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18. September 2012

Chad Harbach: Fürs Erste ausgesorgt

Elf Jahre Arbeit haben sich gelohmt. Autor Chad Harbach hat den Durchbruch geschafft. Foto: Markus Wächter / Waechter

Für die Rechte an seinem Debütroman „The Art of Fielding“ erhielt der 37-jährige Amerikaner Chad Harbach 665.000 Dollar. Lizenzen für Übersetzungen nicht eingeschlossen. Für den Verleger lohnte sich die Investition. Die New York Times erhob den College-Roman zu einem der zehn besten Bücher des Jahres.

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Wir treffen Chad Harbach in der Lobby des Berliner Concorde Hotels. Er ist überraschend klein, fast schmächtig, aber sehr durchtrainiert. Genau so stellten wir uns beim Lesen Henry Skrimshander vor, die Hauptfigur der „Kunst des Feldspiels“, der viel zu schmal für einen Baseballer ist und doch zur größten Hoffnung der Sportart wird.

Mister Harbach, bitte lassen Sie mich zu Beginn eine etwas intime Frage stellen. Für einen Schriftsteller haben Sie ungewöhnlich starke Oberarme. Woher haben Sie bloß diese Muskeln?

Ich betreibe ziemlich viel Sport, auch Kampfsport.

Baseball?

Baseball ist was für Jüngere. In der Highschool spielte ich viel Baseball, seit ich achtzehn bin nicht mehr.

Auf welcher Position spielten Sie?

Shortstop, genau wie Henry Skrimshander in meinem Roman.

Henry Skrimshander ist ein Baseballwunder, der seine Mannschaft von Sieg zu Sieg trägt, bis er plötzlich von einer absoluten Blockade befallen wird. Der einfachste Wurf gelingt ihm nicht mehr. Kennen Sie das aus persönlichen Erfahrungen?

Oh ja. Nicht in dieser Intensität wie Henry. Aber in der Highschool war ich ein sehr, sehr ehrgeiziger Sportler. Ich spielte Baseball, Basketball, Golf und hatte immer eine heikle Beziehung zu den psychologischen Aspekten des Spiels. Ich war in gewisser Weise zu aktiv, zu stürmisch. Und als ich beim Schreiben mich immer tiefer in den Roman verstrickte, hatte ich ziemlich zu kämpfen mit der langen Distanz. An den 600 Seiten habe ich elf Jahre gearbeitet.

In meinen Augen ist es ein Roman über Hochleistungen. Stimmen Sie da zu?

Ja, alle Leute in meinem Buch sind zunächst sehr erfolgreich in ihren Jobs. Sehr intelligent auf ihre Weise. Vor allem Henry, der Baseballer, der das Zeug zur Major League hat.

Aber eben nicht nur. Ich denke auch an Pella, die junge Tochter des College-Rektors, die nach zerbrochener Ehe ihr erstes eigenes Geld verdient – in der Collegemensa, als Küchenhilfe. Wie stolz ist sie auf das Lob ihres Chefs, weil sie die Gläser so sauber poliert! Glauben Sie an das Leistungsethos, an den Willen, sein Bestes zu geben, wo immer es auch sei?

Ich bin tatsächlich sehr fasziniert vom Ethos und von der Ästhetik der Perfektion. Was mich am Sport so fasziniert ist, dass Sie einen Mann sehen wie Henry und tatsächlich genau sagen können: Das ist der Beste der Welt. Es gibt nur sehr wenig Gebiete, wo Sie das so genau definieren können. Dabei verwenden wir so viel Mühe und Forschung, um in unserer Kultur etwas Perfektes zu erschaffen.

Was mich an Ihrem Roman irritiert, ist der Geist der Affirmation. Wie bei jedem College- oder Coming-of-Age-Roman wird auch hier das Erwachsen-Werden erzählt als der Weg, den man zurücklegt, um seinen Platz im Leben zu finden, in der Mannschaft und in der Gesellschaft. Aber es gibt so wenig Auflehnung, alle bringen Opfer, fügen sich ein, akzeptieren letztlich die Regeln des Spiels.

Ich sehe nicht, dass ich soziale Strukturen beschönige oder dergleichen. Aber es stimmt, es gibt diesen Wunsch vieler meiner Figuren, sich für etwas aufzuopfern, oder auch sich einzugliedern. Das ist übrigens einer der Gründe, warum der Sport in Amerika so starke Gefühle hervorruft. Teams sind eine Gesellschaft im Kleinen, in der sehr verschiedene Kulturen zusammenkommen und in der man als Einzelner auf- und absteigt: ein kondensiertes Bild der Gesellschaft.

Das ist es, was ich meine: Man schlägt das Buch zu und seufzt: So ist das Leben. Fühlten Sie beim Schreiben eigentlich eine Art sportlichen Ehrgeiz?

