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06. Oktober 2012

Gastland Neuseeland: Nur Sahara können sie nicht

 Von Sylvia Staude
Kleine Häuser hinter dem Wind: Neuseeland ist nicht Großbritannien, seine Landschaft ist prächtiger und rauer. Doch der Literatur, ihrem Humor, merkt man das Britische noch an. Foto: Stephanie Nixon

Als wäre die Erde nicht rund, galt Neuseeland lange Zeit als Endstation – auch kulturell. Aber seit Katherine Mansfield ihr Heimatland in die literarische Moderne führte, wuchs dort eine vielgestaltige, muntere Literatur-Szene. In diesem Jahr kann man sie auf der Frankfurter Buchmesse kennenlernen.

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Schau sie dir an, ihre Hauptstadt, sagt Willi Gauss zu seinem Freund Josef Mandl in Maurice Gees Roman „Live Bodies“: Du könntest sie mit der Hand vom Hang kratzen. Gauss, ein deutscher Sozialist, und Mandl, Jude aus Wien, haben Zuflucht gesucht vor den Nazis, aber nun sind sie mit ebensolchen interniert auf Somes Island vor Neuseelands Hauptstadt Wellington. Sie sprechen Deutsch, sie könnten schließlich Spione sein. Die Neuseeländer, sagt Willi, können sich einfach nicht entscheiden, wer sie sein wollen, und so spielen sie ihre kleinen Britisches-Weltreich-Spielchen. Aber: „Hier gibt es keine Klippen von Dover.“ Aber, könnte der entzückte Tourist einwenden, alles andere.

Der 1998 erschienene Roman „Black Ink“ („Lebende Fracht“ 2002) des großen alten Mannes der neuseeländischen Literatur erzählt davon, wie Josef Mandl nach Kriegsende doch noch Wurzeln entwickelt in diesem Land, wie er dessen Leere zu schätzen lernt – und ihn die „stumme Dummheit“ der Leute nicht mehr stört. Sie sind immer schon hart ins Gericht gegangen mit ihrer Heimat, die neuseeländischen Schriftsteller. Neuseelands wohl berühmteste Autorin, Katherine Mansfield, glaubte mit gerade mal 19, es nicht mehr auszuhalten dort, oder vielmehr, nicht alles drei finden zu können, was ihr für ihr Leben unbedingt vorschwebte: „Macht, Reichtum und Freiheit“, wie sie 1908, wenige Wochen vor ihrer Abreise nach Europa, in ihr Tagebuch schrieb. Claire Tomalin beschreibt in ihrer vorzüglichen Mansfield-Biografie, wie Neuseeland sich damals, am Anfang des 20. Jahrhunderts, als Kolonie Australiens fühlte, das seinerseits eine Kolonie Englands war: „Es war der allerletzte Ort, die Endstation“.

Die Natur Neuseelands ist nicht sehr exotisch.  Doch kann man in ihr Weite und  Einsamkeit finden, wenn man sie  sucht. Und nicht fern immer  das Meer.
Die Natur Neuseelands ist nicht sehr exotisch. Doch kann man in ihr Weite und Einsamkeit finden, wenn man sie sucht. Und nicht fern immer das Meer.
Foto: Stephanie Nixon

