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Berlinale
Bilder und Berichte vom Berlinale-Filmfestival.

10. Februar 2016

Berlinale: Filmfestival gegen deutsches Mittelmaß

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Die Berlinale 2016 findet vom 11. bis zum 21. Februar statt.  Foto: REUTERS

Nun weist auch die Berlinale den deutschen Film in seine Grenzen. Festivaldirektor Dieter Kosslick hat sich gegen deutsches Mittelmaß entschieden, denn neue Tendenzen findet man woanders.

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Nur ein deutscher Film im Berlinale-Wettbewerb – und das ist wohl auch gut so. Festivaldirektor Dieter Kosslick hat sich dagegen entschieden, wie in manchen früheren Jahren durch ein Überangebot auszugleichen, was auf internationalen Festivals fehlte, und dabei auch Durchschnittliches in Kauf zu nehmen. Wenn es eine Filmnation nicht fertig bringt, unter jährlich 150 zumeist hoch subventionierten Produktionen genug Bedeutsames hervorzubringen, dass es wenigstens für das wichtigste inländische Festival reicht, lässt sich das nicht mehr kaschieren. Jetzt wird niemand mehr die chronische Abwesenheit des deutschen Films in Cannes, Venedig oder zuletzt auch Locarno auf angebliche Ressentiments internationaler Festivalmacher schieben, die nicht aufhören, nach dem „neuen Fassbinder“ suchen. Es sieht einfach schlecht aus im deutschen Film. Und wenn diese Botschaft auch noch– wenigstens indirekt formuliert – von Dieter Kosslick kommt, einem seiner treuesten Verfechter, ist das besonders bitter. Nun muss man endlich offen darüber nachdenken, woran das wohl liegt.

Lange Jahre begann jede Berlinale mit einer Lobrede ihres wichtigsten Sponsors, Kulturstaatsminister Bernd Neumann. Von seiner Nachfolgerin Monika Grütters ist eher eine vorsichtige Ermahnung zu erwarten. Sie hat bereits erkennen lassen, dass das bloße Gießkannenprinzip einer Förderung, die von Kultur spricht, aber lediglich die Wirtschaft meint, nicht ihre Sache ist. Sie hat es nicht leicht.

Denn was kümmert den deutschen Kinomarkt die Berlinale, wenn am 25. Februar „Der geilste Tag“ startet? Dem deutschen Comedy-Drama wird ein ähnliches Kassenpotential zugeschrieben wird wie „Fack ju Göhte 2“. Florian David Fritz inszeniert sich darin an der Seite Matthias Schweighöfers in einer Geschichte, wie sie jedem Schüler irgendwann einmal einfällt, ohne gleich einen Film daraus machen zu wollen: Zwei junge Todkranke fliehen aus dem Hospiz und lassen mit geliehenem Geld die Sau raus. Was im Deutschen Kino heißt, sich bei voller Fahrt kreischend aus einem Autodach zu recken. Das letzte Mal sah man das unter dem Titel „Knockin’ on Heaven’s Door“ mit Schweighöfers Kumpel Til Schweiger.

Selbstverständlich wird „Der geilste Tag“ erst in den Berlinale-Kinos laufen, wenn diese schon fünf Tage vorbei ist. Natürlich braucht eine gesunde Filmkultur stets beides, die großen Erfolge und die große Kunst. Nur letztere wird immer seltener.

Ungerecht wäre jetzt, von der einzig Auserwählten im Wettbewerb gleich die Ehrenrettung des deutschen Kinos zu erwarten. Alles was man sich erhoffen kann, ist ein guter Film. Die Erfurterin Anna Zohra Berrached hat mit „24 Wochen“ ein Drama über eine erfolgreiche Kabarettistin gedreht, die sich damit auseinandersetzen muss, dass ihr Kind mit einer schweren Behinderung auf die Welt kommen würde. Vorab ist nur ein Ausschnitt daraus veröffentlicht worden, eine Auseinandersetzung des von der Nachricht aufgewühlten Paares auf einem Parkhausdach. Es sieht aus wie im Dogma-Kino der 90er Jahre: Auch die Handkamera wackelt in vollster Aufregung.