Ja, ich finde, Schriftsteller sollten sich in gewisser Weise als Konkurrenten fühlen. Natürlich nicht in der Weise, dass sie sich gegenseitig die Computer klauen. Aber wenn man beginnt, einen Roman zu schreiben, sollte man schon den Ehrgeiz haben, den besten Roman abzuliefern, der je geschrieben wurde. Wenn man sich um seinen Roman kümmert, kümmert man sich auch um die Zukunft der ganzen Gattung. Große Ambitionen sind etwas ganz Wichtiges.

Als ich Ihr Buch las, hatte ich das Gefühl, Sie hatten von Anfang an den Ehrgeiz, ein „Buch des Jahres“ zu schreiben. Liege ich da komplett falsch?

Ja, komplett. Ich wusste ja nicht mal, in welchem Jahr das Buch fertig werden würde. Wie sollte ich da ein „Buch des Jahres“ schreiben wollen?

Aber Sie sagten doch selbst, Sie wollten den besten Roman schreiben, der je geschrieben wurde.

Richtig. Aber in praktischer Hinsicht dachte ich an nichts anderes jenseits des Ziels, das Buch endlich zu beenden. Ich schrieb ja ein Buch über Baseball und zugleich eines über homosexuelle Beziehungen. Die beiden möglichen Zielgruppen schließen sich gegenseitig eher aus. Kommerziell geschickt spekuliert ist das sicher nicht.

Aber Herr Harbach, Sie wissen doch viel besser als ich, dass „Die Kunst des Feldspiels“ mehr ist als ein normales Baseballbuch. Ich empfand während des Lesens den gleichen Ehrgeiz in Ihrem Buch wirken, den ich auch bei Jonathan Franzen sehe, den Versuch nämlich, ganze Totalitäten der amerikanischen Gegenwart in der Nussschale eines Romans unterzubringen. Ich meine den Ehrgeiz, aufs Neue den großen amerikanischen Roman zu schreiben. Hatten Sie das nicht im Kopf?

Das ist schwer zu beantworten, denn in gewisser Hinsicht stellt mein Buch ja ein sehr bescheidenes Projekt dar. Es spielt in einem kleinen College im Mittleren Westen und stellt nicht mehr als fünf Leute ins Zentrum. Im Prozess des Schreibens war ich beschäftigt mit ganz praktischen Dingen, mit den nächsten Schritten der Handlung, mit der Entwicklung der Figuren.

Während der elf Jahre, die Sie an dem Buch arbeiteten, hatten Sie zum Teil zwei Jobs nebenher. Wie haben Sie es bei den vielen Unterbrechungen geschafft, die Fäden dieser mehrsträngigen Handlung zusammenzuhalten?

Das war nicht einfach. Man sollte die Arbeit an einem solchen Buch nicht mal für einen Tag unterbrechen. Man kommt raus, verliert den Schwung. Deshalb habe ich lieber hintereinander weg für mehrere Wochen die Pflichten meines Jobs erledigt oder an unserem Literaturmagazin n+1 gearbeitet. Danach konnte ich mir wieder Zeit am Stück nehmen nur für das Buch. Ich brauchte jedes Mal mindestens zwei Tage, um wieder in das Monster zurückzukehren.

Wie schaffen Sie es, in ihre Figuren hineinzufinden, ihre jeweils eigene Perspektive zu teilen und mit ihren Augen zu sehen?

Nach den ersten fünf Jahren Arbeit an dem Buch hatte ich das Gefühl, ich kenne jede der Figuren besser als meine Freunde oder meine Familie. Ich hatte viel Zeit mit ihnen verbracht und war mir sicher, es gibt keine Frage zu ihrem Leben, die ich nicht hätte beantworten können. Vieles von ihrem Charakter und ihrer Geschichte ist in den Roman eingeflossen, aber längst nicht alles. Natürlich bin ich mit ihnen auch unter die Dusche gegangen.

Haben Sie eine klare Vorstellung davon entwickelt, wie Ihre Charaktere aussehen?

Ja, aber ich bin kein visueller Denker. Ich weiß wohl, wie sie aussehen, aber ich denke noch mehr in Tönen und Geräuschen.

Dann haben Sie also ihre Stimmen im Ohr?

Ja. Und dazu die Art, wie sie reden. Sonst könnte ich die Dialoge nicht schreiben.

Haben Sie einen Rat für angehende Autoren, die wie Sie vor zwölf Jahren sich an ihren ersten Roman machen?

Oh ja. Von mir kann man lernen, wie hart es ist. Als junger Autor, so Mitte Zwanzig, war ich entsetzlich unzufrieden mit mir. Ich brüllte mich selber an und heulte, schmiss seitenweise meine Arbeit weg. Die Freunde um mich herum kamen in ihren Jobs unter und ich hatte nichts. Und trotzdem muss man jeden Tag schreiben, um dran zu bleiben. Und noch einen Rat habe ich: Man sollte den Computer meiden.

Wie, Sie schreiben mit der Hand?