Neuseeland ist für Europäer immer noch das denkbar Fernste. Wenn man von hier aus durch den Erdkern bohren könnte, käme man nicht in Neuseeland wieder raus? Gern wird der Urlauberin bei der Abreise der Scherz mitgegeben, sie müsse sich dann wohl ans Kopfunter-Wandern gewöhnen. Und kann sie ein Plüschkänguru mitbringen, bitte? Das hören die Neuseeländer immer noch besonders gern, wenn man sie mit Australien verwechselt, dem anderen Down under, dem ungeliebten großen Bruder, der so viele Flugstunden weg ist, wie man von Frankfurt aus nach Moskau oder in die Türkei braucht. In der Weite des Pazifiks liegt Neuseeland (zwei große Inseln, viele kleine) mutterseelenallein und teils auf der australischen, teils auf der pazifischen Platte, so wie es ein Bein in der europäisch-britischen Kultur hat und eines in der polynesischen.
Die Organisatoren des Gastland-Auftritts Neuseelands bei der Frankfurter Buchmesse haben mit typisch neuseeländischem Humor das Endstation-Klischee umgekehrt und das Motto erdacht: „Bevor es bei euch hell wird“. Denn in der Tat müssen die Neuseeländer früher aufstehen als andere (die zu Neuseeland gehörenden Chathams liegen so hart an der Datumsgrenze, dass jeder neue Tag bei ihnen beginnt) – und das durchaus in doppeltem Sinn. Jedenfalls, wenn sie es als Schriftsteller schaffen wollen. Der neuseeländische Buchmarkt ist winzig, es gibt es nicht einmal viereinhalb Millionen Einwohner. Huia Publishers, der einzige Maori-Verlag, verkauft von den meisten seiner Bücher um die 1500 Exemplare, wenn es gut geht 3000 bis 5000. Und die Englisch schreibenden Autoren Neuseelands haben zwar den Vorteil, dass sie auch in Australien, Großbritannien, den USA ihre Leser finden können, aber das ist nur Theorie: In der Fülle englischsprachiger Schriftsteller – aus Indien, Kanada, Irland, um nur noch ein paar zu nennen – muss eine Stimme vom Ende der Welt erst einmal gehört werden.

Wenig Exotik im Angebot

Viele neuseeländische Schriftsteller lebten jahrelang woanders, kehren aber irgendwann zurück.
Viele neuseeländische Schriftsteller lebten jahrelang woanders, kehren aber irgendwann zurück.
Foto: Stephanie Nixon

Anthony McCarten, der es dank einer seit Jahrzehnten auf den Bühnen der Welt aufgeführten Komödie um strippende Arbeitslose finanziell geschafft hat, erzählt doch: Wie er die Figuren des Romans „Death of a Superhero“ (dt. „Superhero“, Diogenes, 2007) in der Fortsetzung (dt. „Ganz normale Helden“, Diogenes, 2012) nach London versetzte, weil er in Neuseeland keine Leser gefunden habe. Es sei „eine Sache von zwei Tagen“ gewesen, im Manuskript den Schauplatz zu ändern, denn „das ist kein Buch, das von einem Ort erzählt“.

Richard Taylor, Chef der in Wellington beheimateten Spezialeffekte-Firma Weta Workshop, sagt übers (filmische) Geschichtenerzählen in seiner Heimat nur halb im Scherz: „Die Sahara können wir nicht so gut, aber sonst können wir alles.“ Allerdings erwartet der nicht-neuseeländische Leser in der Regel, dass neuseeländische Autoren eben nicht von der Sahara, sondern von ihrem Land berichten. Dabei vergisst man, dass dieses andere Ende der Welt westlich – britisch – geprägt ist, dass es im wörtlichen und übertragenen Sinn ein gemäßigtes Klima hat und nur wenig Exotik bieten kann; viel weniger als etwa Australien mit seiner heißen, trockenen Mitte, seinen kuriosen Tieren und scheuen Ureinwohnern.

