kalaydo.de Anzeigen

Wim Wenders im Interview: "Pina war unerbittlich"

Wim Wenders erobert den Raum: Mit 3D-Kameras begab er sich unter die Tänzer des Wuppertaler Tanztheaters, um der verstorbenen Star-Choreografin Pina Bausch ein Denkmal zu setzen. Ein Gespräch über die Entdeckung einer neuen Film-Dimension, fröhliche Trauerarbeit und Blasen an den Füßen.

Szene aus Pina: Die Jungen treten nun Bauschs Erbe an - indem sie deren Stücke weiter tanzen.
Szene aus "Pina": Die Jungen treten nun Bauschs Erbe an - indem sie deren Stücke weiter tanzen.
Foto: Donata Wenders © NEUE ROAD MOVI

Herr Wenders, in Ihrem Film über Pina Bausch ist die Choreografin selbst kaum zu sehen. Sie zeigen auch nur wenige Archivaufnahmen von ihr. Was hat Sie dazu bewogen, den Film so zu machen?

Der Film, den ich zusammen mit Pina machen wollte, war durch ihren für alle so überraschenden Tod plötzlich nicht mehr möglich. Ich habe dann eigentlich erst durch das Drängen der Tänzer verstanden, dass man diesen Film trotzdem, ja, sogar erst recht machen musste. Aber es musste ein ganz anderer Film werden – einer, der jetzt auch mit Pinas Abwesenheit umzugehen hatte. Was wir zeigen wollten, wäre auch mit Pina kein biografischer Film geworden. Wir wollten einen Film über ihre Arbeit machen, und es ist dabei – das hat sich erst nach und nach beim Drehen herausgestellt – ein Film über ihren Blick geworden. Über den Blick, den Pina auf die Menschen hatte und mit dem sie eine so einzigartige neue und schöne Kunstform geschaffen hat. Ihr Blick hat sich ja dem Zuschauer in jedem ihrer Stücke vermittelt. Sie hat einen ganz liebevoll an die Hand genommen und einen in die Lage versetzt, selbst auch anders zu gucken, selbst auch seine Körperlichkeit anders zu spüren. Deswegen ist sie so wenig im Film: Es geht um das, was sie gesehen hat und wie sie gesehen hat, und wie das in ihren Stücken weiter lebt.

Im Film gibt es kurze Statements der Tänzer über ihre Chefin. Manche sagen, in 20 Jahren gemeinsamer Arbeit hätte sie vielleicht nur ein einziges Mal etwas Wertendes, Analytisches zu ihnen gesagt. Das kann man sich kaum vorstellen.

Pina war berüchtigt dafür, dass sie nicht viel geredet hat. Sie hat der Sprache nicht sonderlich getraut. Stattdessen hat sie mit unendlicher Geduld zugeschaut und immer wieder und wieder korrigiert, sehr konkret und direkt. Aber mit Worten zu sagen, was sie will – das war nicht ihr Ding. Pinas Hauptthema war „Sehnsucht“. Wonach sehnen wir uns, was wollen wir wirklich am meisten? Auf dieser Frage hat sie immer insistiert, und die Tänzer waren gefordert, die Antwort darauf in sich selbst zu finden, so lange, bis Pina zufrieden war. Das war Pinas unglaubliche Stärke, dieses genaue Zuschauen, ihr Blick für das, was Menschen aus ihren Körpern heraus über sich erzählen! Ich glaube, niemand sonst auf der Welt hat das so weit getrieben und eine solche Fähigkeit gehabt, die Seele eines Menschen dadurch zu sehen, wie er sich bewegt.

Wim Wenders und Pina
Wim Wenders.

Wim Wenders, geboren 1945 in Düsseldorf, war mit der Choreografin Pina Bausch befreundet. Ein gemeinsamer Film war geplant, als Pina Bausch überraschend im Sommer 2009 starb. Nach einer Phase
der Trauer entschied sich der renommierte Filmregisseur für eine Hommage, für eine sehr persönliche Würdigung, die er zusammen mit Bauschs Ensemble im Frühjahr in und um Wuppertal herum drehte.

„Pina – tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren“ hatte gestern auf der Berlinale Premiere. Der 3D-Film läuft ab 24. Februar in deutschen Kinos an. (FR)


Im Film erzählt die Tänzerin Jo Ann Endicott, dass Bauschs Arbeitshaltung auf sie manchmal hart wirkte und nicht nachvollziehbar. Endicott hatte deswegen 1987 die Gruppe sogar für viele Jahre verlassen.

