Aktuell: Fußball-EM 2016 | US-Wahl | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Berlinale
Bilder und Berichte vom Berlinale-Filmfestival.

16. Februar 2016

Berlinale 2016: Zu neuen Ufern

 Von 
Bücher-Liebhaber: Colin Firth (l.) und Jude Law in „Genius“.  Foto: dpa

Worte und Bilder sind die Attraktionen im Literaten-Porträt „Genius“ und dem chinesischen Wassermärchen „Crosscurrent“.

Drucken per Mail

Verlagslektoren flicht die Nachwelt gewöhnlich keine Kränze. Wie schön, dass man nun in Hollywood darauf gekommen ist, an einem Ort, der noch nicht einmal besonders berühmt dafür ist, seine Autoren zu ehren. Nun gut, „Genius“ ist eine Co-Produktion mit Großbritannien und das späte Regiedebüt des englischen Bühnenregisseurs Michael Grandage. Aber ungewöhnlich ist es schon, wie uns ein prächtig ausgestattetes Biopic ins New York der zwanziger Jahre führt, die Literaten Thomas Wolfe (Jude Law), F. Scott Fitzgerald (Guy Pearce) und Ernest Hemingway (Dominic West) auftreten lässt, aber doch einen anderen Genius feiert.

Es geht um Maxwell Perkins, der diese Autoren als Angestellter des Verlags Scribner & Sons entdeckte. Colin Firth betont die Unscheinbarkeit des passionierten Berufslesers, indem er die etwas strenge Regieanweisung befolgt, erst in der letzten Szene seinen Hut abzunehmen: Thomas Wolfe, sein menschlich und beruflich schwierigster Autor, überrascht ihn da mit einem letzten Brief, den er noch vor dem frühen Tod im Alter von 37 Jahren geschrieben hat. Es geht um die Beziehung dieser beiden ungleichen Männer, des orgiastisch-produktiven Hedonisten Wolfe, der die Gefühle seiner Mitmenschen ebenso meisterlich beschreiben kann, wie er sie mit Füßen tritt. Und des maßvollen Genießers großer Prosa, dem die redaktionellen Eingriffe, die er empfiehlt ein schlechtes Gewissen bereiten. Und der dann doch die Familie allein in Urlaub schickt, um mit einem Genie wie Wolfe daran zu arbeiten, zigtausende von Wörtern aus einem Buch zu streichen, während dieser ständig neue Absätze dazu schreibt.

Nach dem Desaster der Fallada-Verfilmung „Jeder stirbt für sich allein“ vom Vortag tat es im Berlinale-Wettbewerb doppelt gut, einen Film zu sehen, dem Bücher lieb und teuer sind. Auch wenn Grandage eindeutig ein Theatermann ist, der Jude Law eine geradezu rampensäuische Expression durchgehen lässt, während der untadelige Colin Firth auf Understatement setzt, ist das Zusehen ein Vergnügen. Das Drehbuch von John Logan, dem Autor von „Skyfall“, nach der Perkins-Biographie von A. Scott Berg findet wunderbare Momente für die Vermittlung sprachlicher Schönheit – etwa wenn Perkins seiner jüngsten Tochter den Anfang von Wolfes „Schau heimwärts, Engel“ vorliest und diese Worten lauscht, die weit über ihren kindlichen Horizont hinaus gehen. Es steckt eine Liebe zur Literatur in diesem Film, die Hollywoods Biopic-Interesse an Erfolgsgeschichten vorsichtig hinterfragt. Es geht gerade um die Relativität des Erfolgs, besonders stimmig in den Szenen, in denen der hyperproduktive Wolfe auf den krisengeschüttelten F. Scott Fitzgerald trifft: Berühmt und mittellos ist er froh, wenn ihm an einem Tag ein guter Satz gelingt.

Geheimnisvolle Schöne: Xin Zhi Lei in „Crosscurrent“.  Foto: dpa

Chinesische Lyrik ist berühmt dafür, mit Worten sparsam umzugehen. Der aus Peking stammende Yang Chao hat den Bildern seines Films „Crosscurrent“ eine ganze Sammlung klassischer Gedichte eingeschrieben, ohne ihn damit im mindesten zu beschweren. Das gelingt, weil die Bilder selbst wie Dichtung sind: Vier Jahre filmte er an der einfachen Geschichte über einen Flussschiffkapitän auf dem Jangtse.

Durch gewaltige Eingriffe in die Natur haben sich die Landschaften in jüngster Zeit stark verändert, Dörfer sind versunken, ein anderes ist wieder aufgetaucht: Es ist der schönste Spielort dieses schwebenden, in Dunst getauchten Märchens einer Reise durch die Zeit. Hier hat sich eine geheimnisvolle Schönheit eingerichtet und ist gestrandet, weil man die Passagierschifffahrt dort eingestellt hat. Immer wieder scheint der junge Mann dieselbe Frau zu treffen, jedenfalls ist ihre Darstellerin, die überwirklich schöne Xin Zhi Lei, stets dieselbe. Während er flussaufwärts fährt, bewegt sich ihre Geschichte gegenläufig, sie scheint bei jeder Begegnung jünger zu wirken.

Die Filmgeschichte kennt ein paar solch melancholischer Wassermärchen, sie gehören zu den schönsten des Kinos: Jean Vigos „L’Atalante“, Helmut Käutners „Unter den Brücken“, Frank Wisbars „Fährmann Maria“. Und nun kommt ein neues Meisterwerk dazu. Man fühlt sich an den frühen Wong Kar-wai erinnert, so feinfühlig arbeitet Yang Chao mit inneren Monologen, so kreativ nutzte er schwierige Arbeitsbedingungen.

Vier Jahre drehte das Team daran, jetzt ist es der letzte chinesische Spielfilm auf Zelluloid geworden. Der Man der es belichtet hat, Mark Lee Ping-Bing, arbeitete für Wong Kar-wai an „In the Mood for Love“ und fotografierte viele der Arbeiten von Hou Hsiao-Hsien. Die Flusslandschaften dieses Films überführen dokumentarische Ansichten in überzeitliche Kompositionen, doch sie verklären nichts. Und gewinnen dabei eine solche Allgemeingültigkeit, dass man sich nicht wundern würde, wenn aus dem Gelben Fluss mit seiner faszinierenden Sirene plötzlich das Rheingold auftauchte. Es ist der visuell originellste Film des Wettbewerbs, ja der einzige bisher, der in seiner Bildsprache zu neuen Ufern führt.

[ Wie wollen wir wohnen? Die neue FR-Serie - jetzt digital oder gedruckt vier Wochen lang ab 19,50 Euro lesen. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Spezial

Berlin im Film-Fieber: Alle Kritiken und Bilder vom Roten Teppich gibt es in unserem Themenspezial.


Videonachrichten Berlinale
Film

Die Filmwoche: Was läuft wann in welchem Kino? Alle Neustarts, alle Filme, alle Kinos, alle Zeiten.