Man mag sich kaum daran erinnern, aber so war es wirklich: Nach den Anschlägen des 11. September 2001 glaubten viele, mit Katastrophenfilmen über einstürzende Hochhäuser sei es endgültig vorbei. Aber nach kurzer Schamfrist schwelgte Hollywood förmlich in Weltuntergangsszenarien. Dass dass man nichts Anstössiges daran fand, bewies aber auch durchaus Gutes: Das Abklingen eines kollektiven Traumas.
Und doch berührt Stephen Daldrys um das tragische Datum entsponnener Spielfim „Extremely Loud and Incredibly Close“ noch immer ein Tabu. Wenn der etwa zwölfjährige Oskar zu Beginn von „Extrem laut und unglaublich nah“ die Vorstellung entwickelt, man könne zu den Toten der Menschheitsgeschichte mit dem Fahrstuhl reisen, ist man schon mitten im Thema. Man ahnt schnell, dass die sehr farbig erzählten Szenen, die ihn mit seinem liebevollen Vater zeigen, nur ein flüchtiges Glück beschreiben können: Oskar wird diesen wunderbar kindlichen, von Tom Hanks gespielten Vater bei den New Yorker Anschlägen verlieren.
Wie der Grass'sche Blechtrommler
Die Vereinnahmung eines mit kollektiver Trauer besetzten Datums ist aber nicht das Problem dieser Literaturverfilmung nach Joathan Safran Foer. Der Zugang des Regisseurs ist diskret; es geht ganz und gar um den Jungen und seinen Umgang mit dem „schlimmsten aller Tage“, wie er sagt. Selbst die von Sandra Bullock bewundernswert gespielte Mutter, der es nicht gelingt, mit ihrem Sohn über das gemeinsame Leid zu sprechen, ist nur eine Nebenfigur. Der Film steht und fällt mit der Figur des Jungen.
Nach dem Todesfall entdeckt der Sohn ein letztes Rätsel. Er findet einen Schlüssel, bezeichnet mit „Black“. So beschließt er, hunderte Blacks im aus dem New Yorker Telefonbuch aufzusuchen, um das dazu passende Schloss zu finden. Immer insistierender wird dabei Oskars Auftreten. „Extremely loud“ ist er vor allem selbst – in seiner ins Fanatische abdriftende Mission. Dass er den Namen Oskar trägt und sich eine Trommel umgebunden hat, kann kein Zufall sein. Doch anders als der Grass’sche Blechtrommler ist er kein reifender Mann im Kinderkörper, sondern ein echtes Kind. Wenn er dann auf einen schweigsamen Greis (Max von Sydow) trifft, der wohl sein deutscher Opa sein soll, kommt noch eine zweite Figur dazu, die nur auf dem Reißbrett existiert.
Eine gelungene Szene freilich gibt es. Sie zeigt, welch großer Film unter den künstlerischer Fehlentscheidungen begraben liegt. Sie zeigt den verzweifelten Versuch der Mutter, ihr Kind dazu zu bringen, sich der Realität des Todes zu stellen. Diese Szene ist universell – denn jeder, der einmal einen geliebten Menschen verloren hat, weiß wie schwer, ja vielleicht unmöglich es ist, mit dem Tod in absehbarer Zeit Frieden zu machen. Es gibt eine Handvoll gelungener Filme darüber; doch nur sehr wenige stammen aus Hollywood.
Extremely Loud and Incredibly Close
11. 2.: 12 Uhr, Friedrichstadt-Palast;
13. 2.: 23.15 Uhr, Friedrichstadt-Palast; 19. 2.: 12.45 Uhr, Berlinale-Palast.