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Berlinale
Bilder und Berichte vom Berlinale-Filmfestival.

17. Februar 2016

Berlinale: Die Büchse der Pandora

 Von 
Sie marschieren, aber Vinterbergs „Die Kommune“ ist vor allem ein leiser Film.  Foto: dpa

„Zero Days“ warnt eindringlich vor den Gefahren des Cyberkriegs, Thomas Vinterberg erzählt von einer Kommune.

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Das Kino ist nicht unbedingt bekannt als Enthüllungsmedium. Eher schon ist es eines der kunstvollen Verpackung. So erwartet man auch von einem politischen Dokumentarfilm selten Neuigkeiten, eher die eingängige Vermittlung relevanter Information. „Zero Days“, Alex Gibneys Dokumentarfilm über den sogenannten Cyberkrieg, ist beides.

Es gehört schon sehr viel Disziplin dazu, eine so brisante Katze bis zum rechten Augenblick im Sack zu lassen. Nun aber ist, was viele als Verschwörungstheorie abtaten, Gewissheit: Die amerikanisch-israelische Herkunft des 2010 entdeckten Computervirus „Stuxnet“. Auch wenn beide Seiten offiziell jede Verbindung leugnen, fand Gibney genug Whistleblower bei NSA und Mossad, um zu präsentieren, was die Amerikaner „the smoking gun“ nennen – handfeste Beweise. Und es ist ein Rauch, dem noch viele Explosionen folgen werden.

Gibney ist das, was man einen konstruktiven Pedanten nennen könnte. Um zu verstehen, was dieser Wurm anrichten sollte, spendiert er dem Publikum zunächst veritable Grundkurse in Informations- und Nukleartechnik. Erst dann lässt sich die Dimension der Gefahr ermessen: Das Angriffsziel war damals das iranische Kernforschungszentrum in Natanz, genauer gesagt die Steuerungssoftware von Zentrifugen.

Durch Über- und Unterfrequenzierung war es möglich, hunderte dieser Einheiten systematisch zu zerstören ohne dass dies in den lokalen Steuerungseinrichtungen sichtbar wurde. Denn die strategischen Ziele des „Cyber Command“, dieser neben Heer, Marine und Luftwaffe – davon ist man spätestens jetzt überzeugt – künftig vierten militärischen Streitkraft, ist neben höchster Effizienz auch die Verwirrung des Gegners. Computerangriffe verlaufen für die Opfer unsichtbar. Bevor Mahmud Ahmadinedschad den Cyberangriff im November 2010 einräumte, hatte man lange die Schuldigen unter den Beschäftigten der Kernanlage selbst gesucht.

Das Auslösen des Angriffs stellt Gibneys Film als Eigeninitiative Israels dar. Die beklemmende letzte halbe Stunde gehören der Aussage eines NSA-Mitglieds. Eine Schauspielerin trägt sie im Film vor. Allein das aus Spezialisten und Hackern zusammengewürfelte Team, das hochbezahlt und streng geheim den Wurm entwickelte, muss ein chaotisches Bild abgegeben haben. „Einer der Mitarbeiter kam in einem goldenen Cape zur Arbeit, auf seinem Schreibtisch wuchs ein großer Todesstern aus Lego.“ Das Lachen bleibt einem bald im Halse stecken. Denn natürlich gab man mit dem Entfesseln des Wurms auch anderen dieses Mittel in die Hände. Irans Atomforschung erholte sich schnell und zeigte sich gestärkt durch den Angriff; der dortige Geheimdienst schickte bald ähnliche Cyber-Grüße in die USA.

Gibney blickt auch in die Zukunft. Wer braucht noch konventionelle Streitkräfte, wenn es möglich ist, Gaspipelines, Zugstrecken, Stromnetze und Kernanlagen unbemerkt und in Sekunden zu zerstören? In Berlin verteidigte er ausdrücklich den Whistleblower Edward Snowden, durch dessen Unterlagen Barack Obamas Rückendeckung für die von seinem Vorgänger Bush begonnene Cyber-Offensive hervorgeht. „Ja, ich bin wütend über das schreckliche Ausmaß an Geheimhaltung in den USA, und wie sie zu einer Obsession wird, die unsere Demokratie beschädigt. Diese Geheimhaltung müssen wir entschieden bekämpfen, um zukünftige Probleme zu verhindern.“

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Nach Gianfranco Rosis „cinema verité“-Film über die Alltäglichkeit humanitärer Katastrophen am Beispiel des Lebens auf Lampedusa („Fuocoammare“) ist mit „Zero Days“ nun eine andere dokumentarische Schule mit einem Meisterwerk vertreten: Der analytische Recherchefilm im Dienst politischer Aufklärung. Kann man sich gar eine Doppelvergabe des Goldenen Bären dafür vorstellen?

Doch auch das Erzählkino zeigt sich auf hohem Niveau. Mit sozialen Utopien der Vergangenheit beschäftigt sich Thomas Vinterbergs dänischer Wettbewerbsbeitrag „Kollektivet“ („Die Kommune“). Mitte der Siebziger entscheidet sich ein Architekturdzozent (Ulrich Thomsen), in der geerbten väterlichen Villa eine Kommune einzurichten. Die gelebte Utopie stößt freilich früh an ihre Grenzen. Der Hausherr gibt seine Patriarchenrolle niemals auf, und der Einzug seiner Geliebten treibt die beachtliche Toleranzbereitschaft seiner Ehefrau, einer bekannten Nachrichten-Moderatorin, an ihre seelischen Grenzen.

Der Filmemacher, der 1999, nur 29-jährig, mit dem ersten Dogma-Film „Das Fest“ eine Renaissance des psychologischen Realismus im Kino einleitete, vermeidet diesmal jede Expression. Frei nach eigenen Kindheitserinnerungen ist es ein leiser, mitunter zärtlicher Film geworden, der sich mehr an Ingmar Bergman orientiert als an Lars von Trier.

Es gibt keine Retro-Nostalgie und überraschend wenig direkten Zeitbezug. Politische Kontexte fehlen weitgehend, was diesen Film von jeder Not befreit, sich etwa mit der 68er-Generation auseinanderzusetzen. So rückt Vinterberg den Film in eine Allgemeingültigkeit und Überzeitlichkeit, nimmt ihm aber auch Möglichkeiten, mehr zu sein als nur ein Patchwork privater Probleme. Anderseits müssen sich ja nicht überall Karl Marx und Frank Zappa unverzichtbar unter die Kommunarden gemischt haben. Hier hält man es eben mit Elton John.

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