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Schule und Hochschule

21. Januar 2014

Schule: Gutes Abitur bedeutet nicht gute Schule

 Von Peter Struck
 Foto: dpa

Beim Ranking schneiden viele Hamburger Stadtteilschulen wesentlich besser ab als so manches Gymnaisum.

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Vor einigen Wochen veröffentlichten die Hamburger Zeitungen den Brief einer Grundschullehrerin an die Eltern ihrer Erstklässler mit dem Vorwurf, die meisten Kinder ihrer Klasse seien zu schlecht erzogen, um mit ihnen relativ störungsfrei die Kunsthalle besuchen zu können. In der Folge erschienen täglich zahlreiche Leserbriefe, in denen mehrheitlich der Lehrerin zugestimmt wurde; in wenigen Fällen wurde die Schuld der vermeintlich „nicht guten“ Lehrerin gegeben: Sie habe sich vielleicht nicht so verhalten, dass die Kleinen von Anfang an spüren konnten, an dieser Pädagogin nicht vorbei zu kommen; gelegentlich war aber auch zu lesen, man dürfe eben nicht mit erst Sechsjährigen in eine Gemäldesammlung gehen.

Nun, die Klage, dass die „heutige Jugend“ schlecht erzogen sei, wurde schon bei den alten Griechen laut, und längst wissen wir, dass Kinder heute nicht schlechter, aber im Zuge einer veränderten Gesellschaft und vor dem Hintergrund des „Familienzerfalls“ sowie massiver Medieneinflüsse anders als in früheren Zeiten sind, deshalb ganz anders lernen und deshalb auch ganz anders erzogen werden müssen.

Berlin, Bremen und Hamburg schneiden als die drei Stadtstaaten bei innerdeutschen Ländervergleichsstudien stets schlechter ab als die Flächenländer, wenn es um Schulleistungen geht. Dieser Umstand hat Hamburg schon vor Jahren bewogen, häufiger als sämtliche anderen Bundesländer seine Schulen immer wieder in Bezug auf Lesen, Schreiben und Rechnen zu vermessen, und zwar nicht nur mit den üblichen IGLU-, PISA- und TIMSS-Tests, sondern auch mit eigenen LAU- und KESS-Studien, die regemäßig die Klassenstufen drei, fünf, sieben, neun und elf und nun sogar die Abiturienten überprüfen. Aktuell geht es dabei um die Studierfähigkeit. Gleichzeitig sind Pflichtdiktate für alle Alterstufen angeordnet worden, mit dem Ziel, dass jeder Schüler mindestens 400 Wörter richtig schreiben kann.

Die Ergebnisse all dieser Studien sind dann jeweils ein „gefundenes Fressen“ nicht nur für die Zeitungen, sondern auch für die Oppositionsparteien, egal welche Partei gerade in der Regierung sitzt. Grundsätzlich wird den jeweils Verantwortlichen dann „Versagen“ vorgeworfen, obwohl doch gleichzeitig jeder Kritiker weiß, dass die drei deutschen Stadtstaaten den höchsten Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund zu verkraften haben. Kein anderes Bundesland gibt pro Schülerkopf so viel Geld für Schulen aus wie Hamburg, aber die gemessenen Leistungen liegen weit hinter Sachsen, Thüringen und Bayern zurück. Andererseits machen in Hamburg bereits 51,7 Prozent aller Schüler eines Geburtsjahrgans Abitur (in Stuttgart sind es sogar 54,7 Prozent), und die Tendenz ist in allen deutschen Großstädten rasant steigend.

Daraus wird dann oft direkt geschlossen, dass das Anspruchsniveau der Gymnasien gesunken sein muss. Bayern produziert nämlich von allen 16 deutschen Bundesländern die niedrigste Quote an Schülern mit Hochschulreife, die deshalb natürlicherweise zugleich die leistungsstärksten sind. Und in der Tat scheitern mit dem Anwachsen der Zahl junger Menschen mit Hochschulreife immer mehr an den Anforderungen der Hochschulen. Der Hamburger Schulsenator Ties Rabe wehrt sich allerdings dagegen mit dem Satz: „Alle wissenschaftlichen Studien zeigen, dass das Abitur in den letzten dreizehn Jahren nicht leichter geworden ist“.

Nach meiner Erfahrung scheitern die meisten Studienabbrecher nicht an ihrer Studierfähigkeit, sondern an ihrem Lebenswandel oder an ihrer Erkenntnis, dass ein akademischer Abschluss heute nicht mehr ein Muss auf dem Weg zur sozialen Anerkennung ist, sondern dass man auch als Veranstaltungsmanager, als Betreiber eines Cafés oder als Gründer einer Surfschule im Ausland „gute Kohle machen“ und damit Ansehen gewinnen kann. So wie heute nicht mehr das Auto die Nummer Eins aller Statussymbole ist, sondern eher so etwas wie eine hohe Computerkompetenz und der Besitz eines Smartphones, so ist zwar noch bei Eltern das Wichtigste das Abitur ihres Kindes (55 Prozent in Hamburg), aber nicht mehr unbedingt bei ihrem Nachwuchs.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Bedeutung von sozialem Hintergrund und Bildungsgrad der Eltern

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