Die Maori, nach heutigem Forschungsstand zwischen 1200 und 1300 in Kanus nach Aotearo (so der Maori-Name für Neuseeland) gekommen – eine fulminante seemännische Leistung –, hatten keine Berührungsängste. Doch die Maori-Erzähltradition war eine orale; so konnten in den 1820ern in Neuseeland nur ein paar Dutzend Menschen lesen und schreiben, wie der Historiker Paul Moon schätzt. Es gibt fast keine Aufzeichnungen aus dieser Zeit, eine Zeitung oder gar literarische Werke sowieso nicht. Hundert Jahre später aber hatte die früh verstorbene Katherine Mansfield mit ihrem schmalen Werk Neuseeland auf der Landkarte der Moderne verankert. Sie muss ein Biest gewesen sein, flatterhaft, wetterwendisch, rücksichtslos in ihren Liebesbeziehungen (zu beiden Geschlechtern), aber sie brannte für ihre Kunst (siehe C. K. Steads exzellenten biografischen Roman „Mansfield“). Je kränker sie war, desto mehr. Und desto kompromissloser rang sie um eine neue Form des Erzählens.
Aus Anlass der Buchmesse bringt Diogenes von Katherine Mansfield „Sämtliche Erzählungen“ in zwei Bänden neu heraus, Schöffling ein schön gemachtes Bändchen „Über die Liebe“ mit Auszügen aus Briefen und Tagebüchern. Auch andere Klassiker – ja, inzwischen gibt es sie – sind wieder erhältlich: Janet Frames „Ein Engel an meiner Tafel“ in einer überarbeiteten Übersetzung bei C.H. Beck, die bekannten Maori-Autoren Patricia Grace („Potiki“) und Alan Duff („Warriors“) im Unionsverlag. In einem „normalen“ Jahr liegt die Zahl der in Deutschland erscheinenden Übersetzungen neuseeländischer Autoren bei deutlich weniger als zehn, diesmal dürften es immerhin zwei bis drei Dutzend sein. Die Zählung ist schwierig, denn auf der zur Buchmesse erstellten Veröffentlichungsliste steht etwa auch der englische Thrillerautor Neil Cross, der seit einigen Jahren in Neuseeland lebt, und auch Bücher wie „Mit dem Fahrrad durch Neuseeland“ – überhaupt unzählige Reisebücher.

„Es gibt (...) auf der ganzen Welt keinen abgeschiedeneren Ort“, glaubt der Ich-Erzähler in David Ballantynes „Sydney Bridge Upside Down“. In der Tat ist Neuseeland, dank geringer Einwohnerzahl, voll Einsamkeit und prächtiger Natur. Wie es der Tourist gern hat. Doch in der Literatur spielt die Natur keine große Rolle – Ausnahme ist das in vielen Romanen gleichsam im Hintergrund rauschende Meer.

Freiheit, über alles zu schreiben

Gern scheinen die Neuseeländer dagegen Jugendliteratur für Erwachsene zu schreiben. In dem Sinn, dass eindrucks- und kunstvoll von Pubertät und Erwachsenwerden erzählt wird: David Ballantyne tut es, Anthony McCarten, Carl Nixon, Kate de Goldi, eigentlich auch C. K. Stead in dem famos plausiblen „Mein Name war Judas“ (Eichborn, 2012), denn beträchtliche Teile des Romans spielen in Kindheit und Jugend des Freundespaars Jesus und Judas. Anfang 20 war Eleanor Catton, als ihr psychologisch intrikater Roman „The Rehearsal“ erschien (dt. „Die Anatomie des Erwachens“, Arche, 2010), der von den Irrungen und Wirrungen von Saxofonschülerinnen und Schauspielschülern erzählt.

Gern würde man sich vorstellen, dass eine Gesellschaft, die quasi selbst noch blutjung ist (keine größere Landmasse dürfte später besiedelt worden sein), logischerweise in ihrer Literatur das Thema Jugend bearbeitet. Aber eigentlich nehmen sich die neuseeländischen Schriftsteller nur die Freiheit, über alles zu schreiben. Und es an jedem beliebigen Schauplatz spielen zu lassen, von Paraparaumu oder Palmerston North bis Berlin. Viele Autoren sind weitgereist, viele leben jahrelang außerhalb Neuseelands, viele kehren irgendwann zurück.
Und wenn man sie fragt – vom 81-jährigen Maurice Gee bis Eleanor Catton – , ob sie gern am Ende der Welt leben, dann wissen sie die entspannte Abgeschiedenheit des Landes durchaus zu schätzen: Man kann sich dort erholen, zum Beispiel von New York. In Bezug auf die neuseeländische Gesellschaft fallen Wörter wie egalitär, fair, unhierarchisch. Am schönsten aber, nämlich mit typisch neuseeländischem Understatement, formuliert es die Dichterin Hinemoana Baker: „Wir haben das ganz gut hingekriegt.“
Und Wellington ist auch hübsch gewachsen, der Wiener Mandl würde staunen.

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