Ja. Irgendwann fülle ich den Text dann in den Laptop, aber zunächst schreibe ich alles mit der Hand. Auf der Tastatur tippe sehr schnell, kaum ist der Gedanke da, steht er schon auf dem Bildschirm. Auf dem Monitor spielt sich dann für mich so eine Vorstellung ab, eine Art Theater: Ich schreib was hin, dann beginnt das Gebastel. Man schiebt Sachen herum, kopiert eine Passage, löscht eine andere, endlos ändert sich alles, ohne dass man wirklich einen Fortschritt macht. Für einen Roman aber braucht man langsame Entfaltung und konzentrierte Entwicklung.

Sie sind Redakteur der Literaturzeitschrift n+1, ein professioneller Kenner und Kritiker. Sie kennen die Tricks der literarischen Konstruktion aus der Theorie. Hat Ihnen das in der Praxis geholfen?

So, wie man in Schule und Studium Literaturwissenschaft lehrt, führt sie nicht zum Schreiben selbst. Im Gegenteil. Man lernt, die verborgenen Strukturen aus einem Text herauszupräparieren, so wie man ein Gerippe aus einem toten Körper zieht. Das ist eine wunderbare Übung für spezielle geistige Fertigkeiten. Aber wenn man mit diesem Handwerkszeug wiederum Literatur verfassen will, wird es schwierig. Man versucht dann, solche Gerippe wieder in den Text hineinzuoperieren. Ich kenne das von mir selbst und es ist wirklich nicht der Weg, wie große Literatur entsteht.

Die Fertigkeiten des Kritikers sind für den Schriftsteller also hinderlich?

Ja, man sieht das bei vielen jungen Autoren, die mit der Nase zu tief in akademischen Fragestellungen stecken. Ob man nun einen simplen oder komplexen Stil bevorzugt, so versucht doch jeder gute Autor immer, so einfach wie möglich zu schreiben. Das ist die Herausforderung. Natürlich sind manche Dinge wahnsinnig kompliziert und ein Buch über sie kann eben nicht einfach sein. Aber doch so einfach, wie irgend möglich.

Normalerweise ist es nicht üblich, in einem Gespräch wie diesem über Geld zu reden, aber in diesem Fall müssen wir es tun, da über die Summe, die Sie für die amerikanischen Rechte an Ihrem Buch erzielt haben, schon viel geschrieben wurde. 670.000 Dollar. Herzlichen Glückwunsch dazu, aber auch die Frage: Halten Sie die Summe für angemessen?

Was für eine schreckliche Frage. Glücklicherweise verkauft sich das Buch sehr gut. Mein Verleger verdient also eine Menge Geld damit. Geschäftlich ist alles in bester Ordnung. Und was heißt schon angemessen? Für furchtbare Bücher werden oft 20.000 Dollar gezahlt, für wirklich wunderbare nur 10.000.

Waren Sie da von dem ökonomischen Potenzial des Buches überzeugt, als Sie das Manuskript beendet hatten?

Nein überhaupt nicht. Aber in den fünf Monaten der Herausgabe, der endgültigen Produktion, also der Entscheidung über das Cover, der Information der Buchhändler und so weiter, da war ich schon sehr glücklich. Zuvor hatte ich viele Zweifel. Schließlich ist das Manuskript von mehreren Agenten abgelehnt worden.

Das muss furchtbar sein nach elf Jahren Arbeit.

Ja, es war nicht der schönste Moment in meinem Leben. Ich war schlicht arm. Meinen Job hatte ich verloren. Mit 25 als mittelloser Autor in New York zu leben, mag romantisch sein, aber mit 35 sieht das schon anders aus.

Das verstehe ich nicht ganz. Sie sind doch Redakteur dieses berühmten Magazins n+1?

Mit n+1 haben wir noch keinen Cent verdient. Das Magazin läuft gut, aber es wirft keinen Gewinn ab. Und dann kamen diese Absagen der Agenten, die offenbar davon ausgingen, dass mein Buch nicht zu verkaufen sei. Natürlich habe ich schlecht geschlafen. Ich war allerdings immer davon überzeugt , dass „Die Kunst des Feldspiels“ zumindest so gut ist, um irgendwie verlegt werden zu können. Wenn Sie mir damals gesagt hätten, ich würde es auch für 50.000 Dollar hergeben, hätte ich Ihnen vermutlich zugestimmt. Nach den Absagen meldete sich dann plötzlich Chris Parris-Lamb, der überzeugt davon war, er müsse eine Menge konkurrierender anderer Agenten aus dem Feld schlagen, so gut wie mein Buch sei. Chris nimmt zwar viel Provision, aber er ist ein sehr guter Agent. Von da an lief’s.

Chad Harbach: Die Kunst des Feldspiels. Aus dem Amerikanischen von Stephan Kleiner und Johann Christoph Maass. DuMont, Köln 2012. 607 Seiten, 22,99 Euro.

Interview: Harald Jähner

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