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19. September 2012

David Mitchell: Nix mit Harakiri

 Von Hartmut Wilmes
"Die tausend Herbste des Jacob de Zoet". Foto: dpa

Japan um 1800 ohne Kirschblütenkitsch: David Mitchells monumentales Epos über „Die tausend Herbste des Jacob de Zoet“.

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Seine große Stunde schlägt, als alles verloren ist. Am Mittag des 20. Oktober 1800 harrt Jacob de Zoet auf jenem Wachturm aus, den die britische Fregatte „Phoebus“ unerbittlich beschießt. Immer näher zischen die Kanonenkugeln an seinem kupferroten Schopf vorbei, die nächste Salve dürfte die letzte sein. Doch plötzlich lässt Kapitän Penhaligon das Schiff abdrehen. Das Beinahe-Harakiri des jungen Holländers rettet Dejima, gleichwohl wird die bizarre Pfahlbau-Insel vor Nagasaki zum Grab seiner Träume.

Es gab ihn wirklich, jenen Vorposten der Niederländischen Ostindien-Kompanie, der den britischen Autor David Mitchell bei einem Japanbesuch 1994 fasziniert hat. Im abgeschotteten Reich der Edo-Zeit dürfen die Holländer das aufgeschüttete Eiland mit seinen Speichern und Kontoren nicht verlassen, Japaner haben bis auf Dolmetscher und Kurtisanen keinen Zutritt. Eine heikle Handelsschleuse, vorgesehen für Tee und Kupfer, letztlich aber auch durchlässig für Intrigen und verbotene Gefühle.

Der englische Autor David Mitchell.
Der englische Autor David Mitchell.
Foto: dpa

Zweifellos ein filmreifer Schauplatz dieses ebenso monumentalen wie filigranen Romans: „Die tausend Herbste des Jacob de Zoet“. Eigentlich soll der Titelheld hier die gründlich manipulierten Bilanzen der Kompanie korrigieren und ein Finanzpolster für die Hochzeit mit seiner heimischen Braut Anna aufhäufen. Doch in Mitchells Wunderkammer scheitern beide Missionen.Als sich Jacob in die auf Dejima geduldete Hebamme Orito verliebt, spottet der Inselarzt noch über das Faszinosum der asiatischen Frau: „Die geheimnisvollen Augen, die Kamelien im Haar – all das nehmen sie als Sanftmut wahr. Wie viele hundert liebestrunkene weiße Männer habe ich schon in diese klebrig-süße Falle tappen sehen!“

Gier nach Macht, Geld und Sex

Der Autor, der heute mit seiner Frau Keiko und zwei Kindern an der irischen Südküste lebt, vermeidet jeglichen Kirschblüten-Kitsch. So beharrt er in Jacobs linkischer Romanze auf der Fremdheit zweier Gefühlswelten. Und anstatt bloß das Klischee vom Zusammenprall der Kulturen zu inszenieren, lässt Mitchell den Saum zwischen Europa und Asien quecksilbrig schillern. Fast so, als lägen hier eine wimmelige flämische Genreszene und ein spinnwebzart schraffierter japanischer Farbholzschnitt transparent aufeinander, um ein nie gesehenes Bild zu ergeben.

In Dejimas Kontoren grassiert die Korruption, in den Gassen und Gossen frönt das Personal mit Bruegelscher Deftigkeit jedweder Sinneslust. „Herr de Zoet will seinen Rettich buttern?“ muss sich der Liebeskranke von seinen Landsleuten fragen lassen. Im „Raum der Letzten Chrysantheme in der Residenz des Statthalters von Nagasaki“ herrscht hingegen diffiziles Zeremoniell, das freilich ebenfalls nur die Gier nach Macht, Geld und Sex kaschiert.

Als virtuos instrumentiertes Leitmotiv zieht sich gegenseitiges Missverstehen durch den Roman. Zu heimlichen Protagonisten avancieren jene Dolmetscher, die am japanischen Wort für „Privatsphäre“ scheitern oder versehentlich „empfinden“ mit „erfinden“ übersetzen. Einer von ihnen, Uzeamon, wird zum tragischen Helden. Selbst in Orito verliebt, muss er Jacobs plumpe Avancen überbringen.

Mag sein, dass Mitchell das Interessengeflecht zwischen Shogunen, Statthaltern und holländischen Geschäftemachern manchmal allzu vielsträngig abbildet. Doch wann immer er sich in seiner sprachschön und bildgewaltig heraufbeschworenen Welt zu verlaufen droht, findet er den Kompass des mitreißenden Erzählers wieder.

Dabei geizt der Roman nicht mit Effekten: Erdbeben, Taifune und Seeschlachten, dazu Hinrichtungen, Entführungen und Giftmord-Intrigen. Einen Horror-Kosmos schafft er mit jenem Kloster des Shiranui-Schreins, in das Orito vor Jacobs Augen verschleppt wird. Als Beute jenes finsteren Abtes, der fern aller Mönchs- und Nonnenkeuschheit perverse Rituale befiehlt.

Kino-Assoziationen

Auch diesen charismatischen Fürsten der Finsternis sowie Oritos maßloses Martyrium könnte man sich (wie Mitchells soeben von Tom Tykwer verfilmten „Wolkenatlas“) in Cinemascope vorstellen. Kantige Charakterköpfe wie der zynische Inselarzt Dr. Marinus oder der gichtzerfressene Kapitän Penhaligon beflügeln solche Kino-Assoziationen, die Mitchells Prosa gleichwohl ein wenig Unrecht tun. Denn so plastisch sie exotische Szenerien und Natur-Stimmungen herbeihalluziniert, so subtil leuchtet sie existenzielle Abgründe aus.

Wobei der Autor nie psychologisiert, sondern das Drama des chronisch überforderten Titelhelden aus dessen illusionsloser Innenschau enthüllt. Jacob de Zoet bleibt nach seiner heroischen Rettungstat nur ein Schattendasein, ohne Zukunft mit seiner geliebten Orito und dem gemeinsamen Sohn. Wie Mitchell das restliche Leben dieses Untoten im Zeitraffer abspult und dabei ganz ohne Pathos eine unermessliche Traurigkeit erzeugt – das macht ihm keine Filmkamera nach.

David Mitchell: Die tausend Herbste des Jacob de Zoet. Aus dem Englischen von Volker Oldenburg. Rowohlt, Reinbek 2012. 714 Seiten, 19,95 Euro.

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