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Berlinale
Bilder und Berichte vom Berlinale-Filmfestival.

14. Februar 2016

„Fuocoammare“ / „24 Wochen“: Die Überzeugungskraft der Realität

 Von 
Julia Jentsch in Anne Zohra Berracheds „24 Wochen“.  Foto: Friede Clausz

Der Berlinale-Wettbewerb nimmt deutlich an Fahrt auf: Der Lampedusa-Film „Fuocoammare“ von Gianfranco Rosi, „L’avenir“ von Mia Hansen-Løve und auch der deutsche Beitrag „24 Wochen“ von Anne Zohra Berrached heben das Niveau.

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Mit der Entscheidung für nur einen heimischen Wettbewerbsbeitrag hat Berlinale-Chef Dieter Kosslick das deutsche Kino vielleicht etwas unsanft, aber doch berechtigt in seine Grenzen verwiesen. Und natürlich auch eine besondere Erwartung geweckt: Welche Stimme in diesem Konzert des Weltkinos würde wohl Anne Zohra Berracheds zweiter Spielfilm, „24 Wochen“, zum Klingen bringen?

Das Drama um eine schwangere Komikerin, die erfahren muss, dass sie ein schwer behindertes Kind auf die Welt bringen würde, ist jene Sorte Film, die man in den USA „topical“ nennt und in Deutschland früher als „Problemfilm“ kannte. Die bevorzugte ästhetische Form dafür ist meist ein ungebrochener Realismus. Das gilt auch für Berrached, die bereits in ihrem Vorgängerfilm „Zwei Mütter“ semidokumentarische Elemente in die Inszenierung wob. Mit teil-improvisierten Dialogen halten Julia Jentsch und Bjarne Mädel (in der Rolle des Partners und Managers) das Gefälle zu den Nicht-Schauspielern in Grenzen, so gut es geht. Berrached arbeitet in dieser Methode mindestens so gut wie Andreas Dresen. Und so bekannt einem all dies auch zu Anfang vorkommt – es ist gerade die Konsequenz der Mittel, mit der dieser Film beim Zusehen immer mehr gewinnt.

Berlinale-Wettbewerbsfilm "Fuocoammare" zeigt die Schrecken der Flüchtlingskrise

Zunächst scheint das Konfliktfeld eine erwartbare Geschichte zu definieren. Das Paar entscheidet sich klar für das Kind mit Down-Syndrom. Als dann jedoch noch ein schwerer Herzklappenfehler dazu kommt, ändert sich für die Frau die Situation entscheidend, ihr Partner will ihr darin nicht folgen. Wer bislang nicht wusste, wie Spätabtreibungen nach der 24. Woche ablaufen, erfährt es nun mit medizinischer Genauigkeit aus erster Hand.

Die stärkste Szene ist eine semidokumentarische aus einer Intensivstation für Neugeborene, in der Berrached kurz an ihren Vorgängerfilm über zwei lesbische Mütter anknüpft. Hier lässt sich die Protagonistin einladen, eines der Babys zu berühren – doch die fürsorgliche Atmosphäre der Umgebung kann ihren inneren Konflikt nicht lösen. Es ist nicht zu hochgegriffen, in diesem Augenblick an die Geschichte des semidokumentarischen Kinos zurückzudenken, an Eduard Tissés Klassiker der Neuen Sachlichkeit, „Frauennot – Frauenglück“, oder Rossellinis „Reise in Italien“. Berrached gelingt hier Emotionalität ohne äußere Emotionalisierung – und falls Andreas Dresen ein Vorbild sein sollte, übertrifft sie ihn in diesem Punkt.

Nichts in „24 Wochen“ ist Gefühlsheischerei, nichts ist moralisierend

„24 Wochen“ hat nicht den Ehrgeiz, das Kino neu zu erfinden, aber das, was sich der Film vorgenommen hat, bringt er sehr überzeugend auf den Punkt. Es gibt nichts Gefühlsheischendes darin und nichts Moralisierendes. Und vielleicht ist ja gerade diese Spielart des Realismus sogar etwas, worin das deutsche Kino derzeit eine besondere Qualität bietet.

Isabelle Huppert in "L'avenir".  Foto: dpa

Während nun auch die ersten internationalen Meisterwerke über die Wettbewerbsleinwand ziehen, sieht man allerdings auch, was es leider nicht gibt im deutschen Kino. Niemand etwa käme hier auf die Idee, einen Film zu machen wie den französischen Beitrag „L’avenir“, und das nicht nur, weil natürlich nur eine Mia Hansen-Løve ihn drehen könnte.

Man stelle sich nur einfach einen deutschen Film vor, der unter Intellektuellen spielt. Und dessen von Isabelle Huppert dargestellte Protagonistin eine Philosophielehrerin ist, die mit ihrem Ehemann eine tiefe Verbundenheit zur Frankfurter Schule teilt. Wer könnte oder wollte eine hochemotionale Geschichte über den Verlust dieser Beziehung und eine späte Neuorientierung im Leben dieser Frau erzählen? Und wer fände sich, der dabei dennoch nicht aufgäbe, klug zu sein aber doch niemals beflissen?

Alltag auf und vor Lampedusa in Gianfranco Rosis „Fuocoammare“.  Foto: Berlinale

Gewiss, solche Filme sind auch in Frankreich selten, wo die erst 35-jährige Filmemacherin und Schauspielerin Mia Hansen-Løve, das Erbe eines Eric Rohmer in eine neue Zeit getragen hat. Aber man spürt plötzlich auch, wie wenig unsere Filmkultur in einem intellektuellen Austausch mit den Geisteswissenschaften oder den anderen Künsten steht. Den ersten Bären-Favoriten hat diese Berlinale in diesem feinsinnigen Film über die zweite Emanzipation einer emanzipierten Frau gefunden.

Und auch der zweite ließ nicht auf sich warten. Gianfranco Rosi ist ebenfalls ein Filmemacher, wie es ihn nur einmal auf der Erde gibt. Bekannt geworden mit seinem Dokumentarfilm „Das andere Rom“, der vor drei Jahren das Venedig-Festival gewann, hat dieses Ein-Mann-Team sich nun selbst noch einmal übertroffen. Ein Jahr verbrachte Rosi, der im Alleingang Bild und Ton produziert und so eine seltene Nähe zu den Protagonisten seiner Dokumentarfilme herstellt, auf der Insel Lampedusa. Er filmte den Alltag auf der Insel, sein stärkster Hauptdarsteller ist ein kleiner Junge, dessen liebstes Spielzeug eine Steinschleuder ist, die ihn sein Augenleiden überwinden hilft.

Doch wie in einem Brueghel-Gemälde ist die dörfliche Normalität zugleich die Kulisse einer Menschheits-Katastrophe. Ein Dorfarzt erzählt, was die Bergung der Kinderleichen mit ihm macht, und allmählich verlässt auch Rosis Kamera die Alltäglichkeit der Innenräume, fährt mit auf Rettungsboote und erfasst abseits der Flüchtigkeit üblicher Nachrichtenbilder auch diese untragbare Alltäglichkeit.

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Auch dieses Kino hat ein Vorbild in der Filmgeschichte, Robert Flahertys Irlandfilm „Man of Aran“ kommt einem in den Sinn. Rosi, dieser Solist des Dokumentarfilms, dringt mit der digitalen Mobilität seiner Ausrüstung freilich noch näher ein in die Realität. „Fuocoammare“ ist einer der großen humanistischen Dokumentarfilme in der Geschichte.

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