Pina war auch unerbittlich. Sie hatte ein wahnsinniges Stehvermögen. Obwohl sie so eine empfindliche, unglaublich zerbrechliche Figur war, war sie eine richtig unglaubliche Steherin. Sie hat von sich so viel verlangt und sie hat erwartet, dass die anderen mitmachen. Mit Pina sind viele an ihre Grenzen gegangen. Aber wenn man einen kreativen Beruf hat, gibt es nichts Schöneres! Jeder Schauspieler oder Tänzer kann etwas Gutes geben, natürlich, aber sein Bestes zu geben, das geht nicht immer und das verlangt auch nicht jeder. Es ist aber das Großartigste, was im Theater, im Tanz oder im Kino passieren kann. Bei Pina war das so.

Tanzen Sie eigentlich selbst?

Ich tanze richtig gern, wenn die Musik stimmt, auf Partys oder Konzerten. Ich bin einer, der stundenlang tanzt, bis dann alles durchgeschwitzt ist und ich Blasen an den Füßen habe.

Haben Sie auch mit dem Wuppertaler Tanztheater gefeiert?

Ja, klar. Bei unserer Feier zum Dreh-ende haben wir schwer gerockt.

Auch mit Pina Bausch? Saß sie nicht bei Festen auch immer mit ihrem berühmten Glas Rotwein und hat nur geguckt?

Nein, Pina hat gern getanzt. Also bei den Partys vom Tanztheater. Aber, so viel ich weiß, lieber Salsa oder auch Tango. Die hat lieber zu zweit getanzt, auch mit vielen ihrer Tänzer. Pina hat gern gefeiert, sie war kein Kind von Traurigkeit.

Wie begann Ihre eigene Freundschaft mit Pina Bausch?

Das ist lange her, in der Mitte der 80er Jahre. Ich hatte Pinas Aufstieg in Deutschland völlig verpasst, weil ich sieben Jahre in Amerika gelebt habe, von 1977 bis 1984. Als ich zurückkam, war Pina schon weltberühmt. In Deutschland kannte sie jeder, nur ich nicht. In Venedig, im Teatro La Fenice gab es 1985 eine Bausch-Retrospektive, da habe ich die ersten Stücke von ihr gesehen. Ich wollte nur mal reinschnuppern, mit Tanz hatte ich nicht viel am Hut. Und dann sah ich „Le Sacre du Printemps“ und „Cafe Müller“. Ich war hin und weg und habe sofort mein Hotelzimmer verlängert, um die anderen Stücke auch noch sehen zu können. Wir haben uns damals kennengelernt, sind auch mal zusammen essen gegangen. Wir haben uns gemocht, und seitdem haben wir uns immer wieder getroffen. Schon beim ersten Mal habe ich die Idee eines Films angedeutet. Aber da hat Pina nur gelächelt.

Warum hat es 20 Jahre gedauert, bis er zustande kam?

Pina hat die Idee ihrerseits wieder aufgenommen. Es war auch ihr Wunsch, dass ihre Stücke noch einmal anders aufgehoben würden als auf der Bühne. Aber dann stand ich da und wusste nicht, wie ich mit meinem Handwerk so etwas Schönes und Lebensfrohes wie Pinas Arbeit filmisch wiedergeben könnte, 20 Jahre lang sozusagen wie der Ochs vorm Berg. Wie diese Körperlichkeit zeigen, dieser Körpersprache gerecht werden? Meine eigene Sprache, der Film, hatte nicht den richtigen Zugang. Erst als der Film gelernt hatte, in die dritte Dimension zu gehen, war das möglich.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, welche Erfahrungen Wim Wenders mit der 3D-Technik gemacht hat.

1 von 2
Nächste Seite »
Datum:  13 | 2 | 2011
Seiten:  1 2
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
FR-Spezial

Alle Hintergrundberichte, Filmkritiken, Interviews und Schlagzeilen rund um die 62. Berlinale im FR-Spezial.

Umfrage

Welcher Beitrag aus dem Wettbewerb der 62. Berlinale soll den Goldenen Bären für den besten Film erhalten?

Berlinale-Liveticker
 
Film

Die Filmwoche: Was läuft wann in welchem Kino? Alle Neustarts, alle Filme, alle Kinos, alle Zeiten.

Comics
Sondermann

Es kann nur einen geben! Wir präsentieren den Publikums-Preis. Alle dürfen, sollen, müssen abstimmen.

Glosse

Die tägliche Glosse des Feuilletons der Frankfurter Rundschau.

Quiz
Tatort-Logo

Seit 40 Jahren gibt's fast jeden Sonntag im Fernsehen Mord und Totschlag. Mit dem Tatort beweist das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer wieder seine Leistungsfähigkeit. Was wissen Sie über die Krimi-Reihe? Testen Sie's!