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Schule und Hochschule

13. März 2014

Interview Schulunterricht: "Der Lehrer wird wichtiger"

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Tablets werde wie hier in der Klasse 7b des Neuen Gymnasiums Rüsselsheim zunehmend im Unterricht verwendet.

Digitale Medien werden immer häufiger im Schulunterricht eingesetzt. Im Interview mit Wissenschaftlerin Luise Ludwig wird klar: Der Lehrer wird dadurch wichtiger und der Unterricht schülerzentrierter.

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Luise Ludwig leitet Seminare zum digitalen Unterricht für Lehramtsstudierende an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main.

Frau Ludwig, wie könnte eine Englischstunde mit Tablets aussehen?

Nehmen wir mal es, es ginge um Australien. Die Stunde könnte damit beginnen, dass ein Schüler oder der Lehrer mit Google Earth Australien an die Wand wirft und man einordnen kann, wo man sich eigentlich befindet. Oder man sieht sich ein Werbevideo zu Australien an und vergleicht das mit dem, was die Schüler selbst über den Kontinent recherchieren. Und weil es ja Englisch-Unterricht ist, kann man die Tablets auf englische Spracheingabe umstellen, Texte eingeben oder Sprachmemos und sich auch Texte vorlesen lassen.

Wird der Lehrer weniger wichtig?

Im Gegenteil. Er wird sogar wichtiger, aber seine Rolle ändert sich. Er ist nicht mehr der Hort des Wissens, sondern er gestaltet die Lernumgebung und entscheidet, wann und in welchem Umfang die verschiedenen Lernmittel eingesetzt werden. Neu ist auch, dass es nicht nur um Lehr- und Lernmittel geht, die im Klassensaal vorliegen, sondern man holt die Welt in den Klassensaal, sozusagen das Fliegende Klassenzimmer – nur im umgekehrten Ansatz.

Wie verändert sich der Unterricht selbst? Ein Stichwort ist ja Gamification, also das Verwenden von ernsthaften Spielen zu pädagogischen Zwecken, beispielsweise Börsensimulationen.

Ja, Unterricht kann schon spielerischer und vielleicht auch spannender werden. Unterricht darf ja auch durchaus Spaß machen. Dazu müssen die Lehrkräfte allerdings gut aus- und weitergebildet sein. Was wir brauchen, ist eine qualifizierte Lehrerbildung, die nicht einfach so nebenbei läuft. Unterricht mit Tablets oder ähnlichen Geräten kann sehr viel mehr differenziert sein und auf die Fähigkeiten und Bedürfnisse des einzelnen des Lernenden eingehen, Lernende können in Teams sich selbst Stoffe erarbeiten, ihre sozialen Fähigkeiten entwickeln und vieles mehr. Insgesamt wird der Unterricht schülerzentrierter, weg vom Lehrer, der alles vorsagt.

Zur Person

Luise Ludwig ist Research Managerin an der Technischen Universität Chemnitz education (TUCed) und arbeitet am Centre for e-Learning Technology (CeLTech) im Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI).

An der Frankfurter Goethe-Uni leitete Ludwig im Rahmen der Initiative Digitale Bildung Neu Denken Seminare zum digitalen Unterrichten für Lehramtsstudierende. Die Initiative wird vom koreanischen Elektronikkonzern Samsung gefördert. An der Universität Mainz untersuchte sie gemeinsam mit Professor Stefan Aufenanger den Einsatz digitaler Technologien für das Lehren und Lernen. pgh

Junge Lehrerinnen und Lehrer wachsen mit Tablets auf, bei Älteren liegt das zweite Staatsexamen zwanzig Jahre zurück, da gab es Internet praktisch noch gar nicht. Gehen die Generationen unterschiedlich mit digitalen Medien um?

Ja schon, aber vielleicht sind die Unterschiede eher überraschend. Jüngere, gerade auch die Studierenden, tun sich mitunter schwer damit, Tablets als Arbeitsgerät einzusetzen. Vielleicht liegt das daran, dass sie Smartphones und Tablets vor allem als selbstverständliche Alltagsbegleiter erleben, die vor allem der Unterhaltung und Kommunikation dienen. Ältere haben sich die Geräte häufig sehr bewusst als Abeitsgeräte angeschafft und besuchen Weiterbildungen mit dem Zweck, sich für den Unterrichtseinsatz fit zu machen.

Ist es eigentlich eine schwierige Aufgabe, Lehrern den Weg zum Unterricht mit digitalen Medien zu weisen?

Das ist überhaupt nicht schwierig, wenn man erkennt, woran die bisherigen Initiativen gekrankt haben, digitale Bildungsmedien in Schule einzuführen.

Woran hat es gekrankt?

Die verschiedenen Aktivitäten und Pilotprojekte kamen von oben über die Schulen, vieles wurde gieskannenartig verteilt und ging deshalb oft an den tatsächlichen Bedürfnissen vorbei. Die Lehrkräfte wussten dann oft gar nicht, was sie damit anfangen sollten. Wir wissen heute, Grundschulen etwa können mit reinen interaktiven Tafeln wenig anfangen, sie brauchen Tafeln mit klappbaren Flügeln, auf denen man auch ganz klassisch mit Kreide schreiben kann Man muss Lehrkäften zuhören und fragen, was sie eigentlich benötigen.

Ich denke mit Grausen daran wie es war, wenn Lehrer ein technisches Gerät anschleppten, etwa um einen Film zu zeigen. Die erste Viertelstunde war dann mit dem Bemühen gefüllt, die Technik zum Laufen zu bringen, häufig unter der Mithilfe der halben Schülerschaft. Sind Lehrkräfte heute technikaffiner?

Zum einen das. Zum anderen ist die Technik selbst viel einfacher zu bedienen. Worüber wir reden, hat ja schon längst Einzug in die Klassenräume gehalten in Form von Smartphones und Tablets, die die Schüler mitbringen aber eben auch die Lehrer selbst. Viele nutzen die digitale Technik schon längst selbstverständlich zur Unterrichtsvorbereitung. Für den Einsatz im Unterricht selbst aber fehlt häufig die Ausstattung an den Schulen etwa frei zugängliches Internet.

Frankfurt startet gerade ein großes, 150 Millionen Euro teures Sanierungsprogramm für seine Schulen. Ein Ausbau der IT-Ausstattung gehört nicht dazu. Sind die Schulträger bei den digitalen Medien in Verzug?

Es ist auf jeden Fall nötig, die Schulen für den Einsatz der digitalen Medien einzurichten. An vielen Orten ist das auch schon geschehen. Man muss nur sehen, wie die moderne Arbeitswelt aussieht. Da ist doch klar, dass Schule darauf vorbereiten muss. Ob man das gut findet oder nicht. Man muss ja auch nicht die Schulbibliotheken abschaffen. Schulen müssen aber die Orte sein, an denen die Medienkompetenz auch für eine digitale Welt vermittelt wird. Und das geht nur, wenn man die digitale Welt auch in den Schulen findet. Sonst ist das wie Schwimmen lernen auf dem Trockenen.

Interview: Peter Hanack

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