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Berlinale
Bilder und Berichte vom Berlinale-Filmfestival.

15. Februar 2016

Berlinale: Grob verpixelte Haut

 Von Claudia Reinhard
Filmszene: „Barakah Yoqabil Barakah“  Foto: El-Housh Productions

Die Berlinale zeigt erstmals einen Film aus Saudi-Arabien. Der saudi-arabische Regisseur Mahmoud Sabbagh hat es geschafft, in einem Land zu drehen, wo Kinos verboten sind.

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Wie dreht man in einem Land einen Film, in dem Kinos verboten sind? Der saudi-arabische Regisseur Mahmoud Sabbagh hat es geschafft und sich dabei ausgerechnet an Werner Herzog orientiert. „Frage nach Vergebung, nicht nach Erlaubnis“ ist einer der Tipps für Filmemacher, die der Regisseur in dem Interview-Band „Werner Herzog: A Guide for the Perplexed“ formuliert; und im Fall von Mahmoud Sabbagh hat der Ratschlag tatsächlich zum Ziel geführt. Sein Film „Barakah Yoqabil Barakah“ (Barakah trifft Barakah) läuft jetzt im Forum der Berlinale, als erster Film aus Saudi-Arabien seit Gründung des Festivals.

Sabbagh drehte größtenteils mit Genehmigungen, reizte diese allerdings über die Grenzen hinaus aus. Weibliche Haut ist im Endprodukt grob verpixelt, genau wie ein gezeigter Mittelfinger – allerdings erst, nachdem das Originalbild einige Sekunden erkennbar war. Weil Frauen eigentlich nicht mit Männern arbeiten dürfen, es im Film aber um die Interaktion der Geschlechter geht, waren die Dreharbeiten ständig in Gefahr, abgebrochen zu werden, doch der Regisseur hatte Glück.

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Im harmlosen Gewand einer klassischen romantischen Komödie erzählt Sabbagh die Geschichte von Barakah und Bibi, die sich ineinander verlieben könnten – hätten sie nur die Möglichkeit, sich kennenzulernen. Das ist in Saudi-Arabien aber schwierig – im öffentlichen Raum sind Frauen kaum sichtbar, sie dürfen nicht Auto fahren, sind nicht geschäftsfähig. Wird ein unverheiratetes Paar in der Öffentlichkeit erwischt, können harte Strafen bis zu Peitschenhieben drohen.

Der Ort für Begegnungen verschiebt sich für junge Menschen deshalb immer mehr ins Internet – kein Land hat prozentual mehr Twitter-Nutzer. Zwei Drittel der saudi-arabischen Bevölkerung ist unter 30, doch in der Politik des Landes schlägt sich das nach Meinung von Mahmoud Sabbagh kaum nieder. „Meine Generation, im Westen nennt man sie glaube ich Millennials, haben quasi keine Stimme. Es gibt keine Repräsentation in der Regierung oder in der Presse. Als neue Generation ist es jetzt unsere Aufgabe, mehr Kunst und soziale Freiheit zu fordern! Deshalb habe ich den Film gemacht.“

In „Barakah Yoqabil Barakah“ ist diese Hoffnung allgegenwärtig, aber auch der Konflikt zwischen traditionellen und progressiven Wertvorstellungen, die von wichtigen Einflüssen im Leben der Charaktere repräsentiert werden. Bibi hat Millionen Instagram-Follower, die sie in ihrem Wunsch nach Unabhängigkeit bestärken, während sie gleichzeitig ihre Adoptivmutter nicht enttäuschen will. Barakah ist ein aktiver Teil des politischen Systems – als Ordnungshüter schützt er den Status Quo, sehnt sich aber nach echten Gesprächen mit Bibi jenseits von Chats und Telefonaten und wird dabei von seinem rebellischen Onkel angefeuert.

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Die bedrückende gesellschaftliche Situation behandelt Sabbagh mit den Mitteln der Komödie. Die Religionspolizei wird verharmlost und manchmal auch verspottet, doch niemals verteufelt. Denn trotz aller Kritik wollte der Regisseur nach seinem Studium in New York unbedingt in sein Heimatland zurückkehren, um dort Filme zu machen. „Ich liebe mein Land. Ich will dort leben und meine Kinder aufziehen. Deshalb muss ich es verändern und etwas investieren. Ich wollte mein Land mit dem Film nicht beschmutzen. Ich möchte etwas durch Kunst, Humor und Dialog verändern. Nicht mit Gewalt“.

Ende letzten Jahres mehrten sich Berichte, in der Hauptstadt Riad sei der Bau eines Lichtspielhauses genehmigt worden. Die staatliche Medienkommission dementierte kurz darauf – eine Änderung der Gesetzeslage sei nicht geplant. „Barakah Yoqabil Barakah“ werden die Menschen, von denen der Film erzählt, vorerst nicht sehen können, jedenfalls nicht in einem Kino.

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