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Berlinale-Interview mit Angelina Jolie: "Ich kann zwischen den Welten wandern"

Wo immer Angelina Jolie erscheint, zieht sie alle Aufmerksamkeit auf sich - ob bei einem Filmfestival oder in einem Krisengebiet. Mit ihrer Popularität setzt sie sich für die Opfer von Kriegen ein.

Angelina Jolie: Wenn ich Politikerin werden würde, wäre ich die Erste, bei der all die schmutzige Wäsche schon vor Amtsantritt gewaschen wäre. Mir könnten sie nichts mehr anhängen, ist ja schon alles bekannt. Die könnten mich nicht mehr fertigmachen.
Angelina Jolie: "Wenn ich Politikerin werden würde, wäre ich die Erste, bei der all die schmutzige Wäsche schon vor Amtsantritt gewaschen wäre. Mir könnten sie nichts mehr anhängen, ist ja schon alles bekannt. Die könnten mich nicht mehr fertigmachen."
Foto: Paulus Ponizak
Berlin –  

Der Auftritt ist weder glamourös, noch staatstragend. Angelina Jolie erscheint mit einem Pappbecher Kaffee in der Hand. Den hat ihr noch schnell jemand aus dem Coffee-Shop gegenüber geholt. Die 36-Jährige will nicht nur über ihren neuen Film sprechen, sondern auch über ihr zehn Jahre währendes Engagement für das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR). Ihr politisches Sendungsbewusstsein wird oft als Kompensationshandlung gegen die Exzesse des Showgeschäfts gescholten. Aber der Vorwurf, sie würde die Welt vom roten Teppich aus verbessern wollen, trifft auf sie nicht zu. Dafür ist die sechsfache Mutter und Partnerin von Brad Pitt zu oft in die Flüchtlingslager dieser Welt gereist. Wenn sie davon erzählt, in ihren schnellen, nicht enden wollenden Stakkato-Sätzen, fragt man sich manchmal, woher sie dafür den Antrieb nimmt.

Die Perspektive der Opfer

Für den Film "In the Land of Blood and Honey" hat Angelina Jolie das Drehbuch geschrieben. Sie hat ihn produziert und Regie geführt. Nur mitgespielt hat sie nicht. Am Sonnabend wurde das Werk auf der Berlinale vorgestellt.

Der Bürgerkrieg in Jugoslawien ist das Thema dieses harten, unsentimentalen Films. Im Mittelpunkt steht die Liebesgeschichte zwischen einer bosnischen Muslimin und einem serbischen Christen. Jolie hat mit Schauspielern aus der Region gedreht, in bosnischer Sprache. Mit Schauspielern, die eigene Erinnerungen an den Krieg haben.

Aus Frauensicht wird dieser Kriegsfilm erzählt, aus der Perspektive der Opfer also. Um deren Ohnmacht, um deren Erniedrigung und Vergewaltigung geht es. Es wird gezeigt, wie es ist, wenn das eigene Kind getötet wird, wenn eine Frau als menschlicher Schutzschild benutzt, gedemütigt, gefesselt, geschlagen wird - als wehrloses Opfer.

Angelina Jolie engagiert sich seit Langem für humanitäre Belange. In ihrem Statement zum Film schreibt sie: "Ich wollte etwas machen, das meine Unzufriedenheit künstlerisch darstellt: meine Unzufriedenheit mit der internationalen Gemeinschaft etwa, die es nicht schafft, rechtzeitig und effizient bei kriegerischen Konflikten einzuschreiten."

Bei der traditionellen Wohltätigkeitsgala Cinema for Peace am Montagabend in Berlin wurde Jolie für den Film mit einem Ehrenpreis ausgezeichnet.

Frau Jolie, können Filme die Welt verbessern?

Sie können wichtige Fragen stellen, Debatten anstoßen. Das ist schon mal ein Anfang, oder?

Ihr Regie-Debüt "In the Land of Blood and Honey" stellt die Frage, wie es dazu kommen konnte, dass die Internationale Gemeinschaft im Bosnienkrieg erst viel zu spät eingegriffen hat. Auf dessen Höhepunkt war damals Steven Spielbergs "Schindlers Liste" in den Kinos zu sehen. Doch während die Welt darüber diskutierte, welche Lehren aus dem Holocaust zu ziehen seien, gab es mitten in Europa wieder einen Völkermord ...

... und jetzt wollen Sie mir die Frage stellen, was solche Debatten bewirken. Ich habe genau zu diesem Thema kürzlich bei einem Film-Produzententreffen in den USA eine Rede gehalten. Mr. Spielberg saß im Auditorium. Er ist ein großer Mann. "Schindlers Liste" war damals ja nicht nur in Europa präsent, er gewann kurz darauf den Oscar - es wurde also weltweit über Erinnerungskultur und die Lehren der Geschichte gesprochen, während der Bosnienkrieg mit all seinen Gräueln auf dem Höhepunkt war. Die ganze Welt weinte, war entsetzt über das, was Spielberg zeigte - die Konzentrationslager, den Massenmord an den Juden. Und alle fragten sich wieder: Wie konnte das mitten in Europa passieren? Alle gelobten, wir werden es nie wieder zulassen. Und ließen es zu.

Das regt Sie auf.

Ja, weil wir alle zwar diesen außergewöhnlichen Film feierten, der uns so bewegte - aber zur gleichen Zeit ignorierten, dass es wieder passierte. Ich habe mit Mr. Spielberg lange darüber gesprochen, wir empfanden das beide als zutiefst verstörend.

Und wenn es nun Ihrem Film genauso ergeht?

Ich stelle in meinem Film sehr deutlich die Notwendigkeit eines Eingriffs der Internationalen Gemeinschaft heraus. Was nicht heißt, dass ich generell militärische Eingriffe befürworte. Aber Syrien ist ein gutes Beispiel. Die Situation für die Menschen dort ist zurzeit furchtbar. Ich war sehr aufgebracht, dass China und Russland kürzlich ihr Veto gegen eine UN-Resolution eingebracht haben.

Und somit den syrischen Machthabern erlauben, ungestraft brutal gegen die Opposition vorzugehen.

Jolie, Pitt, Deneuve und viele mehr: Die Gala Cinema for Peace

Bildergalerie ( 18 Bilder )

Ja. Jetzt hoffe ich, dass sie zumindest einen Weg finden, über andere Kanäle daran mitzuwirken, die Lage in Syrien zu beruhigen. Das kann nicht ein Land im Alleingang machen. Aber sehen Sie, Syrien ist nur das offensichtlichste Beispiel dafür, dass sich Gräuel immer wiederholen. Daneben gibt es so viele Länder, in denen weiterhin systematisch Menschenrechtsverletzungen begangen werden, von denen kaum berichtet wird. Eine Frau in Simbabwe ist kürzlich von Soldaten vergewaltigt worden, weil sie in ein Viertel gegangen ist, zu dem der Zutritt verboten war. In Simbabwe hält man Vergewaltigung offenbar für eine legitime Form der Bestrafung. Das ist wahnsinnig. Wir wissen zurzeit nicht, was sonst noch alles in Simbabwe passiert. Das Gleiche gilt für Burma, das immer noch abgeschottet ist.

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Autor:  Martin Scholz
Datum:  13 | 2 | 2012
Seiten:  1 2 3 4
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