Plastiksprachformeln: "Friedensmission", "humanitäre Intervention", "militärischer Humanismus" oder "military operations other than war".

Es war kein geringerer als Carl von Clausewitz, der in seinem Klassiker "Über den Krieg" die Historizität desselben beschwor. Danach hat jedes Zeitalter seine eigene Art des Krieges und benötigt infolgedessen seine eigene historische Theorie und Zeitdiagnose des Krieges. Um mit sehr groben Pinselstrichen diesen Kriegstypus der Weltrisikogesellschaft gegen epochale Vorgänger abzugrenzen: Wie Clausewitz zeigt, beruhte das Verständnis des Krieges im 18. Jahrhundert auf der Balance der militärischen Mächte und spiegelte dabei die Newtonsche Faszination für mechanistische Strukturen und Institutionen wider, die jene Periode charakterisierten.

Dagegen wurde mit dem Kalten Krieg unter dem Vorzeichen der atomaren Selbstvernichtung der Atommächte einerseits der Präventionsimperativ eingeführt, nämlich in dem Sinne, dass die Antizipation der Menschheitskatastrophe und ihrer Verhinderung zur Maxime gegenwärtiger Sicherheitspolitik gemacht wurde.

Andererseits standen sich damals mit der Nato und dem Warschauer Pakt klar identifizierbare und im Prinzip berechenbare atomare Großmächte gegenüber. Nach dem Ende des Kalten Krieges und dem Zusammenbruch der bipolaren Weltordnung treten nun an die Stelle konkret benennbarer Akteure und ihres militärischen Potentials die neue Unschärfe und Unberechenbarkeit antizipierter Katastrophen, die auf jedem Fall verhindert werden müssen:

Die Gefahr wird sozial entgrenzt; ins Visier des Militärs geraten failed states, nicht-staatliche Akteure und Schattennetz-werke, von denen potentielle Attacken ausgehen können; damit verschwimmt die Trennung von Feind und Freund, Zivilist und Soldat, Krieg und Frieden.

Bedrohungen werden räumlich entgrenzt: Das gilt für den Klimawandel und seine Folgen, ebenso für Zusammenbrüche des Weltwirtschaftssystems, aber auch der Terrorismus globalisiert und organisiert sich durch die neuen Verkehrs- und Kommunikationsmittel (Internet, Email, Strom von Menschen, elektronischer Geldverkehr).

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Datum:  2 | 10 | 2009
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