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Berlinale
Bilder und Berichte vom Berlinale-Filmfestival.

11. Februar 2016

Hail Caesar: "Ist das eine Anmache?"

 Von 
Ein Film über Flüchtlinge? "Sagen Sie mir doch erst einmal, was Sie tun."  Foto: AFP

"Hail Caesar" ist einer der besten Filme, mit denen die Berlinale je eröffnet wurde. Filmreif ist auch die anschließende Pressekonferenz, auf der dem Hauptdarsteller der Kragen platzt.

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Der eigentliche Coen-Brothers-Film fing erst nach dem Abspann an. Sein Schauplatz war die aus dem Werk der Amerikaner wohlbekannte Schnittstelle zum Absurden, als Kulisse diente eine Pressekonferenz der Berliner Filmfestspiele. Man ist es gewohnt, bei diesen Anlässen die unsinnigsten Journalistenfragen zu hören, diesmal aber hatte die Berlinale für eine besondere Inszenierung gesorgt. Wer den Eröffnungsfilm „Hail Caesar!“ bis zu Ende gesehen hatte, hatte keine Chance mehr, in den überfüllten Saal zu kommen und musste die Konferenz über einen Monitor verfolgen. Im Innern hatten folglich die Klatschreporter und Gossipblogger das Sagen. Kein Wunder, dass kaum eine Journalistenfrage irgendetwas mit dem Film zu tun hatte – immerhin einem der schönsten, die das Festival seit langem eröffnet haben.

In einem mächtigen Hollywoodstudio des Jahres 1951 spielt George Clooney einen angesehenen, aber haltlos naiven Filmstar, der von kommunistischen Drehbuchautoren entführt wird. Die historische Kommunistenhatz, die sehr wenig mit der tatsächlichen politischen Gesinnung der Verfolgten zu tun hatte, setzen die Coens einer historischen Brechung aus: Was wäre, wenn es da wirklich eine Schar politisch linksorientierter Intellektueller gegeben hätte, die versuchen würde, ihre Kapitalismuskritik mit kriminellen Mitteln in die Traumfabrik zu schummeln? Doch den wenigsten der anwesenden Journalisten, falls sie diese feinsinnige Hommage an das Ende des alten Studiosystems denn überhaupt gesehen hatten, schien sie etwas gesagt zu haben.

George Clooney, im Film hinreißend als angepasster Charakter, der sich bereitwillig vom Sittenwächter des Studios, gespielt vom robusten Josh Brolin, ohrfeigen lässt, platzte der Kragen. „Ist das eine Anmache? Tut mir leid, es ist zwecklos, ich habe schon wen“, war seine einzige Antwort auf die minutenlange Frage einer polnischen Journalistin. Kurzerhand nahm er die Moderation selbst in die Hand, um die Öffentlichkeit mit Neuigkeiten zu versorgen. „Die Coen-Brothers sind überhaupt keine Brüder. Das muss jetzt endlich einmal raus. Sie sind in Wirklichkeit Vettern.“ Die hingegen kicherten nur etwas zerknirscht in sich hinein, als sie Clooney mit vergiftetem Lob verwöhnte. „Es ist schon toll, dass sie so spät in ihrer Karriere noch so gute Filme machen, oder?“

Cäsar wurde entführt: George Clooney in „Hail, Caesar!“.  Foto: dpa

Wer mag da widersprechen. Waren schon viele ihrer früheren Filme wie „Hudsucker Proxy“ oder „Barton Fink“ Huldigungen an die Künstlichkeit der vergangenen Hollywoodästhetik gewesen, nutzen sie nun die Gelegenheit, Kostproben in weiteren Genres zu geben. Immer wieder unterbrechen sie die Handlung durch wunderbar choreographierte Musicalnummern: Der ebenfalls nach Berlin gereiste Channing Tatum brilliert in einer hinreißenden Step-Nummer als Star eines Matrosenballetts; Scarlett Johansson ist als Badenixe à la Esther Williams erst unwiderstehlich und dann auf nicht minder anziehende Weise widerborstig. Ein anderes Mal schwelgen die Coens im kindlichen Charme früher Serien-Western.

Aus jeder dieser Szenen gehen kleine Nebenhandlungen hervor, in denen man jene Skandalgeschichten wiederfindet, wie sie Kenneth Anger in seinem Buch „Hollywood Babylon“ erzählte: Hinter der schwangeren Badenixe verbirgt sich die Geschichte Loretta Youngs, die ihr eigenes Baby adoptieren musste, um nicht als uneheliche Mutter Schlagzeilen zu machen.

Doch bei aller Doppelmoral ist dieses Hollywood zugleich auch ein Himmel auf Erden, in dem die wunderbarsten Illusionen wie von selbst vom Fließband gehen. Lediglich als der Studioboss beschließt, aus dem unbedarften Cowboydarsteller (Alden Ehrenreich) einen smarten Komödiendarsteller zu machen, hat ein Regisseur ein Problem. Doch den spielt Ralph Fiennes so überzeugend mit der Noblesse des legendären George Cukor, dass sich auch diese Probleme lösen lassen.

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Welche Perlen wurden da verschwendet an Journalisten, die lieber ganz andere Filme gesehen hätten. Von George Clooney erbat sich ein griechischer Kollege auf Grund der Flüchtlingskrise ein „Syriana 2“, worauf er noch geduldig antwortete, das Thema bewege ihn sehr. Am Freitag, fügte er hinzu, werde er mit Angela Merkel zusammentreffen. Doch als ihn dann noch einmal eine deutsche Journalistin aufforderte, einen Film über Flüchtlinge zu drehen, war es mit der Geduld vorbei. „Ich bin sehr viel in Krisengebieten unterwegs. Sagen Sie mir doch erst einmal, was Sie für die Flüchtlinge tun.“ Als die Frau daraufhin aufzählte, was in ihrer Heimatstadt Wolfsburg geleistet werde, gab er sich nicht zufrieden. „Ich wollte wissen, was Sie persönlich tun. Verstehen Sie mich nicht falsch, aber ich finde Ihre Frage schon sehr merkwürdig.“

Es war eine traurige Schulstunde im Filmemachen, die schließlich auch den trotzigen Humor aus dieser Pressekonferenz fegte. „Filme entstehen nicht einfach aus dem Tagesgeschehen“, versuchte es Clooney noch einmal zu erklären. „Sie entstehen aus guten Drehbüchern und brauchen meist Jahre.“ Für manche Themen seien die Nachrichtenmedien eben besser geeignet. Aber den Glauben an guten Journalismus konnte man an diesem Nachmittag in Berlin vorübergehend verlieren.

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