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Schule und Hochschule

09. September 2014

Einkommenskluft: Vom Bildungsaufschwung profitiert nicht jeder

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Aufstieg durch Bildung: Für Schüler aus ärmeren Familien gilt das nur begrenzt, wie der aktuelle OECD-Bildungsbericht zeigt. Denn zwischen den sozialen Schichten gibt es nur „eine geringe Bildungsmobilität“.  Foto: dpa

In Deutschland ist der Bildungserfolg nach wie vor eng an die soziale Herkunft gekoppelt. Im internationalen Vergleich wächst hierzulande die Einkommenskluft zwischen Gering-und Hochqualifizierten besonders stark.

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Das Problem ist den deutschen Politikern längst bekannt – und doch verschärft es sich weiter: Das Bildungssystem der Bundesrepublik schafft es nicht, gleiche Chancen für alle Kinder herzustellen. Auch der neue Ländervergleich der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zeigt, dass Akademikerkinder mit doppelt so hoher Wahrscheinlichkeit studieren wie Kinder von Mittel- oder Niedriggebildeten.

Problematisch ist das vor allem, weil das Einkommen der Deutschen stärker als in früheren Jahren von ihrem Bildungsabschluss abhängt. So verdienen Menschen ohne Abitur und Berufsabschluss laut OECD im Schnitt 16 Prozent weniger als Menschen mit Abitur oder abgeschlossener Lehre.

Von Arbeitslosigkeit bedroht

Wer aber zudem noch einen Hochschulabschluss oder Meisterbrief hat, verdient im Schnitt 74 Prozent mehr als diejenigen mit mittleren Abschlüssen. Auch von Arbeitslosigkeit sind die Geringqualifzierten in Deutschland deutlich stärker bedroht: So lag die Erwerbslosenquote für Deutsche mit der höchsten Ausbildungsstufe nur bei 2,4 Prozent, während sie bei Menschen mit geringer Ausbildung rund 13 Prozent betrug – bei den Jüngeren zwischen 25 und 34 Jahren sogar 19 Prozent.

Deutsche Bildungspolitiker dürften sich deshalb nicht auf den guten Durchschnittswerten der Bundesrepublik ausruhen, forderte der Deutschland-Chef der OECD, Heino von Meyer, bei der Vorstellung des Berichts am Dienstag in Berlin. „Gerade für Schüler aus sozial schwachen Familien bleibt das Versprechen ,Aufstieg durch Bildung‘ häufig in weiter Ferne.“

So sei man in Deutschland zwar sehr stolz darauf, dass hier 86 Prozent der Erwachsenen zwischen 25 und 64 Jahren das Abitur oder einen Berufsabschluss vorweisen können. Allerdings sei diese Quote vor 40 Jahren kaum niedriger gewesen. Inzwischen verbessere sich die Bildung der jüngeren Deutschen im Vergleich zu den älteren in Deutschland kaum noch – anders als in fast allen der 34 Industriestaaten, für die die OECD 150 Kennziffern aus dem Jahr 2012 verglichen hat.

Der Bevölkerungsanteil mit Hochschul- oder Meisterabschluss wachse in Deutschland zu langsam, warnte OECD-Experte Meyer. Die Zahl derer, die einen höheren Abschluss erreiche als ihre Eltern, drohe gar zurückzugehen. So seien unter den jungen Erwachsenen bis 34 Jahren nur 19 Prozent höher gebildet als ihre Eltern, während 24 Prozent einen niedrigeren Bildungsabschluss hätten.


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Höhere Bildungsinventionen nötig

Nach Meyers Worten sollte Deutschland die „soziale Mobilität“ durch Bildung endlich stärker fördern. Dazu seien wesentlich höhere Bildungsinvestitionen nötig: In Deutschland habe der Bildungsaufschwung nur bedingt zu einer besseren ökonomischen Teilhabe bildungsferner Schichten beigetragen.

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) wehrte sich bei der gemeinsamen Vorstellung der Studie offensiv gegen diese kritische Lesart der OECD. Es sei „unsinnig, vom Abstieg zu reden“. Abschlüsse in der dualen Bildung seien akademischen Abschlüssen gleichwertig. Außerdem gehe es darum, jeden Schüler nach seinen individuellen Fähigkeit zu fördern und nicht um formale Bildungsvorgaben. Schließlich sei es angesichts des hohen Bildungsgrades vieler Deutscher ja auch schwer, dass ihre Kinder noch höhere Abschlüsse erreichen.

Wanka selbst stellt andere Ergebnisse des OECD-Berichts in den Mittelpunkt, über die sie sich regelrecht gefreut habe: So gab es in Deutschland noch nie so viele Menschen mit Hochschulabschluss wie derzeit, betonte sie. 2012 sei sogar „die 50-Prozent-Marke geknackt“ worden: Erstmals hat mehr als die Hälfte der Schulabgänger ein Hochschulstudium begonnen – während diese Quote im OECD-Durchschnitt zeitgleich im Zuge der Wirtschaftskrise gesunken sei.

Mehr Vorschulkinder

Auch der Anteil von Deutschen, die sich insgesamt in einer Bildungseinrichtung aus- oder fortbilden lassen, sei überdurchschnittlich hoch. Das betrifft sogar die Vorschulkinder, wie die derzeitige Präsidentin der Konferenz der Landesbildungsminister, Nordrhein-Westfalens Bildungsministerin Sylvia Löhrmann (Grüne), betonte: 96 Prozent der Vierjährigen besuchen inzwischen eine Kindertagesstätte – „und das ohne Vorschulpflicht, wie es sie in anderen Ländern gibt, sondern weil das Angebot von den Eltern angenommen wird“. Die Zahl finde sie beeindruckend, wenn man bedenke, dass noch vor wenigen eine heftige gesellschaftspolitische Debatte darum tobte, ob Vorschulkinder daheim nicht doch besser aufgehoben wären.

Nicht ganz so rapide, aber dafür nachhaltig zeigten sich auch die Erfolge in einem anderen gesellschaftspolitisch umkämpften Feld – der Förderung von Frauen in männerndominierten Berufen: So ist die Zahl der Abschlüsse von Frauen in naturwissenschaftlich-mathematischen Fächern in Deutschland so schnell gestiegen wie in keinem anderen OECD-Land.

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