Das Logo der Berlinale bietet Besuchern jede Menge Fotomöglichkeiten.  Foto: REUTERS

Vor drei Jahren hatte Berrached in der Berlinale-Reihe „Perspektive Deutsches Kinos“ ihren Hochschulfilm „Zwei Mütter“ präsentiert, der ebenfalls von Problemen einer Schwangerschaft erzählte – die jedoch waren nicht medizinischer Natur: Ein lesbisches Paar stieß schnell an die Grenzen legaler künstlicher Befruchtung. In der Tradition des feministischen Kinos der 70er Jahre verbindet Berrached in ihren Filmen politisch-moralische Fragen mit denen persönlicher Identitätsfindung. Man kann gespannt sein auf die Premiere am kommenden Sonntag.

An diesem Donnerstag wird der Potsdamer Platz allerdings erst einmal aussehen wie der Hollywood-Boulevard an einem Gala-Abend. George Clooney und die Coen-Brüder geben Berlin die Ehre – und das mit einem Film, der von alten Kinozeiten träumen lässt. In den prüden frühen Fünfziger Jahren spielt George Clooney spielt den leichtlebigen Star eines Sandalenfilms. Zu jener Zeit setzten Filmstudios alles daran, Skandale zu kaschieren, Josh Brolin ist als Studio-Angestellter fürs Vertuschen und Aufräumen zuständig. Wie meist, wenn sich Hollywood die Ehre bei einem großen Filmfestival gibt, läuft „Hail Cesar“ außer Konkurrenz.

Aber kann man überhaupt von Konkurrenz sprechen, wenn so Ungleiches aufeinander trifft wie internationales Autorenkino, zwei Dokumentarfilme und ein Historiendrama von acht Stunden?

Man muss es sogar. Die Berlinale tut gut daran, abseits der eingelaufenen Pfade nach Bedeutsamen zu suchen. Die Filmkultur verändert sich gerade radikal. Die Standardlängen von neunzig bis hundert Minuten sind nicht mehr obligatorisch, seit viele wichtige Filme nicht mehr primär für die Kinoleinwand entstehen und Programmkinos sterben.

Der Philippine Lav Diaz geht mit seinem achtstündigen Schwarzweißfilm „A Lullaby of Sorrowful Mystery“ keineswegs als Außenseiter in den Wettbewerb. Große Erwartungen liegen auf seinem Revolutionsdrama um einen Freiheitskämpfer gegen die spanische Kolonialherrschaft im 19. Jahrhundert. Während sich die Witwe des Kämpfers in den Dschungel begibt, taucht der Filmemacher ein in verschiedene Ebenen der Geschichte seines Landes. Vor zwei Jahren gewann Diaz mit dem Fünfeinhalbstundenwerk „Von dem was war“ bereits den Goldenen Leoparden in Locarno.

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Namhafte Autorenfilmer wie der Franzose André Techiné, der Däne Thomas Vinterberg oder der Iraner Rafi Pitts halten die Tradition des Berlinale-Wettbewerbs aufrecht. Gleichzeitig aber stehen zwei hochkarätige Dokumentarfilme für die Anerkennung des nicht-fiktionalen Kinos als Kunstform. Der Amerikaner Alex Gibney enthüllt in „Zero Days“ die unglaubliche Geschichte des entfesselten Computervirus Stuxnet, offenbar einer Koproduktion US-amerikanischer und israelischer Geheimdienste. Und Gianfranco Rosi, dessen humanistische Beobachtungskunst von „Das andere Rom“ 2013 das Venedig-Festival gewann, hat sein Auge diesmal auf die Insel Lampedusa gerichtet. „Fuocoammare“ („Meeresfeuer“) betrachtet die Alltäglichkeit menschlicher Katastrophen aus der Perspektive der Inselbewohner, darunter eines zwölfjährigen Jungen.

Wer einen Blick auf die Vielfalt dieser Filmformen und –themen wirft, bekommt schon eine Ahnung davon, warum Deutschland darin so eine kleine Rolle spielt. Jedes Jahr wird es schwieriger bei uns, Filme zu finden, die überhaupt den Ehrgeiz haben, bedeutungsvoll zu sein. Sicher, es fehlte ihnen auch ein Publikum. Doch wenn sich auch für die Berlinale nichts mehr finden lässt, jenem Ort, an dem sich die Filmfans wie sonst nirgends auf die Füße treten und in diesem Jahr sogar eine Meryl Streep die Jury leitet – dann ist etwas gründlich schief gelaufen.

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