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Berlinale
Bilder und Berichte vom Berlinale-Filmfestival.

12. Februar 2016

Berlinale : Das Recht auf Verstörung

 Von 
Genre-Routine, aber auch Beunruhigung: „Midnight Special“ mit Michael Shannon und Jaeden Lieberher.  Foto: Ben Rothstein/WARNER BROS. ENTERTAINMENT INC. AND RATPAC-DUNE ENTERTAINMENT LLC

Den ersten Filmen der "Berlinale" aus Kanada und Tunesien fehlt jede Reibungsfläche. Der Science-Fiction-Film „Midnight Special“ von Jeff Nichols ist immerhin ein Lichtblick.

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Es war ein glamouröser und doch bissig-schillernder Auftakt mit „Hail, Caesar!“, dieser liebevollen und dennoch doppelbödigen Hollywoodsatire. Dass es die Coen-Brüder trotzdem nicht jedem recht machen konnten an diesem Berlinale-Eröffnungsabend, versteht sich von selbst. In der Kunst lässt sich eben nicht alles auf Konsensfähigkeit bügeln wie das Motto der diesjährigen Filmfestspiele, „Das Recht auf Glück“.

Der griechische Götterhimmel hätte über diesen frommen Wunsch so herzlich gelacht wie Shakespeare, Dostojewski und erst Recht die Coen-Brüder. Dennoch entdeckt Kulturstaatsministerin Monika Grütters bei ihrer Eröffnungsrede sogar etwas Politisches darin. „Ein Recht auf Glück ist ein mutiges Motto. Die Menschen kommen hierher mit nichts als der Hoffnung auf ein bisschen besseres Leben. Die Berlinale wollte immer politisch sein, sie ist es auch.“

Kann man es nicht einfach beim Namen nennen, das Recht der Verfolgten auf ein Überleben in Menschenwürde? „Das Recht auf Glück“ klingt nach der huldvollen Rhetorik einer Kanzlerin, die den Rechtsanspruch auf Asyl als gnädiges Geschenk vermittelt. Und damit tatsächlich das Recht zur Glückssache relativiert. Dabei ist politisches Kino natürlich nie ein Kino gewesen, das auf größtmöglichen Konsens abzielte, sondern das Debatten stiftete, ja den Dissens in Kauf nahm.

Wenn „Das Recht auf Glück“ wie Grütters folgert, „umgekehrt ja auch ein Motto für viel Freude am Kino und am Film“ sein soll, hätte das Verstörende und Kontroverse darin wohl keinen Platz. Den ersten beiden Wettbewerbsfilmen fehlt jedenfalls schon einmal jede Reibungsfläche – inhaltlich wie ästhetisch.

Symbolik mit dem Holzhammer

Der Kanadier Denis Côté überträgt in „Boris sans Béatrice“ den Tantalus-Mythos in die Gegenwart: Ein selbstgerechter Unternehmer erregt den Zorn der Götter, der sich im ungebetenen Besuch eines von Denis Lavant gespielten Boten manifestiert. Ihm gelingt, wozu Charles Dickens in seiner Weihnachtsgeschichte gleich drei Geister schicken musste: Die harte Schale des von James Hyndman gespielten Ekels bröckelt, gleich zwei Geliebte erhalten den Laufpass, und die depressive Ehefrau erwacht zum Dank aus ihrer Lethargie. Gut, dass die Coen-Brüder bereits abgereist sind. Was hier – komplett mit einer ausformulierten Auflösung der Symbolik – mit dem Holzhammer vermittelt wird, wirkt wie ein humorfreies Remake ihrer Hiob-Geschichte „A Serious Man“.

Von diesem Tiefpunkt erholte sich das Festival mit einem belanglosen, aber gefälligen Beitrag aus Tunesien. Auch Mohamed Ben Attias Film „Hedi“ erzählt eine Dreiecksgeschichte aus der Sicht des männlichen Protagonisten. Ein nicht mehr ganz junger Mann entfleucht darin seiner von der Mutter arrangierten Ehe mit einer bezaubernden Frau, weil sich aus schwer nachvollziehbaren Gründen noch eine zweite in ihn verliebt. Urplötzlich stellt er gesellschaftliche Konventionen ebenso in Frage wie die mütterliche Überbehütung, der er sich nie entwunden hat. Ob diese etwas plötzlich einsetzende Spätentwicklung wohl auch eine politische Lesart haben soll? Nein, „Hedi“ hat beim besten Willen nichts zu tun mit der tunesischen Demokratisierung. Es ist nicht mehr und nicht weniger als eine Coming-of-Age-Geschichte, wie sie jährlich dutzendfach rund um den Globus gemacht werden.

Dagegen entstehen Science-Fiction-Filme mit philosophischem Überbau nicht alle Tage, auch nicht in den USA, wo Jeff Nichols’ seinen Wettbewerbsbeitrag „Midnight Special“ drehte. Am schönsten ist der Filmanfang, der den Zuschauer in eine faszinierende Ungewissheit über das Geschehen taucht: Was bringt zwei Männer dazu, mit einem kleinen Jungen im Auto vor der Polizei zu fliehen? Typische Entführer sind sie nicht. Erst allmählich erschließt sich, dass hier ein Vater seinen achtjährigen Sohn aus den Fängen einer Sekte gerettet hat, doch zugleich sind FBI und NSA auf seinen Fersen.

Denn der Junge wird nicht von ungefähr von religiösen Fanatikern verehrt. Er besitzt übernatürliche Fähigkeiten, die ihn etwa in die Lage versetzen, unvermittelt streng verschlüsselte Codes zu enthüllen und fremdsprachige Radiosender mitzusprechen.

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Independent-Filmer Jeff Nichols nähert sich in seinem bislang aufwendigsten Film, prominent besetzt mit Michael Shannon, Joel Edgerton, Kirsten Dunst und Sam Shepard, dem Genre von „Twilight Zone“. Leider sieht sein Film dabei auch etwas zu sehr nach Steven Spielberg aus, um in einem Filmkunst-Wettbewerb zu bestehen. Doch die Ruhe der Inszenierung, die Genauigkeit der Figurenzeichnung hebt ihn weit über die Genrekonventionen hinaus, die er etwas zu ehrfürchtig umarmt.

Und auch Politisches lässt sich entdecken: Mit aller gebotenen Unheimlichkeit führt er in ein paranoides Amerika, in dem fanatische Sekten und die NSA mit allen Kräften zur Verunsicherung beitragen. Denn das wollen wir hier einmal als Zuschauer einfordern: Nicht das Recht auf Glück, sondern das auf Verstörung.

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